Reinhard Hübner über die schönsten Nebensache der Welt
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Reinhard Hübner über die schönsten Nebensache der Welt.

Reinhard Hübner über die schönsten Nebensache der Welt

Fußball verliert an Bodenhaftung - Geld mittlerweile am Wichtigsten

  • vonReinhard Hübner
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Der „tödliche Pass“, diese Krönung eines genialen Spielzugs, muss gar nicht immer aus der Tiefe des Raumes kommen, man kann ihn sich auch im ausgewählten Buchhandel holen.

Besser: man konnte. Denn den „tödlichen Pass“, ein kritisches, manchmal satirisches Magazin für Fußballfans, denen „kicker“ oder „Sportbild“ zu seicht sind, gibt es nicht mehr. Zumindest nicht gedruckt. Er habe zu diesem Profifußball nichts mehr zu sagen, so einer der Macher.

Dabei gäbe es gerade jetzt wieder viel zu sagen, European Super League etwa, oder Aufblähung der Champions League, die Weltmeisterschaft in Katar. Aber geht es hier noch um den Fußball, den wir liebten?

Wenn es stimmt, dass Fußball eine (wenn auch die schönste) Nebensache ist, fragt man sich schon, ob es nicht völlig unangemessen war, sich ein Leben lang so intensiv mit ihm zu beschäftigen, zeitlich und emotional. Aber hatte man eine Wahl? Oft werden wir Älteren ja belächelt, wenn wir sagen, früher sei vieles besser gewesen. Aber ist es nicht so, gerade beim Fußball? Der Autor dieser Kolumne outet sich hiermit als leidenschaftlicher Fan, ist er zumindest gewesen.

Fahrt im Mannschaftsbus des 1. FC Köln, WM-Finale 1974 und Titelgewinn des TSV 1860 1966

Als Bub durfte er mal im Mannschaftsbus des 1. FC Köln mitfahren, neben Overath, dem Helden seiner Kindheit. Heute völlig undenkbar. Als Student hat er kurz vor Anpfiff noch ein Ticket für das WM-Finale 1974 im Olympiastadion ergattert, war besoffen vor Glück über den Triumph der deutschen Elf. Er hat den Titelgewinn der Münchner Löwen 1966 im Grünwalder miterlebt. Es waren geniale Momente, voller Glück und Emotion.

Oder doch verplemperte Zeit? Sah zumindest die Mutter so, die hinter der Fußballbegeisterung des Sohnes eine böse Krankheit vermutete, eine Sucht. Ganz falsch war das nicht. Aber hätte es Schöneres geben können? Eine andere, weniger fordernde Sportart? Es ist jedenfalls kein Fall überliefert, in dem ein vom Fußball Besessener eine ähnliche Begeisterung für Synchronschwimmen entwickelt hätte.

Komisch, die später folgende schleichende Entfremdung wurde anfangs wie jetzt vom Namen Rummenigge begleitet. Die WM 1982, das arrogante Auftreten der Truppe um Käpt’n Kalle, dieser verwerfliche Nichtangriffspakt mit Österreich, sind der erste gravierende Einschnitt gewesen, der die einst lodernde Leidenschaft zu einer kleiner werdenden Flamme verkümmern ließ. Heute ist Rummenigge einer der Protagonisten, die dabei sind, den wunderbaren Fußball zur Geldmaschine zu degradieren, einer der den Fußball verhökert, sich nur um die Fans sorgt, wenn Einnahmeverluste zu befürchten sind. Ja, er hat den FC Bayern gemeinsam mit Uli Hoeneß zu einem stolzen und reichen Verein gemacht. Aber zu welchem Preis?

Fussball verliert an Spannung und Interessantheit

Die Bundesliga ist, was die Meisterschaft betrifft, spannend wie die x-te Wiederholung eines Tatorts. Bayern saugt alles ab, Geld stinkt ja nicht, auch wenn es aus Katar stammt, gegen dessen Menschenrechtsverletzungen erst kürzlich auch Bayern-Profis demonstrierten (da trugen sie ja das Nationaltrikot, ohne Katar-Logo am Ärmel). Zu loben ist freilich, dass sich die Bayern einer Super League verweigert haben, erst mal zumindest. Doch dass solche Ideen überhaupt ernsthaft verfolgt werden, zeigt, wie grundlegend verdorben dieses Business ist. Immer mehr Kommerz, immer mehr Wettbewerbe, immer mehr Spiele, selbst in Zeiten, da kein normaler Bürger nachts vor die Tür darf. Der Fußball hat die Bodenhaftung verloren. Und damit ein grandioses Blatt wie den „tödlichen Pass“ vergrault und so manchen Fan, der, wie der Autor dieser Zeilen, dieses Spiel einst so sehr geliebt hat.

Kann man ihn noch lieben? Ja, dort, wo Amateure kicken, die Jugend, die Kinder. Ihnen ist nur zu wünschen, dass sie nie so gut werden, dass sie der Profi(t)fußball für sich vereinnahmt. Denn diese Welt ist eine andere, eine gierige, skrupellose, oft korrupte. Es ist zum Heulen.
PS: Verfasst im Zustand wachsender Wut.

(Reinhard Hübner)

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