Gute Zeiten, in denen Marcel Schrötter (Nummer 23) diese Saison ganz vorne mitgefahren ist und...
+
Gute Zeiten, in denen Marcel Schrötter (Nummer 23) diese Saison ganz vorne mitgefahren ist und...

MOTORSPORT

Geisterfahrt mit gutem Ende - Marcel Schrötter blickt auf Saison mit sportlichem Misserfolg und privatem Glück

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
    schließen

Die abgelaufene Saison lief für Marcel Schrötter nicht nach Plan. Dennoch hatte sie ihre guten Seiten.

Vilgertshofen – Mit den Geschenken war das früher auch noch einfacher. Marcel Schrötters zwei Mechaniker bekamen nach einer Saison einen Helm, also einen seiner Originale, und der erhielt dann wiederum einen Sonderplatz in den Wohnzimmern der Serviceleute. Aber heutzutage umfasst ein solches Team in der Moto2 schon vier Leute, da wird es schwierig, zwei Helme gerecht aufzuteilen, wenn man sie nicht zerstückeln will. Der Motorradprofi aus Vilgertshofen hat das folgendermaßen gelöst: Helme gingen an die Mechaniker, weil die „sehr, sehr viel buckeln“ und manchmal vier Wochen hintereinander ihre Familien nicht sahen. Für Elektroniker und Crew-Chef gibt’s kleine Präsente, die noch vor Weihnachten eintreffen sollen. Das sind dann gleichzeitig Ausstandsgaben. Denn nach vier Jahren erhält Schrötter eine neue Crew.

Um gleich allen Spekulationen mit einem Nadelpieks die Luft zu nehmen: Die Idee hatte sein Rennstall, Liqui Moly Intact GP. „Ich habe es fast erwarten können“, sagt der 27-Jährige. Zum einen hat das Team einen jungen Italiener verpflichtet, der sprachlich gut aufgehoben ist bei Schrötters ehemaligem Crew-Chef Patrick Mellauner, einem Südtiroler. Zum anderen hat der Memminger Rennstall auch dringend etwas ändern müssen. Denn eine solch erratische Saison hat das Team noch nicht hingelegt. Beide Fahrer, Schrötter und der Schweizer Tom Lüthi (34), schafften es nicht einmal unter die besten Acht der Gesamtwertung, wo sie doch zumindest zum erweiterten Spitzenfeld gehört und im Fall von Schrötter (Neunter am Jahresende) Richtung MotoGP, erste Liga, geschielt hatten. Nur so eine kleine Chronologie, was dem Vilgertshofener alles zugestoßen war – im Guten wie im Schlechten:

Arm-Operation, Platz drei, eine Woche später 22. in der Qualifikation, vier Stürze an einem Wochenende in Le Mans, Krisensitzung, dann wieder Platz vier. Das war keine emotionale Achterbahnfahrt mehr, das erinnerte fast schon an eine Geisterfahrt mit gutem Ende. Es hat auch früher Tage gegeben, an denen Marcel Schrötter den Sinn im Gas-Bremse-Chanson suchte. Aber ein Podestplatz oder ein sehr, sehr gutes Rennen hat dann sehr schnell wieder den Dopamin-Speicher betankt. Doch in diesem Jahr überfielen ihn so viele Momente, „in denen ich im Zimmer gehockt bin und nur noch aufhören wollte“. Er betreibt diesen Sport längst, weil er Erfolg haben will. Nur aus Spaß trennt sich doch keiner monatelang von Familie und Freunden. Jeder Rückschlag wirkte dann wie Futter für die Selbstzweifel. Und irgendwann brach es dann über ihn herein.

Krisengespräch im September

Dieses irgendwann lässt sich konkret auf Anfang September datieren. Mit jedem Ergebnis wuchs der Druck von Sponsorenseite. Der Rennstall beraumte ein Krisengespräch an. Tenor: So kann das nicht mehr weitergehen. „Wir standen beide auf der Kippe“, sagt Schrötter über sich und Kollege Lüthi. Was sich danach ereignete, dürfte für Psychologen sehr interessant zu beobachten sein. Während sich der Schweizer angegriffen fühlte, wie ein vulnerabler Igel zurückzog, die Stachel ausfuhr und sich für 2021 ein neues Team suchte, nahm Schrötter die Ansage als Motivation auf und düste die Woche darauf direkt in die Top-Fünf. Im Oktober unterschrieb er einen neuen Vertrag.

