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Den Kids macht es Spaß, doch Eltern wollen ihre Kleinen wie Profis spielen sehen

Stoppt diese Revolution im Fußball die Talentvernichtung?

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Profis, Trainer und Verantwortliche sind sich einig: Der deutsche Fußball braucht Funiño. Doch vor allem aus dem Lager der Eltern kommt viel Gegenwind - sie wollen ein Spiel auf zwei Tore.

„Ihr macht den Fußball einfach nur kaputt“. „Sind denn nur noch Irre am Werk beim BFV und DFB?“ „Ihr seid nimmer ganz dicht“. „Absoluter Schwachsinn. Teilweise fragt man sich schon, ob bei den Tagungen erst mal richtig gesoffen und die blödeste Idee dann umgesetzt wird“.

Das waren die eher noch freundlicheren Reaktionen einer Vielzahl von Usern in den sozialen Netzwerken, als der Bayerische Fußball-Verband im März eine Neuerung für die kommende Saison im Kinderfußball angekündigt hat. Nicht nur in Bayern, auch auf DFB-Ebene soll, so das Präsidium am 21. Juni zustimmt, künftig „Mini-Fußball“ gespielt werden, anfangs drei-gegen-drei, dann vier-gegen-vier und fünf-gegen-fünf auf vier Tore, ohne festen Torwart, dafür mit Einwechslungen im Rotationsprinzip, damit jedes Kind zu seinen Einsatzzeiten kommt. Als Funiño ist diese Spielform bekannt und wird in Bayern schon seit 2015 in einigen Fußballkreisen recht erfolgreich getestet. Ist das nun wirklich eine handfeste Revolution im Kinderfußball, eine „tektonische Verschiebung“, wie manche unken? Oder nur die Einsicht, dass es so, wie es bisher gelaufen ist, einfach nicht bleiben darf? 

Wo sind die Dribbler, die Individualisten?

Vor einem Jahr, bei der reichlich verkorksten WM, ist hierzulande die Erkenntnis gereift, dass unserem Spiel irgendetwas fehlt. Sind zwar alle perfekt ausgebildet, die Jungs, technisch wie taktisch nahe der Perfektion, aber wo sind die Dribbler, die großen Individualisten, die Spiele entscheiden? Sind die bereits ganz früh verloren gegangen, weil das Spiel sieben-gegen-sieben auf dem für die Kleinsten noch immer viel zu großen Kleinfeld zu wenige Eins-gegen-eins-Situationen provoziert, zu wenige Ballkontakte ermöglicht, die körperlich Starken alles dominieren und die Schwächeren (oder spät im Jahr Geborenen) auf der Strecke bleiben?

Eine „Talente-Vernichtungsmaschine“ sei das, beklagt Matthias Lochmann. Der Sportwissenschaftler aus Erlangen ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Missionar geworden, der mit Funiño viele Vereine schon zum Umdenken gebracht hat. Und auch in den Verbänden auf offene Türen gestoßen ist. Aus gutem Grund: Die Statistiken sind besorgniserregend. Von den 38 000 Kindern, die in Bayern in einer E-Jugend kicken, bleiben nur noch 19 600 in der A-Jugend übrig. Ein herber Verlust, der durchaus darin begründet sein könnte, dass wir Erwachsenen mit unserem Erfolgs- und Anspruchsdenken viel zu viel Druck machen, den Kindern früh den Spaß am Fußball nehmen. Muss der Kinderfußball wirklich dem der Großen möglichst nahe angepasst sein?

Drei machen das Spiel, der Rest steht herum

Nein, sagt Lochmann, mit Funiño könnten sich alle, und er betont: alle, Kinder besser entwickeln, „jeder kriegt seine Spielzeiten“, nicht nur die Besten (oder körperlich Überlegenen), „alle haben viele Ballkontakte“ und damit mehr Freude, weniger Frust. Das aktuell praktizierte Modell, sagte er kürzlich dem „kicker“, lasse ihn frieren: „Beim Sieben-gegen-sieben auf viel zu große Tore machen drei Kinder das Spiel, der Rest steht herum. Die sind dann die nützlichen Idioten und wenn sie merken, dass sie zum Sieg nichts beigetragen haben, hören sie auf.“ Ganz zu schweigen von jenen, die körperlich unterlegen, vielleicht noch spät im Jahr geboren sind und, weil der Trainer unbedingt gewinnen will, höchstens ein paar Minuten zum Einsatz kommen. Beim Funiño stellt sich das Problem nicht, da kommen, wegen des rotierenden Ein- und Auswechselns, alle gleichmäßig zum Spielen.

Was wiederum nicht jedem gefällt, allen voran vielen Eltern. Sie wollen die Kinder wie kleine Erwachsene Fußball spielen lassen, erfolgsorientiert wie in der Bundesliga. Natürlich sind auch Erfolge schön und wichtig, aber steht nicht gerade bei den Kleinsten erst einmal der Spaß, die Kameradschaft, nicht zuletzt auch die Ausbildung im Mittelpunkt? Und den Ehrgeizlingen sei gesagt: Ums Gewinnen geht es ja auch bei den Funiño-Festivals. Jeder teilnehmende Verein kann mehrere Teams melden, die Sieger rücken auf die nächsthöhere Stufe, ganz oben steht die „Champions League“. Es spielen aber am Ende immer etwa gleichstarke Mannschaften gegeneinander, jeder ist gefordert, bekommt aber auch sein Erfolgserlebnis, keiner wird mehr „abgeschossen“ und muss mit verheulten Augen nach Hause zurückkehren.

Für Verbands-Jugendleiter Florian Weißmann liegen die Vorteile der neuen Spielform klar auf der Hand: „Mini-Fußball heißt: kleinere Mannschaften, mehr Spielzeit für die einzelnen Kinder und damit nicht nur mehr Spielspaß, sondern auch eine bessere individuelle Entwicklungschance. Wir sind der festen Überzeugung, dass dies im Sinne einer noch besseren Ausbildung und Förderung für Kinder der richtige Weg ist und wir favorisieren die neue Spielform, die die Spielfreude der Kids schlicht gezielter fördert.“

Falsche Behauptungen ärgern Lochmann

Trotzdem ist Weißmann in den sozialen Netzwerken überschüttet worden mit Häme und Kritik. Weil es noch immer, obwohl Tabellen im Kinderfußball schon länger abgeschafft sind, zu sehr ums Gewinnen geht, um Titel, weil Trainer unter Druck stehen, vom Verein, von den Eltern, die ihre Kids schon als die kommenden Nationalspieler sehen und nicht erkennen wollen, dass vielleicht gerade diese neue Spielform durchaus helfen kann in der Entwicklung. Viele der vorgebrachten Einwände lassen sich auch relativ leicht entkräften, Lochmann ärgert sich über viele falsche Behauptungen, die in Umlauf sind. Daran, dass beim Funiño ohne festen Torwart gespielt wird, hatten sich viele gerieben, die um die künftigen Neuers bangen. Lochmann sieht das völlig anders, verweist auf Projekte zur Optimierung der „Torspieler-Ausbildung“ in den Pilotligen. Und während beim Sieben-gegen-Sieben zwei Kinder im Tor stehen, würden beim Funiño bei acht Spielfeldern 16 Kinder auch im Torwartspiel ausgebildet: „Sie lernen, den Strafraum zu beherrschen und verbessern ihre fußballerischen Fähigkeiten“, ehe sie in der E-Jugend in Kleinfeldtore wechseln.

Auch die Kosten, wenn sich Vereine nun die kleinen Funiño-Tore zulegen müssen, waren Punkte heftiger Kritik. Lochmann nennt eine simple Lösung: „Kein Verein muss sich jetzt 32 Tore kaufen. Zum Turnier bringt jede Mannschaft zwei Tore mit und baut sie auf. Das funktioniert einwandfrei.“

Es ist so manches etwas falsch rübergekommen, als der Verband im März seine Planungen im Kinderfußball öffentlich machte. Weißmann stellt nochmal klar, dass „die neuen Spielformen keinesfalls die aktuelle Spielform ersetzen.“ Es sei ein erster Reformanstoß und ab Sommer haben die Vereine die Wahl, ob sie beim Sieben-gegen-sieben mit Torwart bleiben oder „Mini-Fußball“ ausprobieren und etablieren wollen. Es handle sich ausdrücklich um ein zusätzliches Angebot.

Das aber, da sind sich viele Experten einig, angenommen werden sollte. Julian Nagelsmann etwa, der nach seiner erfolgreichen Hoffenheimer Zeit künftig RB Leipzig trainiert, sagt im „kicker“, das Spiel drei-gegen-drei auf Minitore halte er in der Ausbildung für „alternativlos, um mehr Ballkontakte zu haben“. Auch körperlich schwächere Spieler kämen so häufiger an den Ball. Und Kollege Sandro Schwarz von Mainz 05 hält ebenso viel von der Idee: „Die Kinder bekommen mehr Ballaktionen, durch die höhere Wiederholungszahl kann die Balltechnik noch besser geübt und verinnerlicht werden.“

Wollen wir nur große Talente fördern?

Matthias Lochmann hat sich wissenschaftlich mit der Thematik befasst, im „Mini-Fußball“ sieht er eine enge Verbindung vom Leistungsgedanken mit dem Breitensportaspekt: „Die Frage ist, wollen wir jedes Kind fördern oder nicht?“ Nur die größten Talente oder auch die, die mehr Leidenschaft als Begabung haben? Für sich hat Lochmann die Frage längst beantwortet. Dass künftig auch in Deutschland die Spielfelder mit den Kindern wachsen sollen, was in Nachbarländern wie Österreich und der Schweiz schon seit Jahrzehnten erfolgreich umgesetzt wird, ist für ihn ein großer Schritt in die richtige Richtung. Oder sollte doch der User Recht behalten, der auf Facebook schreibt: „Die Kids wollen ganz normal Fußball spielen wie ihre Idole aus der Bundesliga. Das wird ihnen damit genommen!“ In vielen Pilotprojekten auch in München konnte man durchaus einen anderen Eindruck gewinnen: Den Kindern macht das neue Spiel riesigen Spaß.

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