Monika Karsch Deutschland Fototermin Deutscher Schuetzen Bund 22 05 2016 Muenchen Copyright Fudi
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Sportschützin Monika Karsch startet für Deutschland bei Olympia.

SCHIESSEN bei Olympia

Monika Karsch ist bereit für die Mission „Gold“

  • VonChristian Heinrich
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Monika Karsch ist zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen am Start. In Tokio peilt die Sportschützin aus Rott wieder eine Medaille an. Im Vorfeld musste sie zahlreiche Hindernisse überwinden.

Rott – Der Rundgang durch die Räumlichkeiten, die in den kommenden Tagen das Zuhause von Monika Karsch sein werden, glich einem Abenteuertrip durch das IKEA-Land. Per Video führte die Sportschützin aus Rott durch ihr Appartement im Olympischen Dorf von Tokio, dem der Charme einer Besenkammer anmutet. „Man beachte die Bettkonstruktion. Das ist, glaube ich, echt Pappe“, kommentierte sie ihre gewöhnungsbedürftige Schlafstatt.

Der Kleiderschrank gab mit seinen zwei Sperrholzwänden und zwei Regalen eine noch armseligere Erscheinung ab. Und auch das Badezimmer lud nicht unbedingt zum Verweilen ein. „Das ist wirklich sehr einfach“ – Karsch macht sich schon mal auf ein spartanisches Leben gefasst. Nur der Blick vom Balkon auf die Skyline von Japans Hauptstadt war atemberaubend und erhaben. Und auf einmal waren das Appartement, die Möbel und die kahlen Wände vergessen. „Es wird eine coole Zeit hier“, war die 38-Jährige überzeugt.

Monika Karsch hat bei Olympia hohe Erwartungen an sich

Monika Karsch ist nicht nach Nippon gekommen, um den ganzen Komfort zu genießen, den das Inselreich eigentlich den Spitzenathleten aus aller Welt bieten sollte. Ihre Mission besteht einzig darin, dass nach den Wettkämpfen mit der Sportpistole am nächsten Donnerstag und Freitag eine Medaille um ihren Hals baumelt. „Ich habe hohe Erwartungen an mich, natürlich möchte ich Gold gewinnen“, formuliert sie unumwunden ihre persönlichen Ansprüche. Aber auch mit einer anderen Medaille wäre sie wunschlos glücklich.

Für die gebürtige Schongauerin, die mit ihrem Mann Thomas und den beiden Kindern in Regensburg lebt, sind es die zweiten Spiele. Als sie vor fünf Jahren nach Rio flog, zählte sie zu den vom Glück geküssten Athletinnen. Die Qualifikation hatte sie eigentlich verpasst. Weil aber die Gewehrschützen auf einen frei gewordenen Quotenplatz verzichteten, bekam sie doch noch ein Ticket für Brasilien. Der Rest ist Geschichte. Völlig losgelöst wie ein Samba-Tänzer zog sie mit der Sportpistole ins Finale ein und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ihre Waffe plötzlich defekt war. Am Ende gewann sie mit ihrer Ersatzpistole Silber. „Es ist schön, wenn man aufwacht und man hat da was liegen“, sagte sie damals mit Blick auf ihre Medaille.

Der größte Moment ihres Sportlerlebens: Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio bejubelte Monika Karsch den Gewinn der Silbermedaille.

Obwohl es in ihrem Appartement in Tokio nicht anders aussieht wie in einer sterilen Gemeinschaftsunterkunft in einer Bundeswehrkaserne, hat irgendjemand doch dafür gesorgt, dass wenigstens ein Nachttischschränkchen am Bett der Athletin steht. Die Sportsoldatin hätte also einen Platz, auf dem sie ihr Edelmetall deponieren könnte – wenn alles perfekt läuft. Als „Lebensleistung“ stufte sie in diesen Tagen ihr Silber von Rio ein. Zufälligerweise feierte sie in diesem Jahr auch ihr 25-jähriges Jubiläum als Leistungssportlerin. Was liegt da näher, als noch einmal den großen Moment zu erleben, den sie beim letzten Mal in ihren Träumen herbei gesehnt hat? „Wenn ich es schaffe, ist das toll, wenn nicht, kann ich sagen, dass ich alles dafür getan habe“, stellt sie klar, dass sie den Erfolg nicht erzwingen kann. Das hat sie in den vergangenen Monaten gelernt.

Es ist keine einfache Zeit, die hinter ihr liegt. Als vor einem Jahr die Spiele von 2020 um zwölf Monate verlegt wurden, hielt die gelernte Krankenschwester diese Entscheidung für „erwartbar, weil alternativlos“. Das „komische Gefühl“, das sie damals beschlich, verflüchtigte sich erst einmal nicht, denn nicht nur die Sportwelt als Ganzes, sondern auch ihr Leben als Athletin geriet aus den Fugen. Karsch musste ihren Alltag neu organisieren. Die Aufgabenverteilung war wegen der Pandemie auf einmal eine andere. Die Kinder mussten teilweise zuhause unterrichtet werden, ihre Großeltern durften nicht zu Besuch kommen.