... schlechte Zeiten mit mehreren Stürzen an einem Wochenende wechselten sich für den Vilgertshofener ab.

Aber die Leistungskurve stabilisierte sich nicht wirklich, glich eher einem EKG. „Inkonstanz auf richtig schlechtem Niveau“, sagt Schrötter und wiederholt mehrmals einen Satz. „Verstehe ich nicht.“ Sie haben viel analysiert bei „Liqui Moly Intact GP“, aber auch noch nichts entdeckt. Höchstens an den Reifen könnte es gelegen haben, auch wenn das wirklich nach einer „billigen Ausrede“ klingt, wie der Pilot selbst einräumt. Aber diese Macht der Details schafft ja auch den Reiz der Moto2-Klasse, die noch einmal enger zusammen gerutscht ist. „Findest du die drei, vier Zehntel nicht, bist du auf einmal 20 Plätze weiter hinten.“ Da ist es natürlich doppelt ungut, wenn einem bei der Suche die Spuren abgehen.

Aber gut, an diesem Sommer war weiß Gott nicht alles schlecht. Marcel Schrötter hat jetzt eine Freundin. Das ist eine Nachricht mit Schlagkraft, weil er doch über Jahre den Rennsport vorne ran gestellt hat, teilweise sogar in Spanien lebte. „So einen guten Sommer hatte ich lange nicht mehr“, sagt er quasi als große Antithese zum sportlichen Teil. Da die Saison erst Mitte Juli beschleunigte, blieben ihm einige Wochen daheim mit Spezln und Freundin. Da fiel ihm erst auf, „was ich viele, viele Jahre verpasst hab“. Die Monate danach zehrten umso mehr an ihm.

Grundstückssuche in der Heimat

14 Rennen in 18 Wochen, ständig Corona-Tests, keine Sponsorenbesuche, kein Catering, keine Zuschauer, nur leere graue Sitzschalen, die nichts anderes machen, als nichts zu machen. Das Wochenende in Misano, San Marino, mit 10 000 Zuschauern fühlte sich ein bisschen wie Erlösung an. „Wie gut das doch tut, die vermisst man am meisten.“ Diese Termin-Hatz dürfe „auf keinen Fall zur Normalität werden“, stellt der Vilgertshofener klar. Für 2021 hat der Veranstalter einen entzerrten Kalender vorgestellt. Aber mit diesem tückischen kleinen Virus weiß man nie, was als nächstes schief geht.

Schrötter beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema, wie denn überhaupt sein neuer Alltag aussehen soll. Den Traum von der MotoGP gebe man nie auf. Aber Marcel Schrötter weiß auch, wie mit jedem Jahr die Erfolgschancen weglaufen. „Je näher man an die 30 kommt, desto schwieriger wird ein Aufstieg.“ Rennteams in der Top-Liga setzen dann lieber auf junge Talente. Wenn er es im nächsten Jahr, 2021, nicht schafft, wird er sich ernsthaft mit einem Wechsel zur Superbike-WM beschäftigen, der Parallelwelt zur MotoGP. Auch finanziell könne das ein Schritt für die Zukunft sein. Marcel Schrötter plant schon das Leben nach dem Profisport. Er würde gern Bauen, in Vilgertshofen oder der Umgebung. Findet aber einfach kein Grundstück. Wer dem Motorradhelden also ein riesiges Weihnachtsgeschenk machen will, weiß jetzt wie. Im Gegenzug gibt’s garantiert auch einen Original-Helm. Es sind noch Exemplare übrig.

WM-Endstand Moto2

1. Enea Bastianini (Italien) 205 Punkte, 2. Luca Marini (Italien) 196, 3. Sam Lowes (Großbritannien) 196, 4. Marco Bezzecchi (Italien) 184, 5. Jorge Martin (Spanien) 160, 6. Remy Gardner (Australien) 135, 7. Joe Roberts (USA) 94, 8. Tetsuta Nagashima (Japan) 91, 9. Marcel Schrötter (Vilgertshofen) 81, 10. Xavi Vierge (Spanien) 79, 11. Thomas Lüthi (Schweiz) 72.

Auch interessant

Kommentare