Nicht jeder taktische Kniff erschließt sich dem Zuschauer sofort: Die Cricketabteilung des SV Lohhof zählt derzeit 40 Mitglieder; langfristig sollen eine florierende Jugendarbeit und eine Frauenmannschaft aufgebaut werden.	Fotos: Dieter Michalek
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Nicht jeder taktische Kniff erschließt sich dem Zuschauer sofort: Die Cricketabteilung des SV Lohhof zählt derzeit 40 Mitglieder; langfristig sollen eine florierende Jugendarbeit und eine Frauenmannschaft aufgebaut werden.

Das neue Cricket-Team des SVL startet in den Spielbetrieb und will die Lohhofer begeistern

„Cricket ist wie Schach – nur mit lebenden Figuren“

  • Patrik Stäbler
    VonPatrik Stäbler
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Prafull Toke, sichtlich und hörbar begeistert, hat seinen Blick in die Ferne gerichtet – hin zu jenem ausrollbaren Kunstrasenteppich in der Mitte des Feldes am Unterschleißheimer Sporttreff, wo sein Teamkollege Ramachandran Swaminathan soeben ein Boundary geschlagen hat, wie das im Cricket heißt. Bedeutet: Der Kapitän des SV Lohhof hat den Ball derart geschickt an den Verteidigern des Munich Cricket Club (MCC) vorbeigezirkelt, dass er unerwischbar über die Spielfeldbegrenzung hinaus gehoppelt ist.

Lohhof – Infolge dieser Aktion verschieben die gegnerischen Abwehrspieler nun ihre Positionen, ehe Swaminathan zum nächstem Schlag ausholt – was wiederum Prafull Toke am Seitenrand mit Interesse, ja man muss fast sagen: mit Euphorie verfolgt. „Schauen Sie sich das an“, sagt das Vorstandsmitglied der neu gegründeten Lohhofer Cricket-Abteilung in Richtung der neben ihm stehenden Vorsitzenden des Gesamtvereins, Brigitte Weinzierl, die an diesem Vormittag als Zuschauerin zum ersten Ligaspiel des SVL gekommen ist. „Die stellen sich jetzt ganz anders auf, weil sie wissen, was kommt.“ Mit blitzenden Augen erläutert Prafull Toke noch einige weitere taktische Kniffe, ehe er seine Ausführungen mit einem Seufzer beschließt. „Ach, ich könnte stundenlang über Cricket sprechen. Das ist wie Schach – nur mit lebenden Figuren.“

Prafull Tokes Begeisterung teilen hunderte Millionen Menschen weltweit – allen voran in Indien, Pakistan, England, Südafrika, Australien und anderen Länder des Commonwealth, wo Cricket der Nationalsport ist. Andernorts dagegen, etwa in Deutschland, gilt das Spiel den meisten Menschen als gähnend langweilig weil unendlich kompliziert und von unvorhersagbarer Dauer. Wobei: Cricket in Deutschland habe zuletzt eine beachtliche Entwicklung genommen, erzählt Prafull Toke, der 2010 zum Studieren aus Indien nach Stuttgart gekommen ist. „Wenn man die Situation von vor zehn Jahren mit heute vergleicht, dann ist das wie Tag und Nacht“, findet er.

Auf geht’s Reds: Lohhofs Kapitän Ramachandran Swaminathan schwört sich mit seinen Mitspielern auf die Partie ein.

Ein Grund für die steigende Beliebtheit des Sports vor allem in größeren Städten sind die vielen Fachkräfte und Studierenden aus Cricket-Ländern wie Indien, England und Australien. Ein weiterer sind die gestiegenen Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren, allen voran aus Afghanistan, wo die Sportart einen Status wie hierzulande Fußball hat. Laut dem Deutschen Cricket-Bund ist die Zahl der Vereine zuletzt auf 140 gestiegen. Einer der jüngsten Neuzugänge ist der SV Lohhof, dessen Abteilung zu Beginn dieses Jahres gegründet wurde.

Das Gros der circa 40 Mitglieder entstammte dabei dem Munich International Cricket Club – ein Verein, der infolge des kollektiven Wechsels zum SVL aufgelöst wurde, sagt Prafull Toke. Von der neuen Heimat der Cricket-Freunde spricht er in den höchsten Tönen: „Wir fühlen uns sehr wohl beim SV Lohhof. Die Bedingungen sind einfach super.“ Zweimal die Woche trainieren die Spieler auf dem Feld am Sporttreff – just dort, wo sie nun also ihr erstes Ligaspiel bestreiten.

Ursprünglich sollte der SVL in der 2. Bundesliga antreten. Doch weil die Pandemie den Saisonstart hinausgezögert hat, gibt es heuer in Bayern einen ligenübergreifenden Pokalwettbewerb mit vier Vorrundengruppen à acht Teams. Sie treten jeweils zweimal gegeneinander an, ehe es in die Playoffs geht, deren Sieger sich für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Gespielt wird nach dem Modus Twenty-20 – eine Kurzform des Crickets, die sich weltweit wachsender Beliebtheit erfreue, sagt Prafull Toke. Eine Partie dauere hier etwa drei Stunden – und nicht mehrere Tage wie bei der klassischen Spielform.

Wenn Prafull Toke die Grundzüge von Twenty-20 erklärt, auf taktische Finessen eingeht und jede noch so komplexe Regel aufdröselt, dann wird schnell klar, dass der Neu-Lohhofer geübt darin ist, Außenstehenden seinen Sport zu erklären. „Ich mache das oft – und gerne“, sagt er. Schließlich wolle er seine Begeisterung fürs Cricket weitergeben. Aktuell besteht die Abteilung beim SVL ausschließlich aus Spielern mit indischen und pakistanischen Wurzeln; überdies gebe mehrere afghanische Flüchtlinge im Team, sagt Toke. Die „langfristige Vision“ jedoch, so nennt er das, sei ein Miteinander von Einheimischen und Zugereisten. Außerdem sollen eine florierende Jugendarbeit und eine Frauenmannschaft aufgebaut werden. Und, das betont Prafull Toke: „Wir wollen uns mittelfristig auch karitativ engagieren und etwas zurückgeben.“

Darüber hinaus möchten die Lohhofer Cricket-Spieler natürlich auch sportliche Erfolge feiern. Bei ihrem Ligadebüt gelingt das schon mal sehr gut. Angeführt von Kapitän Ramachandran Swaminathan landen die Reds, wie sich das Team nennt, zwei überzeugende Siege gegen den MCC. Dieser Erfolg, heißt es hinterher im Spielbericht auf der Lohhofer Webseite, „war vor allem für die Menschen, die hinter den Kulissen unermüdlich daran gearbeitet haben, diese Abteilung im SV Lohhof zu etablieren, ein historisches Ereignis“.

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