Monika Karsch gewann bei der EM Gold und Silber

Die Schützin trainierte im eigenen Wohnzimmer, im Garten und irgendwann auch wieder regelmäßig im Schießstand. „Ich bin froh, dass wir das als Familie hinbekommen haben“, verbuchte sie schon ihre erste Top-Leistung weit vor dem Beginn der Olympischen Spiele. Richtig gewöhnungsbedürftig empfand sie nur die fehlenden Wettkämpfe, die wegen der Pandemie abgesagt worden waren. „Die schönen Situationen haben im letzten Jahr gefehlt“, sagt sie rückblickend. „Das Reisen, das Stehen auf dem Treppchen, das Hören der Nationalhymne.“

Zu diesen raren Momenten zählte die Europameisterschaft in Osijek. Karsch gewann mit der Sportpistole Silber im Einzel und Gold mit der Mannschaft. Der Erfolg ist von langer Hand geplant. Nach den Spielen in Rio hat sie weiter mit Akribie und voller Konzentration an ihrem eigenen Gesamtkunstwerk gefeilt. Neben Bundestrainerin Barbara Georgi wird sie von ihrem Mann Thomas betreut, der als Landestrainer „Pistole“ des Bayerischen Schützen-Bundes fungiert. Außerdem setzt sie auf die Unterstützung von Physiologen, Fitness- und Crosstrainern. Selbst einen eigenen Ernährungsplan verfolgt sie. „Man fühlt sich stark, wenn man stark ist“, lautet das Credo der 1,58 Meter großen Athletin, die sich selbst als „willensstark“ bezeichnet. Zu dieser Stärke zählt auch das feste Selbstvertrauen, dass sie ihr volles Potenzial erst in Tokio ausschöpfen wird. „Wir haben es so ausgelegt, dass noch ein wenig Reserve in mir drin ist“, erzählt sie, dass sie noch ein wenig an ihrer Technik arbeiten muss.

Mit dieser Überzeugungskraft und Selbstsicherheit versetzte sie Berge. Ein ganzes Jahr lang hat sie nur gehofft, dass „Tokio 202ONE“ Wirklichkeit wird. „Es ist ein größter Wunsch, dass die Spiele stattfinden“, erklärte sie schon im Frühjahr, als sie die Qualifikation erfolgreich gemeistert hatte. Die vergoldeten olympischen Ringe, die sie an ihrer Halskette trägt, wirkten wie ein Talisman. Nun werden die Spiele nachgeholt, aber zu dem Preis, dass sie in Japan niemand mehr haben will. In den vergangenen Monaten nahm die Begeisterung für die größte Massenveranstaltung des Sports stetig ab in der Furcht, dass Heerscharen von Athleten und Betreuern Corona ins Land bringen könnten.

Ein weiteres erfolgreiches Kapitel geschrieben: Bei der EM in Osijek im vergangenen Juni gewann Monika Karsch Silber und Gold mit der Sportpistole.

Nun finden die Spiele praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur Betreuer und Funktionäre werden die Wettkämpfe live mitverfolgen, auch die Ränge in der „Asaka Shooting Range“ bleiben leer, in der die Schützen um die Medaillen kämpfen. „Es werden sicherlich andere Spiele sein“, sagt Karsch, die in Rio noch das Kontrastprogramm erlebte. Aber das stört sie nicht. „Trotz Hygienekonzept und Corona – ich freue mich riesig.“

Es ist diese positive Grundstimmung, die Monika Karsch scheinbar alle Widrigkeiten oder Widerstände überwinden lässt. Ob Corona oder IKEA-Mobiliar, sie steckt mit ihrer optimistischen Art alles weg: „Auch wenn wir eingeschränkt sein werden, dieses Wissen, dass man so viel dafür getan hat und dass es ein besonderer Moment mit einer besonderen Gruppe ist, mit Sportlern, die alle das gleiche Ziel haben, diese Stimmung schwingt mit – egal, was für ein Konzept es außenherum gibt.“

Bevor sie am Samstag vor einer Woche in den Flieger stieg, hat sie in Regensburg zum Abschied noch einen Sushi-Empfang gegeben. Die Stimmung war gelöst. Von Druck und Erwartungen war gar nichts zu spüren. Karsch feierte ihren Abschied mit ihren Freunden und den Menschen, die ihr am nächsten stehen. Fast schien es so, als würde sie sich noch einmal richtig mit positiver Energie aufladen, um für das Olympia aus der Retorte voller Glückshormone zu stecken. „Ich glaube, dass es eine riesige Herausforderung für alle Teilnehmer ist“, stellte ihr Mann Thomas klar. Das Video aus dem Olympischen Dorf, das seine Frau online gestellt hat, wird ihn darin bestärken, dass er sie mental gut vorbereitet hat. Es ist alles cool in Tokio. Monika Karsch hat ihr Zimmer schon wohnlich eingerichtet. Schließlich ist sie nach Tokio gekommen, um sich bei ihrer Mission auch wohl zu fühlen.

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