Cricket in Lohhof: Ganz so professionell wie beim Test-Länderspiel zwischen Australien und Indien (oben) wird es vermutlich nicht gleich aussehen	Fotos: Hamilton/AFP
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Cricket in Lohhof: Ganz so professionell wie beim Test-Länderspiel zwischen Australien und Indien (oben) wird es vermutlich nicht gleich aussehen.

Ehemaliges Bundesligateam aus dem Westpark findet neue Heimat als 13. Sparte des Vereins

SV Lohhof gründet Cricketabteilung

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
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Sport auf Bundesliganiveau gibt‘s in Unterschleißheim bei den Volleyballerinnen des SV Lohhof. Sie spielen in der zweithöchsten deutschen Spielklasse, was stadtweit seines Gleichen sucht – noch. Denn schon bald könnten die Volleyballerinnen Konkurrenz aus dem eigenen Klub bekommen. So gibt es beim SVL seit Kurzem eine Cricket-Abteilung, deren Mannschaft nächste Saison in der Zweiten Liga antreten will.

Lohhof – Wobei der Vergleich zwischen Volleyball und Cricket natürlich hinkt. Hier eine seit Jahrzehnten etablierte Sportart mit deutschlandweit mehr als 7000 Vereinen und gut 400 000 Mitgliedern; dort ein Spiel, das in anderen Teilen der Welt zwar Millionen Menschen fasziniert, hierzulande aber selbst unter den Nischensportarten ein Schattendasein führt. Und doch erfreut sich Cricket in Deutschland stetig wachsender Beliebtheit: Laut dem Deutschen Cricket Bund ist die Zahl der Vereine zuletzt auf circa 140 gestiegen. Der wohl jüngste Neuzugang stammt dabei aus Unterschleißheim, wo der SV Lohhof Anfang des Jahres eine neue Abteilung gegründet hat.

Gründungsversammlung der Cricketabteilung (v.l.): Jaymin Patel (Technischer Leiter) Zeeshan Shaikh (Schriftführer) Arun Karthik Ganesan (2. Abteilungsleiter) Stefan Schneiders (SVL-Vizepräsident) Brigitte Weinzierl (SVL-Präsidentin), Pramod Pandey (Kassenwart), Prafull Toke (Abteilungsleiter).

„Schon im Frühjahr ist eine Gruppe Cricket-Spieler auf uns zugekommen und hat gefragt, ob sie dem Verein beitreten kann“, berichtet SVL-Präsidentin Brigitte Weinzierl. Nach eingehender Prüfung und einem Demo-Spiel im August habe der Vereinsausschuss beschlossen, dieser Bitte nachzukommen. „Wir sind ein Sportverein, um möglichst viele Sportarten anzubieten“, erklärt die Vorsitzende des SVL, der nunmehr 13 Abteilungen bei circa 4800 Mitglieder zählt. Zudem verfüge der Klub über die Platzkapazitäten, um der Gruppe ein regelmäßiges Training sowie Ligaspiele zu ermöglichen.

Genau das sei der Hintergrund der Anfrage gewesen, sagt Prafull Toke, der neue Leiter der Abteilung Cricket. Ihm zufolge entstammt das Gros der Spieler einem Team des Munich International Cricket Club (MIC) – ein Verein, der infolge des kollektiven Wechsels nach Lohhof aufgelöst werde, so Toke. Der MIC hat unlängst noch in der Cricket-Bundesliga gespielt, ehe er zuletzt er in der zweithöchsten deutschen Spielklasse antrat. Diesen Startplatz wolle man nun auf den SV Lohhof übertragen, sagt der Abteilungsleiter. „Da sind wie gerade in Gesprächen mit dem Verband.“

Beim MIC habe man im Münchner Westpark trainiert und gespielt, erzählt Prafull Toke. „Aber die Spielflächen und die Infrastruktur dort waren nicht gut.“ Anders in Unterschleißheim, wo die etwa 30 Spieler starke Abteilung eine Heimat am Sporttreff erhält. Trainiert wird dort – sobald es die Corona-Lage zulässt – auf der Rasenfläche inmitten der Blinden-Laufbahn, sagt Toke. Die Spiele sollen dann auf einem der beiden Fußballfelder stattfinden. Ein Teil der Ausrüstung konnte die Abteilung von ihrem alten Verein in München übernehmen. Darüber hinaus sei der SV Lohhof gerade dabei, einen Schlagkäfig sowie weiteres Equipment zu besorgen, sagt Brigitte Weinzierl – wobei die Stadt dies mit einem Zuschuss in Höhe von 40 Prozent der Kosten unterstützt.

„Wir sind hier Teil eines großen Vereins, und das gibt uns ganz andere Möglichkeiten“, sagt Prafull Toke. „Wir sind sehr froh, dass wir in Lohhof gelandet sind.“ Im Gepäck haben die Cricket-Freunde große Pläne: Man wolle alsbald eine Jugendmannschaft gründen und auch ein Frauen-Team sei angedacht, sagt der Abteilungsleiter. „Außerdem wollen wir mehr einheimische Leute ansprechen.“ Schließlich bestehen die zwei Mannschaften des Klubs aktuell fast ausschließlich aus Spielern aus Indien, Pakistan, Afghanistan und Bangladesch. Damit ist der Klub freilich keine Ausnahme. So geht der jüngste Cricket-Boom hierzulande nicht etwa auf eine plötzlich entflammte Begeisterung der Deutschen für den Sport zurück, sondern vor allem auf den Zuzug von zwei Gruppen. Zum einen Flüchtlinge aus Ländern, in denen Cricket Nationalsport ist – allen voran Afghanistan. Zum anderen hat der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre dazu geführt, dass viele Menschen aus Indien, Pakistan und Australien zum Studieren oder Arbeiten nach Deutschland gezogen sind. Dort wollen sie Karriere machen – und weiterhin ihren Nationalsport betreiben.

„Als ich vor elf Jahren nach Deutschland gekommen bin, gab es in Stuttgart einen einzigen Cricket-Verein“, sagt Prafull Toke. „Heute sind es vier.“ Wenn er über seinen Sport spricht, der hierzulande oftmals eher Befremden denn Begeisterung hervorruft, dann gerät der Abteilungsleiter ins Schwärmen. „Cricket ist wie das Leben“, sagt Toke. „Es gibt Phasen im Spiel, in denen nichts passiert und es langweilig ist. Aber danach kommen Phasen, in denen sehr viel passiert und das Spiel sehr dynamisch ist.“ Dazu kämen Werte wie Fairness und Respekt, die beim Cricket groß geschrieben würden, sagt der Abteilungsleiter. „Ich bin überzeugt, dass der Sport auch in Deutschland immer beliebter werden wird.“

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