1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport
  4. München Stadt

Kein Nachwuchsspieler in Sicht

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Trotz großer Tradition - für den Eisstock Club Alt-München sieht die Zukunft nicht rosig aus. Mit Probetrainings sollen neue Interessenten angeworben werden.

Fokus auf das Ziel. Den Stock in der Hand pendeln lassen. Vor und zurück. Stimmt die Richtung? Ja. Dann leicht in die Hocke gehen. Ausfallschritt. Nicht ausrutschen. Ein letztes Mal Schwung holen. Nicht zu viel, nicht zu wenig Geschwindigkeit. Den Stock aufsetzen. Loslassen. Hoffen. Eisstockschießen klingt einfach, ist es aber nicht. Der Volkssport verlangt „Dynamik, Kraft und absolute Konzentration“, so Reinhold Römer. Ein Mann, der es wissen muss: Seit 35 Jahren spielt Römer beim 1963 gegründeten Eisstock Club Alt-München, seit 25 Jahren ist er dessen Vorstand.

Eisstockschießen ist ein mit dem Curling verwandter Präzisionssport, bei dem es darum geht, den Stock von der Abspielstelle aus so nah wie möglich an das etwa 25 Meter entfernte Ziel, die sogenannte Daube, zu schießen. Im Sommer wird auf Asphalt oder Beton gespielt. Eisstockschießen hat hierzulande große Tradition. Bereits im 16. Jahrhundert soll die in Skandinavien entstandene Sportart in Bayern Einzug gehalten haben. Schon vor 1900 wurden die ersten Vereine gegründet. Derzeit sind etwa 27 000 Stockschützen bayernweit für den Spielbetrieb angemeldet. Nicht mit eingerechnet die vielen, die Eisstockschießen als bloßes Hobby betreiben.

Hobby? Nicht für Römer. Für den 70-Jährigen ist Eisstockschießen ein Leistungssport, der „richtig“ betrieben mit dem „lustigen Herumgeschiebe auf dem Nymphenburger Kanal“ nicht viel zu tun habe – auch wenn das ebenfalls sehr viel Spaß mache. Die Bezeichnung „Leistungssport“ trifft es ganz gut: Der Stock wiegt knappe vier Kilogramm. Turniere mit mehr als einem Dutzend Mannschaften dauern gut und gerne sechs Stunden oder länger. Das geht in den Arm. Für Römer alles kein Problem – im Gegenteil: „Wenn man einen Eisstock in der Hand hält, sieht man erst, wie spannend dieser Sport ist“, spricht er von seiner Leidenschaft in den höchsten Tönen.

Leider teilen immer weniger Menschen die Leidenschaft Eisstockschießen. Reinhold Römer ist mit seinen 70 Jahren keineswegs der Dienstälteste im Eisstock Club Alt- München. Viele der gut 20 Mitglieder sind sogar schon über 80. „Wir kämpfen ums Überleben, da wir keinen einzigen Jugendspieler haben. Im Nachwuchs passiert bei uns leider überhaupt nichts“, beschreibt der Vorsitzende das Problem des EC Alt-München. „Unsere Turniere fangen oft ganz früh an, weil die Eishallen nachmittags bereits belegt sind. Wenn ich Jugendliche treffe und denen erzähle, dass wir am Wochenende schon um vier Uhr aufstehen, weil die Turniere in Bad Aibling oder Rosenheim um sieben Uhr anfangen, dann schütteln die mit dem Kopf und fragen mich: Bist du wahnsinnig?“

Der EC Alt-München ist jedoch bei weitem nicht der einzige Verein, dem der Nachwuchs fehlt. Obwohl der Bayerische Eissport-Verband zum Beispiel an Schulen geht, um Kinder für den Stocksport zu begeistern, oder nach Sponsoren sucht, mussten einige kleinere Klubs bereits den Spielbetrieb einstellen.

Für Römer eine bedenkliche Entwicklung: „Ich habe wirklich Angst um diesen wunderbaren alten Sport.“ Deswegen will der Vorsitzende des EC Alt-München es nicht versäumen, alle Interessierten zum Probetraining einzuladen. Bis Ende März üben die Münchner Stockschützen in der Stocksporthalle Daglfing. Jeder darf kommen, auch diejenigen, die keine Titel gewinnen, sondern die Sportart nur als Hobby betreiben wollen. „Wir sind vor über 50 Jahren aus der Freude am Eisstockschießen entstanden. Diese Freude muss weitergehen!“ Kevin Obermaier

Auch interessant

Kommentare