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Aktueller gegen früheren Deutschen Meister: Polen (in Weiß-Rot) im Duell mit Dresden.

Verrücktes Ergebnis bei Deutscher Meisterschaft der Straßenfußballer

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Zwei Tage lang rollte der Ball durch die Deckerhalle. Bei der Deutschen Meisterschaft gab‘s Fairness, Tore und einen ungewöhnlichen Titelträger zu sehen.

Das Team von „Anstoß!“: (v.l.) Jiri Pacourek, Johann Grasshoff und Stefan Huhn. 

Herzogsägmühle – Vor der Partie klatschen sich die Fußballer alle erst einmal ab. Nicht nur untereinander, auch ihren Gegnern strecken sie die Hand entgegen. Erst dann geht’s los: mit Dribblings, Pässen und schnellen Abschlüssen. Geschenkt wird sich nach Anpfiff nichts. Fair bleibt’s trotzdem. Als ein Denklinger dem Berliner Torwart ins Gesicht schießt, entschuldigt er sich sofort. Als in einer anderen Partie ein Wiesbadener einen Lübecker zu Fall bringt, gibt’s gleich einen entschuldigenden Klopfer auf die Schulter. Kein Gemecker, kein Geschimpfe. Bei der Deutschen Meisterschaft im Straßenfußball treten die Teilnehmer am Freitag und Samstag betont fair auf. Kein Wunder: Für sie geht es um mehr als um Fußball. Raus aus dem Alltag, anderen begegnen, Spaß haben: Das sind die Ziele der Veranstaltung, die Jiri Pacourek und sein Verein „Anstoß!“ ins Leben gerufen haben. Und an der Teams aus Einrichtungen der Wohnungslosen-, Sucht- sowie Flüchtlingshilfe teilnehmen. Zum ersten Mal fand das Turnier heuer in der Deckerhalle in Herzogsägmühle statt.

Zehn Mannschaften reisten dazu an, unter anderem aus Wiesbaden, Berlin und Hamburg. Sonst kämpfen bei der Meisterschaft rund 20 Teams um den Titel. Doch der ursprünglich geplante Wettbewerb wurde abgesagt. Herzogsägmühle sprang kurzfristig ein. Pacourek war froh.

Zwei Frauen beim Turnier dabei

Nicht nur er. Auch die Fußballer. „Ich freue mich, wenn ich mit den Jungs unterwegs bin und Spaß haben kann“, sagt Pierre, der mit seinem Team aus Wiesbaden Vierter wurde. „In der Schulzeit habe ich mich noch vor dem Fußballspielen gedrückt“, sagte der 24-Jährige und schmunzelte. Doch ein Freund nahm ihn mit ins Training des Wiesbadener Teams – „Dort hat’s dann doch Spaß gemacht.“

Auch Lydia kam erst als Erwachsene zum Fußballspielen. Die 24-Jährige aus Herzogsägmühle war eine von zwei Frauen bei dem Turnier. Ausgemacht hat ihr das nichts. „Ich bin meistens sogar die einzige Frau.“ Weil ihr Hobbyteam an der deutschen Meisterschaft nicht teilnahm, schaute sie einfach in der Halle vorbei – ihre Sportschuhe hatte sie dabei. „Ich spiele einfach gern Fußball.“ Und sie lernt gern neue Leute kennen – deshalb schloss sie sich nicht dem Gastgeberteam aus Herzogsägmühle an, sondern lief für die Hansekicker aus Lübeck auf.

Die hatten nämlich nur fünf Spieler dabei. „Es ist schwer, eine Regelmäßigkeit reinzubekommen. Es gibt immer wieder kurzfristige Absagen“, sagt deren Betreuer Heiko Naefken-Heintz. Seine fünf Fußballer, Lydia und ein weiterer Gastspieler standen beim Turnier also das erste Mal gemeinsam auf dem Feld. Und holten sich dabei den Fairness-Titel. Dass es sonst für sie nichts zu holen gab, war egal. „Es geht um den Spaß, darum, etwas anderes zu sehen“, sagt Naefken-Heintz. „Und darum, den Alltag zu vergessen.“

Suche nach Talenten für die WM

Gruppenfoto vor dem Spiel: Die Lilien-Kicker aus Wiesbaden (in Schwarz-Rot) und die Hansekicker aus Lübeck.

Eine gute Leistung konnte sich aber trotzdem auszahlen. Denn beim Turnier wurde auch Ausschau nach Kandidaten für die Nationalmannschaft gehalten, die im kommenden Jahr zur Weltmeisterschaft der Wohnungslosen fährt. „Das ist eine einzigartige Veranstaltung“, sagt Pacourek. Acht Spieler werden dafür gesucht. „Jeder darf nur einmal in seinem Leben teilnehmen.“ Womöglich öffnet sich da so manchem nach dem Turnier in Herzogsägmühle eine neue Tür. Denn mögliche Kandidaten „waren dabei“, verrät Ingo Hofschröer, der das Turnier nach Herzogsägmühle geholt hat. „Aber noch halten wir uns bedeckt.“ Nicht nur von den Spielern war Hofschröer begeistert, sondern vom ganzen Turnier. „In manchen Partien ging’s heiß her, die waren richtig knapp“, sagt er. „Aber ganz erstaunlich fair.“

Den Titel holte sich die Nationalmannschaft der Obdachlosen aus Polen vor Herzogsägmühle und dem Vorjahressieger Dresden. Ja, richtig gelesen, Meister wurde Polen. Pacourek schmunzelte. „Das ist wohl das erste Mal, dass Polen Deutscher Meister wird.“ Die Teams hatten sich vorher verständigt, dass die Mannschaft aus dem Nachbarland ganz normal teilnehmen darf – und auch wie jede andere gewertet wird. Daran wurde auch im Nachhinein nicht gerüttelt. Und das war nur fair.

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