Irgendwie erleichtert: Soeben hat Simon Jocher erstmals in einem Rennen das Ziel auf der berüchtigten Streif erreicht. Tags zuvor war die erste Abfahrt abgebrochen worden, der Schongauer durfte nicht mehr starten.
+
Irgendwie erleichtert: Soeben hat Simon Jocher erstmals in einem Rennen das Ziel auf der berüchtigten Streif erreicht. Tags zuvor war die erste Abfahrt abgebrochen worden, der Schongauer durfte nicht mehr starten.

Ski alpin: Rennläufer aus Schongau auf der berühmt-berüchtigten Streif

Eine lehrreiche Woche für Simon Jocher in Kitzbühel

Wie Superman fühlte sich Simon Jocher zwar nicht, mit seinen Leistungen auf der weltberühmten Streif in Kitzbühel war der Schongauer aber zufrieden.

Schongau/Kitzbühel – Es ist geschafft: Simon Jocher (24) hat den Mythos „Streif“ live erlebt, mehrmals die Ziellinie überquert und sich solide verkauft. Zwar reiste er ohne Weltcup-Punkte ab, dafür mit jeder Menge neuer Erfahrungen und auch einer Portion Stolz. Wie Superman fühlt sich Jocher zwar nicht, aber er gibt zu: „Ein bisschen stolz bin ich schon, dass ich auf der Streif fahren durfte und es auch ganz gut gemacht hab’.

Ski alpin: Jocher erhält nach seiner ersten Fahrt auf der Streif Gratulationen von seinen Konkurrenten

“ Obwohl es Abfahrten gibt, die körperlich fordernder sind, ist am Mythos „Streif“ schon was dran. „Nach dem ersten Training haben mir manche Kollegen gratuliert“, erzählt Jocher. Erst sei er irritiert gewesen, denn Platz 48 nach einer Fahrt zum Herantasten ist ja eigentlich kein Grund für ein solches Lob. „Aber die Gratulation gilt einfach der ersten Fahrt auf der Streif“, sagt Jocher. „Denn jeder ist sich bewusst, hier wird dir alles abverlangt.“

Wenn du dich zum ersten Mal aus dem Starthaus katapultierst, ist das schon krass.

Simon Jocher

Am Start ist es daher auch ziemlich ruhig, keiner ist zu Späßen aufgelegt, jeder ist konzentriert. „Wenn du dich zum ersten Mal aus dem Starthaus katapultierst, ist das schon krass“, so der Schongauer. Und mancher stellt sich da wohl die Frage: Will ich das jetzt wirklich? Jocher hatte seine Nerven jedenfalls gut im Griff. Gerade im zweiten Training hatte er sich sogar ziemlich wohl gefühlt und lieferte eine souveräne Fahrt ab. Am Zielsprung nahm er etwas Tempo raus und kam dennoch als 34. ins Ziel. „Danach hatte ich fast das Gefühl, der Mythos ist doch nicht so groß.“

Ski alpin: Nach dem Sturz von Urs Kryenbühl begann es in Jochers Kopf zu arbeiten

Doch dann kam der Freitag, als die Streif ihre andere Seite zeigte. „Im Startbereich sind alle paar Meter riesige Flatscreens, so bekommst du alles mit“, berichtete der 24-Jährige. Man versuche zwar, die Stürze auszublenden, aber das gelinge nicht immer so einfach. „Der erste Sturz von Cochran-Siegle war ein Fahrfehler, den kann man leicht abhaken. Der Sturz von Urs Kryenbühl am Zielsprung war mental gesehen viel schwieriger.“ Der Zielsprung war vom ersten Training an ein Thema – und ganz klar grenzwertig. Wobei das Problem nicht der Sprung an sich gewesen sei, sondern das enorm hohe Tempo. „Die künstlich gebaute Kante macht das Timing leichter, weil du genau weißt, wann du dich bewegen musst“, erklärte Jocher. „Aber bei einer Anfahrtsgeschwindigkeit von knapp 150 Stundenkilometern reicht einfach die kleinste Dysbalance für einen brutalen Abflug.“ Nach Kryenbühls Sturz begann es in Jochers Kopf also zu arbeiten. Tags zuvor hatte er vor diesem Sprung Tempo rausgenommen, das war im Rennen keine Option. Ihm war aber auch klar, dass ihm bei dieser Art von Sprung einiges an Routine fehlte. „Solche Sprünge kannst du nicht trainieren, die fährt man nur in Weltcuprennen.“

Ski alpin: Nach vielen Unterbrechungen „mental kaputt“

Das Rennen am vergangenen Freitag war Jochers achter Weltcup-Einsatz, nicht gerade ein dickes Polster an Erfahrung. Trotzdem schaffte es der Sportsoldat, sich wieder auf das Rennen einzustellen. „Als dann aber die vielen kleinen Unterbrechungen hinzukamen, waren wir mental echt kaputt.“ Und keiner war mehr so richtig böse, als das Rennen abgebrochen wurde. „Ich glaube, daheim waren auch einige froh, dass ich nicht mehr starten musste“, so Jocher.

Nach Neuschnee und Regen waren die Verhältnisse bei der zweiten Abfahrt am folgenden Sonntag anders, Sprung und Tempo waren besser zu managen. Mental gut erholt, freute sich Jocher auf seinen ersten Renneinsatz auf der Streif. Am Ende schwang er als 36. ab. „Damit bin ich eigentlich zufrieden, auch wenn die Top 30 sicher drin gewesen wären, hätte ich Steilhang-Ausfahrt und Traverse so erwischt wie im Training.“

In der dritten Kurve ausscheiden ist einfach deppert.

Simon Jocher

Etwas kritischer fällt sein Resümee zum abschließenden Super-G aus: „In der dritten Kurve ausscheiden ist einfach deppert, dann hat man auch als Trainingsfahrt nicht viel davon.“ Trainer und ORF-Experte Armin Assinger waren da weniger streng mit dem Youngster: „Das war jetzt einfach Lehrgeld für die freche Fahrweise“, sagte Assinger. „Volle Wäsch’ vertragt die Kuppe einfach nicht.“ Jocher hatte ob seiner Startnummer unter den besten 30 hochmotiviert Vollgas über die Kuppe gegeben. Am nachfolgenden Tor war er chancenlos. Diese Erfahrung gehört aber genauso in eine „lehrreiche Kitzbühel-Woche“ wie das zähe Warten am Freitag oder die kleinen Fehler vom Sonntag. Kathrin Ebenhoch

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare