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Trainer Patrick Steuerwald arbeitet akribisch an der Entwicklung der jungen Unterhachinger Mannschaft.

„Die Entwicklung hat uns hart getroffen“

  • Umberto Savignano
    vonUmberto Savignano
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Patrick Steuerwald (34) kann bei seiner ersten Station als Cheftrainer das größtenteils blutjunge Team des Volleyball-Bundesligisten TSV Unterhaching trotz des vorletzten Tabellenplatzes sorgenfrei in die ausstehenden neun Partien führen, denn es gibt in diesem Jahr keinen Absteiger. Vor dem ersten Punktspiel 2021, morgen (19.30 Uhr) bei Serienmeister Berlin Recycling Volleys, spricht der 125-fache Nationalspieler, der als Aktiver dreimal den DVV-Pokal nach Unterhaching holte, über die Entwicklung seiner Mannschaft, die Chancen für eine Fortführung des Hachinger Projekts und die Gründe für die momentane Hochspannung in der Liga.

Haben Ihre Spieler die kurze Weihnachtspause ohne Corona, Gewichtszunahme oder sonstige Unpässlichkeiten überstanden?

Alles gut soweit, die Pause hat allen sehr gut getan, auch mir, denn für mich ist die 1. Liga als Trainer ja auch etwas Neues. In Berlin wird aber unser Kapitän Roy Friedrich fehlen. Der Beruf geht eben bei manchen vor. Unser lange verletzter Außenangreifer Niklas Brandt ist wieder dabei, aber er muss noch Vertrauen in die Schulter bekommen.

Wie lautet denn Ihre Zwischenbilanz vor diesem zweiten Rückrundenspiel in der Hauptstadt?

Das Spiel, das wir realistisch gesehen gewinnen konnten, nämlich beim VCO Berlin, haben wir 3:2 gewonnen. Man kann natürlich philosophieren, was noch drin gewesen wäre, zum Beispiel bei den 1:3-Niederlagen gegen Bühl und Lüneburg, als wir vielleicht einen zweiten Satz hätten holen können. Mit den Erfahrungen, die wir bislang gemacht haben, hoffe ich, dass wir in der Rückrunde wirklich noch den einen oder anderen Satz mehr gewinnen und damit auch noch den einen oder anderen Punkt für die Tabelle. Grundsätzlich sind wir auf dem richtigen Weg. Der Weg ist aber noch lange nicht vorbei und er wird auch am Ende der Saison nicht vorbei sein.

Was hat Sie positiv, was vielleicht auch negativ überrascht?

Positiv ist, dass wir überhaupt spielen und diese Erfahrungen machen dürfen, durch die wir uns entwickeln können. Schade war, dass wir durch die Verletzung von Niklas Brandt drei Viertel der Hinrunde praktisch mit nur zwei Außenangreifern gespielt haben. Deswegen gilt unser großer Dank Mohamed Chefai, dass er auf der Außenposition ausgeholfen hat, statt sich auf den Kampf um die Liberoposition mit Lenny Graven zu konzentrieren. Das ist ihm auch total gut gelungen. Negativ war die zweiwöchige Corona-Quarantäne vor Saisonbeginn. Die hat uns doch einiges gekostet. Dadurch lief zum Beispiel die Abstimmung der Zuspieler mit Roy, der dann beruflich bedingt nicht so oft trainieren konnte, nicht nach Plan.

In der Bundesliga gibt es derzeit jede Menge überraschender Ergebnisse. Sie sind schon lange dabei: Können Sie sich an eine so spannende Saison erinnern?

Ehrlich gesagt, nein. Das hat sich im vergangenen Jahr schon angedeutet, vor allem das Mittelfeld der Liga ist da immer enger zusammengerückt. Aber da war die Kluft zwischen dem Ersten zum Zweiten und von diesem zu den vier, fünf dahinter noch klarer. Jetzt ist auch die Spitze noch näher beisammen.

Wie erklären Sie sich das?

Ohne Zuschauer fehlt doch etwas Entscheidendes, das Leistungssportler gewohnt sind. Man könnte meinen, die Underdogs profitieren mehr von der emotionalen Atmosphäre der gefüllten Hallen, aber ich habe das Gefühl, auch die Spieler der Top-Teams zeigen durch die komische Situation mit den leeren Rängen größere Schwankungen.

