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Aufprall-Schutz: Der DFB setzt beim Kopfballtraining auf Empfehlungen statt Verbote.

In England ist Kopfballtraining für Kinder seit Kurzem verboten – aus Sorgen um die Gesundheit der Kleinen. Der DFB lehnt ein Verbot dagegen ab

Sind Kopfbälle für Kinder gefährlich?

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
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In England ist Kopfballtraining für Kinder seit Kurzem verboten – aus Sorgen um die Gesundheit der Kleinen. Der DFB lehnt ein Verbot dagegen ab und verweist auf widersprüchliche Studienergebnisse. In der Region verzichten derweil die meisten Klubs auf explizites Kopfballtraining für Kinder.

Landkreis – Dennis Petersen hat es selbst schon mal beobachtet, vor einigen Jahren beim Fußball-Kindergarten seines FC Deisenhofen. Da habe ein Trainer die Knirpse in Reih und Glied aufstellen und sie nacheinander zum Kopfball antreten lassen, erzählt der Jugendleiter, der den Coach hernach zum Gespräch bat. Denn: „Ich fand das nicht so cool.“

Zumal Kopfballtraining für Kinder beim FCD zwar nicht verboten, wohl aber „nicht erwünscht“ sei, sagt Petersen. „Ich weiß, dass es dazu im Verein auch andere Meinungen gibt. Aber aus meiner Sicht ist das in dem Alter sowieso nicht so wichtig.“ Und dann sei ja auch noch die Frage nach der möglichen Gesundheitsgefahr durch Kopfbälle, sagt der Jugendleiter, „die immer noch nicht eindeutig beantwortet ist“.

Schadet es dem Gehirn, wenn der Fußball gegen den Kopf prallt – immer und immer wieder? Eine klare Antwort auf diese Frage kann die Wissenschaft nicht geben. Das Problem sei, „dass es nach wie vor an Beweisen fehlt“, sagt Ingo Helmich von der neurologischen Abteilung der Sporthochschule Köln im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Aber: „Es deutet immer mehr darauf hin, dass sich Kopfballspielen negativ auf die kognitive Gesundheit der Sportler auswirkt.“ Einige Fußballverbände haben daraus Konsequenzen gezogen: In den USA ist Kopfballtraining für unter Zehnjährige schon länger untersagt; in England gilt seit Kurzem ein Verbot für Grundschüler. Dort sollen Kopfbälle ab der U12 nur noch selten trainiert und bei der U18 „so weit wie möglich“ reduziert werden. Im Spielbetrieb bleiben Kopfbälle aber in allen Altersklassen erlaubt.

Dabei könnte man auch hier über ein Verbot nachdenken, findet Uwe Hahm, Jugendleiter beim SV Lohhof. „Bis zur C-Jugend könnte ich mir Fußball auch ohne Kopfbälle vorstellen.“ Beim SVL gebe es zwar kein Trainingsverbot, „weil unsere Trainer alle so vernünftig sind“, sagt Hahm. „Ich würde es aber begrüßen, wenn der Verband eine klare Regel vorgibt.“ Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) lehnt dies aber ab. „Ich halte die wissenschaftliche Grundlage derzeit für zu dünn, um daraus angesichts der ohnehin wenigen Kopfbälle im Kinderfußball ein Verbot abzuleiten“, sagt DFB-Arzt Tim Meyer im Interview auf DFB.de.

Größere Debatten rund um das Thema habe es in Lohhof bislang weder bei Trainern noch Eltern gegeben, sagt Hahm – ein Satz, den man bei vielen Klubs aus der Region hört. Nur ein einziges Mal habe ihn der Opa eines Spielers darauf angesprochen, berichtet Philip Eder vom SV Heimstetten. Bei Kindern sei Kopfballtraining ohnehin „unnütz“, findet der Jugendleiter. „Das ist erst ab der D- oder C-Jugend sinnvoll“. Ein Verbot auch im Spiel lehnt Eder indes ab: „Ich denke, das würde eine falsche Richtung vorgeben. Hohe Bälle und Flanken gehören zum Fußball dazu.“

Derweil setzt der DFB auf Empfehlungen statt Verbote. So sei im Curriculum für Jugendtrainer ein spezielles Kopfballtraining erst nach dem 13. Lebensjahr vorgesehen, sagt Tim Meyer, der auch Arzt des Nationalteams ist. Zudem würde die Situation entschärft, „wenn nach Abschluss der Pilotphase in Deutschland im Kinderfußball flächendeckend die neuen Spielformen eingeführt werden“. Diese sehen unter anderem kleinere Felder, kleinere Mannschaftsgrößen sowie den Verzicht auf Abschläge und Abstöße vor. „All das ist ausgelegt auf Dribblings und auf flache und kurze Pässe – und nicht auf Flanken und Kopfbälle“, betont der DFB-Arzt.

„Kindern fehlen ohnehin die körperlichen Voraussetzungen fürs Kopfballspiel“, sagt Christian Meindl, Jugendleiter beim VfR Garching. Auch deshalb sei Kopfballtraining nicht Teil des Ausbildungskonzeptes beim VfR. „Erst mit zwölf, dreizehn“, sagt Meindl, „fangen wir mit der Technik an. Dann wird der Ball aus kurzer Distanz und ganz sachte zugeworfen, um den Kindern die Angst vorm Ball zu nehmen“. Ob es Kopfbälle im Kinderfußball überhaupt braucht? Diese Debatte wird auch in Garching kaum geführt, sagt Meindl. „Bislang ist nur eine Mutter auf mich zugekommen, die aus den USA stammt, wo das offenbar ein größeres Thema ist.“

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Welchen Einfluss haben Kopfbälle auf die Funktion und Struktur des Gehirns? Diese Frage untersucht seit 2017 ein groß angelegtes Projekt des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, an der sich auch die Technische Universität München beteiligt. Verantwortlich dort ist Joachim Hermsdörfer, Leiter des Lehrstuhls für Bewegungswissenschaft. Ein Interview.

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Dass nun auch in England ein Verbot erlassen wurde, dürfte die Debatte hierzulande befeuern. Den Anstoß für die strengen Regeln auf der Insel hatte eine Untersuchung gegeben, wonach Fußballer häufiger an degenerativen Hirnkrankheiten sterben sowie öfter an Demenz und Alzheimer erkranken. Diese Ergebnisse müsse man „ernst nehmen“, sagt DFB-Arzt Meyer, der aber zugleich von einer „Überinterpretation“ spricht. So zeige die Studie nicht, „ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Kopfbällen und dem erhöhten Demenzrisiko besteht.“

„Ich selbst“, sagt Michael Schmidt, „war schon als Spieler ein Gegner von Kopfbällen“. Jedoch weiß der Abteilungsleiter des TSV Ottobrunn: „Bei dem Thema kann man es nie allen recht machen.“ Im Jugendbereich setze er „auf die Vernunft und Weitsicht unserer Trainer“, sagt Schmidt. „Und wenn da überhaupt ein Kopfballtraining stattfindet, dann nur mit Softbällen aus Schaumstoff.“

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