Schnell auf zwei Rädern will Marcel Schrötter in der kommenden Saison sein. Der Vilgertshofener gab 2012 sein Debüt in der Moto2-Klasse.
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Schnell auf zwei Rädern will WM-Fahrer Marcel Schrötter in der kommenden Saison sein. Der Vilgertshofener gab 2012 sein Debüt in der Moto2-Klasse.

Motorsport: Moto2-Pilot Marcel Schrötter im Interview

Marcel Schrötter vor dem Saisonstart: „Werde versuchen, die Rennen mehr zu genießen“

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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In Katar beginnt am 28. März die Motorrad-WM. Schon jetzt macht sich Marcel Schrötter dorthin auf, denn es stehen Tests auf dem Programm. Im Interview äußert sich der Pilot, für den sich einiges geändert hat.

Vilgertshofen – Die Schlagzeilen kreisten zuletzt um die ewige Frage: Schafft es Marcel Schrötter noch in die Königsklasse der Biker, die MotoGP? Den Ballast, den die Erwartungen mit sich bringen, und auch den Frust des Vorjahres (9. Platz in der WM-Gesamtwertung) hat der Fahrer vom „Liqui Moly Intact GP-Team“ über Weihnachten versenkt. Es ist jetzt vieles neu: sein Technik-Team, sein Crew-Chief, seine Einstellung. Davon berichtet der Motorradfahrer im Interview.

2020 war die vielleicht mental härteste Saison mit zahllosen Rückschlägen. Haben Sie überhaupt Lust auf die neue?

Doch doch auf jeden Fall. Klar, die letzte Saison hat gesessen, auch danach noch. Das war eine anstrengende Zeit. Nicht nur wegen des Formats, so viele Rennen in kurzer Zeit, dann Corona, das Testen vorher nachher. Es war wirklich zäh. Bis Weihnachten hab’ ich gemerkt, dass mir die Saison in den Knochen hängt. Wenn man im Keller eine Stunde geradelt ist und nachgedacht hat, hast du wieder drei Tage kein Bock gehabt. Ab Weihnachten ging es bergauf. Ich freue mich riesig auf die neue Saison.

Zuletzt haben Sie viel Frust hinnehmen müssen ...

Solche Momente – Frust und Enttäuschung – kennt im Sport jeder. Nicht nur einmal. Du fragst dich dann: Ist das der Aufwand wert, dafür, dass man 15. wird? Für was mach ich das eigentlich? Auf der anderen Seite ist das mein Beruf, dafür werd’ ich bezahlt. Die Seite ist wichtig zu sehen. Es kam noch nie so weit, dass ich daheim gehockt bin und keinen Bock mehr hatte. Das waren Momente nach dem Training, nach Rennen, nach denen man am Boden ist. Ich will weiterhin gerne Motorrad fahren. Die Frage ist nur, wie es weitergeht, wenn es nicht so läuft. Wir versuchen, erstmal aus dem Loch vom letzten Jahr rauszukommen, verfolgen eine bisschen andere Strategie und haben die Crew gewechselt.

Wie läuft’s mit dem neuen Team?

Es macht Riesen-Spaß, mit der Crew zu arbeiten. Wir gehen andere Wege, der Crew-Chief hat eine andere Mentalität. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wie das Bike funktionieren soll.

Bisher hatten Sie einen Crew-Chief aus Südtirol, jetzt einen Allgäuer. Was ist er für ein Typ?

Ein ganz junger Typ, Anfang 30, genauso einer wie ich: Er sieht alles lockerer. Wir passen mega-gut zusammen. Und er ist ein ganz schlaues Köpfchen. Nur ein Beispiel: Nebenbei hat er ein Gerät erfunden für die Landwirtschaft bei sich daheim.

Wie geht’s dem Arm, ein halbes Jahr nach der OP?

Soweit ganz gut. Bei den Testfahrten habe ich gemerkt, dass er teilweise zwickt. Ich bin weiter am Probieren und Tun, wie ich mit dem Fahrstil ein bisschen Druck wegnehmen kann. Du kannst ja nicht einfach den Arm ausschalten. Gerade in Rechtskurven versuche ich, eine andere Position einzunehmen. Und ich bin nach wie vor am Schauen, was man in Richtung Physio machen kann. Massieren hab ich – blöd ausgedrückt – 20 Jahre gemacht.

Beim Test in Jerez hatten Sie einen kleinen Sturz, wie sehr beeinflusst der?

Gar nicht. An dem Tag hat der uns Zeit gekostet und aus dem Rhythmus rausgebracht. Ich hab’ davor ganz, ganz viel auf das Fahren geachtet, ein paar Sachen verändert, die teilweise super-gut funktioniert haben. In Spanien bin ich sofort richtig schnell gewesen. Dann kam der Sturz in einem Moment, wo man sich denkt: „Ich hab noch gar nicht richtig angedrückt.“ Am Motorrad waren ein paar Kleinigkeiten kaputt. Aber der Sturz war keine Rede wert.

In Spanien sind Sie auch Motocross gefahren – war das Gaudi oder etwas zum Lernen?

Fürs Rundstrecken-Fahren kannst du kaum etwas übernehmen. Motocross ist ein riesengroßes Hobby und Gaudi. Und super-gutes Fitnesstraining. Die Strecke verändert sich Runde für Runde. Wenn man 30 Minuten am Limit fährt, ist das Fitness- und Kopfsache. Während der Saison kommst du mal einen Tag zum Cross fahren, aber nicht regelmäßig. Im Winter kann man’s lockerer sehen.

