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Paralympics 2012 in London: Birgit Kober gewann die Goldmedaille im Kugelstoßen. dpa

Behindertensport

Hoffnung durch 1860 wiedergefunden

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Birgit Kober hat bei den Paralympics zweimal Gold gewonnen. Mit Abteilungsleiter Karl Rauh baut sie den Behindertensport bei den Löwen auf.

Das war wahrlich keine frühe Liebe: Der damalige Präsident des bayerischen Leichtathletikverbandes erhielt 2008 erst als einer der Letzten eine der zahlreichen E-Mails von Birgit Kober, mit denen die behinderte Sportlerin völlig verzweifelt bei Vereinen und unterschiedlichen Personen nach einer Trainingsmöglichkeit in München gesucht hatte. „Ohne Karl Rauh hätte aber überhaupt nichts, gar nichts angefangen,“ ist die 45-Jährige dem erfahrenen Sportfunktionär sehr dankbar dafür, dass es schließlich doch zum Happy End kam.

Gemeint ist nicht nur ihr Weg zu den Paralympischen Spielen nach London vier Jahre später. Von dort kam sie nämlich mit Goldmedaillen im Kugelstoßen und Speerwurf heim. Mindestens so wichtig ist ihr auch die Kooperation mit Rauh, die man als sport-platonische „Ehe“ bezeichnen könnte und als deren „Baby“ die Behindertensportabteilung des TSV 1860 im vergangenen Jahr das Licht der Welt erblickte.

Rauh ist Abteilungsleiter der Leichtathleten bei den Löwen. Nach den ersten Kontakten mit Kober nahm er sie unter seinen persönlichen Fittiche und sorgte erst einmal dafür, dass sie sich zwar nicht in seinem Verein, aber immerhin im bayerischen Leistungszentrum in der Werner-von-Linde-Halle auf die internationalen Wettkämpfe vorbereiten konnte und ihr mit Joachim Lipske auch ein Landestrainer zur Seite gestellt wurde. Kober dazu: „Das ist das Beste, was mir passieren konnte, der Mann.“ Mittlerweile ist sie mit 11,54 Meter Weltrekordhalterin im Kugelstoßen. Und da die Münchnerin schon immer eine Blaue war, ist sie seit letztem Sommer auf Rauhs Initiative hin Löwen-Mitglied. Das hat auch mit ihrem gemeinsamen „Nachwuchs“ zu tun, denn die neue Behindertensportabteilung macht es ihr jetzt möglich, für den TSV 1860 an den Start zu gehen.

Doch ihrem Engagement in der Abteilung liegt eine viel weitreichendere Motivation zugrunde: „Nach acht Jahren war es Zeit: Ich wollte etwas für andere verändern. Denn es gibt ein großes Potenzial, das bracht liegt. Und da sollte man nicht nur herumreden, sondern auch handeln“. Als „Spiritus rector“ des Projekts sieht es Rauh als gesellschaftliche Pflicht eines so großen Vereins an, die Behindertenintegration zu fördern. Günstigerweise haben die beiden dafür als Paten der Abteilung Robert von Bennigsen aus dem Verwaltungsrat gewonnen, der voll hinter ihnen steht.

Kober wählt für ihren ehrenamtlichen Einsatz einen Vergleich aus der Botanik: „Es ist sehr schön, wenn man eine Pflanze langsam wachsen sieht und hochziehen kann“. Dabei agiert sie mehrgleisig: Neben dem Aufbau von Strukturen hat sie mit Vanessa Pätzold und einer Athletin vom SVN München eine leistungsorientierte Leichtathletik-Trainingsgruppe gebildet. Außerdem soll es eine Gruppe mit Breitensportlern geben, die aber „durchaus auch mal zur Deutschen Meisterschaft fahren können“.

Für den Sommer hat sie sich außerdem eine Werbetour in Schulen, zur Pfennigparade, ins Spastikerzentrum und in Behinderten-Wohngemeinschaften vorgenommen, um Athleten zu sichten. Dabei wird sie auch Leistungssportler aus dem Verein mitnehmen. Kober ist optimistisch, dass sich die Gruppen in der Leichtathletik, aber auch beim therapeutischen Reiten, beim Bouldern, beim Blindenfußball – sie spielen schon in der oberen Liga – und später vielleicht auch bei Ski, Kanu oder Triathlon füllen: „Die werden kommen.“ Ein weiteres Ziel ist es dann natürlich auch, dass die Besten zu Wettkämpfen an den Start gehen können. Auf Dauer soll die Behindertenförderung in allen Teilen des Vereins, wo das möglich, als Querschnittsaufgabe zur Normalität wird.

Darüber hinaus macht sie mit Pätzhold zusammen in der Nicht-Behinderten-Leichtathletik den C-Trainerschein. Für das Training mit den Behinderten hat sie von ihrem Trainer einen kuschel- und angstfreien Grundsatz mit auf den Weg bekommen, um nach und nach Barrieren zu überwinden: „Alles, was geht, das geht. Und alles, was nicht geht, das geht halt erst mal nicht.“ Und wenn es einen dabei mal hinhaut, „dann steht man halt wieder auf. Ich denke, dass ist wichtig: Hinfallen und wieder aufzustehen, das ist das Leben“, kommentiert sie ganz trocken.

Kober soll – gerade im Wurfbereich – aber auch als Übungsleiterin für Nicht-Behinderte eingesetzt werden. Rauh hofft auf Synergieeffekte und ist überzeugt: „Ich würde Birgit von der pädagogischen Seite und von ihrem Fachwissen her absolut einreihen in die Riege der anderen Trainer, so dass sie auch mit Nicht-Behinderten sehr gut arbeiten könnte. Und mit Behinderten sowieso.“ Sie möchte sich bei der Integration immer weiter vorwagen und berichtet, dass ihr und Pätzhold beim Start beim Werner-von-Linde-Sportfest schon viel Sympathie entgegengebracht wurde: „Ich will die Brücke schlagen von behindert zu nicht-behindert und will auch, dass wir akzeptiert werden.“ In der Leichtathletik wird die Bayerische Behindertenmeisterschaft Ende Mai in die Bayerische Meisterschaft der Nicht-Behinderten integriert werden – Mitorganisatorin ist Birgit Kober. „Es ist wichtig, das wir zusammenwachsen, aber jeder auf seinem Niveau. Ich brauche das Niveau von Kreismeisterschaften, weil ich einfach nicht 18 Meter stoße“, betont sie. Ihr Ziel für 2017 bleibt aber: „Ich möchte tatsächlich bei der Weltmeisterschaften in London siegen. Aber wenn ich mein Bestes gebe, dann ist für mich auch Silber wie Gold. Ich sitze dann nicht wie ein heulendes Elend in der Ecke.“

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