Macht so eine Saison der Überraschungen den Beteiligten mehr Spaß?

Wenn es unklar ist, wie es zwischen dem Ersten oder Zweiten und dem Sechsten oder Siebten ausgeht, freut sich der Sechste und der Siebte, der Erste wohl weniger. Für die neutralen Zuschauer ist es natürlich spannender, wenn es enge Spiele und viele Überraschungen gibt. Und es ist schon gut, wenn der Meister nicht nach der Hauptrunde schon feststeht, sondern viele Mannschaften Einfluss auf die Entscheidung haben. Das macht Volleyball allgemein interessanter.

Bekommt das derzeit auch jemand außerhalb der Volleyballszene mit?

Das ist eine gute Frage, die ich aus dem Stegreif nicht beantworten kann. Aber in den Hauptmedien ist Volleyball nach wie vor nicht so vertreten.

Bislang ist der Spielbetrieb von der Corona-Krise noch nicht stark betroffen gewesen. Glauben Sie, dass es, anders als nach der abgebrochenen Saison 2019/20, dieses Jahr wieder einen Meister geben wird?

Die Liga ist tatsächlich erstaunlich gut durchgekommen, auch verglichen mit allen anderen Nationen. Ich hoffe, dass es so weitergeht und dass wir auf jeden Fall die Hauptrunde abschließen können. Dann hätte man ja schon die Grundlage für einen ehrlichen Meister. Ich finde Play offs eigentlich sehr gut, weil man so für die Zuschauer spannende Top-Spiele auf hohem Niveau kreiert. Aber sie machen für mich eigentlich nur Sinn, wenn Zuschauer dabei sind oder es eine große mediale Aufmerksamkeit gäbe. Wenn das nicht der Fall ist, kann man den Titel auch nach der Hauptrunde vergeben. Das ist aber meine persönliche Auffassung, ich weiß nicht, ob es solche Überlegungen bei der Liga gibt.

Sie sind beim TSV Unterhaching angetreten, um etwas aufzubauen und langfristig im Mittelfeld oder vielleicht sogar oben mitzuspielen. Aber ist denn in dieser Corona-Krise überhaupt die nahe Zukunft des Hachinger Bundesliga-Projekts gesichert?

Es ist vieles nicht so gelaufen, wie gedacht. Natürlich war vorgesehen, dass ein paar Zuschauer kommen und wir den V.I.P-Raum haben. Die Entwicklung hat uns da schon hart getroffen. Deshalb kann man erst in zwei, drei Monaten sagen, wie es weitergeht.

Wenn es weitergeht: Dann mit Ihnen als Trainer?

Ich wohne jetzt ja im Münchner Raum, Interesse besteht auf jeden Fall. Aber es muss nicht unbedingt noch einmal so eine Saison sein, andere Möglichkeiten wären schon schön. Man muss aber einfach mal abwarten. Es ist zu früh, sich darüber Gedanken zu machen. Das habe ich im Januar noch nie gemacht. Dass da alles offen ist, ist ganz normal.

Zurück zur Gegenwart: Was erwarten Sie sich von der Partie in Berlin?

Das Hinspiel war unser allererstes Spiel und ich hoffe, dass wir einiges gelernt haben, zum Beispiel, dass wir den Respekt ein bisschen ablegen können. Respekt gehört dazu, aber Berlin ist nicht der Maßstab, wir sollten uns deshalb mehr auf unser Spiel fokussieren. Es ist eine gute Trainingsmöglichkeit, denn manche Dinge, zum Beispiel gegen solche Aufschläge zu bestehen, können wir ja nicht in unserem Training üben.

Wie bewältigen Sie die Corona-Krise eigentlich persönlich?

Neben meiner Tätigkeit als Volleyball-Trainer ist, weil die Kitas geschlossen sind, meine Hauptaufgabe zurzeit die Bespaßung meiner beiden Töchter, zusammen mit meiner Frau, die noch in Elternzeit ist.

Das Gespräch führte
Umberto Savignano.

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