Sie sind im Januar 28 geworden – was gab’s zum Geburtstag?

Ich sag mal so: Wenig Leute, wenig Geschenke.

Welcher Druck ist eigentlich größer mit 28: der, den man sich selbst macht, oder der vom Rennstall?

Tatsächlich ist es so, dass der Druck mittlerweile weniger wird. Wir haben alle genug Erfahrung, ich bin lange genug dabei. Es braucht keiner zu sagen, jetzt musst du abliefern. Ich weiß genau, dass ich nicht mehr im Team sein werde, wenn ich nur umeinander fahr’. Auf der anderen Seite gibt es keine Sorgen. Das Team ist super-happy, wir kommen gut aus – und ich bin fürs Team wichtig. Für ein deutsches Team mit deutschen Sponsoren wäre es nicht optimal, wenn es keine deutschen Fahrer dabei hätte. Aber wenn man in den Löchern hängt und um Platz 15 oder 20 fährt, ist das keine Garantie mehr. Da ist dann der Erfolg wichtiger.

Klingt, als wäre die MotoGP nicht mehr das all-definierende Ziel?

Ich sehe die Chance auf die Moto-GP immer noch. Irgendwo könnte mir es helfen, dass es keinen deutschen Fahrer gibt. Wenn nicht, dann ist es eben nicht so. Ich sehe das mittlerweile entspannter. Ich will Spaß haben. Das vergisst man ganz schnell und redet sich schlecht. Ich meine, ich darf auf der ganzen Welt Mottoradrennen fahren. Das mache ich, so lange es geht. Ich will Erfolg haben, sonst geht’s mir auch nicht gut, ich will aber alles entspannter sehen. Vielleicht war ich in den letzten Jahren zu verkrampft. Ich werde versuchen, die Rennen mehr zu genießen, die Gegner zu ärgern, neue Ansichtsweisen zu verfolgen. Unser Motto mit dem Crew Chief ist: Manchmal ist weniger mehr.

Was muss denn rauskommen, um es nach oben zu schaffen?

In Platzierungen ist das schwer zu sagen. Natürlich sollten wir in den Top Fünf stehen. Aber es zählt eher die Leistung über die ganze Saison hinweg. Permanent ums Podium kämpfen, regelmäßig in den Top Sechs oder Top Sieben dabei zu sein. Das ist unser Ziel. Fast keiner fährt so regelmäßig. Der Weltmeister letztes Jahr war am Anfang auch auf Platz 15 unterwegs. Das ist das Schwierige an der Klasse. Das Level ist so hoch.

Moto2-Pilot Marcel Schrötter hofft auf Top-Resultate.

Sie haben einen neuen Fahrer im Team – wie fiel das erste Treffen aus?

Im November 2020 hatten wir den ersten Test. Da war er mit dabei. Jetzt hatten wir nochmals vier Testtage in Spanien. Er muss schon ein bisschen was lernen, aber er ist flott. Wir versuchen, uns gegenseitig auf der Strecke zu helfen. Dir selbst bringt das mehr, wenn dein Kollege schnell ist. Das kann drei, vier Zehntel ausmachen. Voriges Jahr hat das nicht so gut funktioniert. Tom Lüthi wollte sein eigenes Ding machen. Am Ende ist aber auch er ein Gegner wie jeder andere.

Die Saison beginnt in Katar. Ihr schönstes Erlebnis in der Wüste?

Die Pole-Position und der Rundenrekord vor zwei Jahren. Die Strecke taugt mir ganz gut, wir haben immer ordentliche Saisonstarts gehabt. 2019 lief es generell gut. Bis die Einheitsreifen für alle Teams kamen, waren wir sauschnell – dann saulangsam.

Was sagt die Freundin, wenn Sie jetzt wieder unterwegs sind?

Das ist nicht ganz so einfach mit den Übersee-Rennen am Anfang. Wenn Katar rum ist nach drei Wochen, bin ich nur noch jedes zweite Wochenende weg. Aber: Das ist mein Job, damit verdiene ich mein Geld. Es gibt Schlimmeres.

Sie haben auch eine BMW aus der Superbike-WM getestet. War das die erste Annäherung an diese Klasse?

Das war einfach Spaß und Saisonvorbereitung. Mit dem Rennmoped kann man in der Zeit nicht viel fahren. Im Winter ist das sogar gar nicht erlaubt. Deswegen muss man schauen, wie man anderweitig ein paar Tage auf der Strecke fährt. Das hat sich so ergeben. BMW hat mich unterstützt und ein Bike zur Verfügung gestellt. Das hätte auch eine Yamaha sein können. Wir versuchen, es jedes Jahr so zu machen. Nach den ersten Fahrten tun einfach alle Muskeln weh, da kannst sieben Tage ins Fitnessstudio gehen und hast nicht diese Schmerzen. Auch Jack Miller (Australien, 2020 WM-Siebter, d. Red.) aus der MotoGP war dabei. Es war schön zu sehen, dass ich da mithalten kann oder sogar schneller bin. Mir zeigt das, dass die Moto2 eine spezielle Klasse ist. Das bedeutet nicht, dass ich in der GP nicht mithalten könnte. Unsere Reifen sind Einheitsbrei. Darüber beschwert sich jeder. Dadurch rutschen alle enger zusammen.

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