Die Gymnastik fällt derzeit aus: Die 90-jährige Hilde Springer, die seit 62 Jahren beim TSV Haar trainiert, bei einer Übung in der Haarer Turnhalle. Foto: Patrik Stäbler
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Die Gymnastik fällt derzeit aus: Hilde Springer, die seit 62 Jahren beim TSV Haar trainiert, begleitet alternativ einen ihrer Enkel beim Zeitungen austragen.

Wenn Senioren soziale Kontakte und Bewegung fehlen

Hilde Springer (90) vermisst ihr geliebtes Turnen beim TSV Haar

  • Patrik Stäbler
    vonPatrik Stäbler
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Es ist in diesen Corona-Zeiten oft die Rede davon, was gesperrte Sportplätze und geschlossene Turnhallen mit den Kindern im Land macht. Sie bräuchten dringend Bewegung, heißt es dann. Dazu warnen Klubvertreter allenthalben, dass viele Kinder nach Corona womöglich nicht mehr zum Sport zurückkehren könnten.

Haar – Eher selten hört man dagegen Klagen von Älteren – und von ihrem Bedürfnis nach regelmäßigem, angeleitetem Training im Verein. Dabei zeigen zig Studien, wie wichtig Bewegung im Alter ist. Und wirft man einen Blick auf die vielfältigen Sportangebote für Senioren bei fast allen Landkreis-Vereinen, dann wird schnell klar, was hier zurzeit alles wegbricht.

Alternativ kann man auch mit Hilde Springer sprechen, seit wenigen Tagen 90 Jahre alt – und trotzdem geistig und körperlich so fit, als habe sie die vergangenen drei Jahrzehnte in einer Zeitkapsel verbracht. Ein Grund hierfür sind die vielen sozialen Kontakte, die die rüstige Rentnerin aus Haar pflegt. Ein weiterer ist ihre Liebe zum Sport: Im Jahr 1958 – der Kanzler hieß noch Konrad Adenauer und der Deutsche Meister FC Schalke 04 – ist Hilde Springer der Turnabteilung des TSV Haar beigetreten. „Eine Bekannte wollte unbedingt ins Training gehen, also habe ich sie begleitet“, erinnert sich Hilde Springer. „Sie ist nur dreimal hingegangen. Ich dagegen bin geblieben.“ Bis heute.

Seit nunmehr 62 Jahren trainiert Hilde Springer beim TSV Haar. Oder genauer gesagt: Sie trainierte dort – bis zum neuerlichen Lockdown im November. „Furchtbar schlimm“ sei es, dass sie seither auf ihr geliebtes Turnen verzichten müsse, sagt Hilde Springer. Zum einen, weil sie deutlich merke, dass ihr die Bewegung fehle. Schließlich sei sie eigentlich „fürchterlich faul“ und mache allein daheim lediglich „ein paar Übungen, aber mehr nicht“. Zum anderen, und das ist der 90-Jährigen mindestens genauso wichtig wie der Sport, vermisst sie den sozialen Kontakt zu ihren (meist deutlich jüngeren) Turn-Kolleginnen, mit denen sie teilweise schon seit Jahrzehnten gemeinsam trainiert. Ob die Gruppe nach Corona wieder in der alten Besetzung zusammenfinden wird? „Nein, das glaube ich nicht“, sagt Hilde Springer. „Wenn man mit 70 oder 75 Jahren einmal mit dem Sport aussetzt, dann ist es sehr schwer, danach wieder anzufangen.“

Dabei ist die Erwachsenen-Turngruppe gerade für einige der älteren Teilnehmer ein Fixpunkt in der Woche gewesen. Und nicht zuletzt Hilde Springer war es, die alle zusammenhielt. So hat die 90-Jährige stets eine Weihnachtsfeier für die Gruppe organisiert und alljährlich 500 Plätzchen für alle gebacken. Heuer jedoch muss das Fest entfallen, wovon zumindest die Enkel von Hilde Springer profitieren. Denn sie, die sonst stets ermahnt wurden, die Finger von den Plätzchen zu lassen, dürfen in diesem Advent nach Herzenslust zugreifen. Denn aufs Backen hat Hilde Springer trotz Corona nicht verzichten wollen.

Und keinesfalls verzichten will die 90-Jährige auch auf den Kontakt zu ihren drei Kindern sowie den Enkeln. Denn, so formuliert sie das: „Die Seele braucht ja auch etwas.“ Und so begleitet Hilde Springer dieser Tage beispielsweise einen ihrer Enkel beim Zeitungen austragen – eineinhalb Stunden lang, quer durch Haar, in Eiseskälte. „Aber das tut mir gut“, sagt sie. „Ich bewege mich, bin im Freien und kann mich auch noch mit meinem Enkel unterhalten.“

Gemeinsam mit der Familie wird Hilde Springer auch Weihnachten feiern – so wie jedes Jahr. Und danach wird sie wie viele andere hoffen, dass die Pandemie unser aller Leben alsbald weniger prägt, und auch die Turnhallen wieder öffnen können. Ob sie dann wieder ins Training gehen wird, so wie sie es 62 Jahre lang getan hat? „Das hängt davon ab, wie es mir geht“, sagt Hilde Springer. „Ich will es auf jeden Fall versuchen.“

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