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„Wahnsinnige Teamdynamik“: Machtlfinger Werkstatt-Elf holt Teamgeist-Pokal

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Von: Sebastian Raviol

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„Wir feiern wenn wir gewinnen und wenn wir verlieren“: Das sagt Max (2.v.l.). Er war mit seinem Team der Werkstätten für Menschen mit Behinderung aus Andechs beim Seni Cup im unterfränkischen Rothenfels. © Seni Cup

Spieler mit geistiger Beeinträchtigung aus Machtlfing sind bei einem Fußballturnier Letzter geworden. Sie haben aber jedes Tor gefeiert und sind als Team zusammengewachsen – darum geht es, sagt Trainer Jürgen Murr. Am Ende bekommt sein Team einen Pokal.

Machtlfing – Die 16 Spieler stehen im Kreis und schließen die Augen. Eine Minute lang. Dann sollen sie Trainer Jürgen Murr (38) sagen, was sie wahrgenommen haben. Niemand sagt etwas. Sie wiederholen die Übung. Dann erst fallen ihnen Geräusche von Autos und Vögeln auf. „Die Selbstwahrnehmung ist teilweise das größte Problem“, sagt Murr. Seine Spieler arbeiten direkt neben dem Fußballfeld, in den IWL-Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Machtlfing. Dort fertigen Murr und seine Kollegen mit Menschen mit geistiger Behinderung vor allem Möbel an. Ob in der Werkstatt oder auf dem Feld: Vieles dreht sich um Fußball – und um das Turnier vor zwei Wochen.

Das Team trat im unterfränkischen Rothenfels beim „Seni Cup“ gegen andere Spieler mit geistigen Beeinträchtigungen an. Die Machtlfinger wurden Letzter – und doch schwärmen die Spieler heute noch von dem Turnier. Es wäre der Höhepunkt des Jahres, wenn nicht im Herbst noch ein Turnier anstehen würde. „Es entstand eine wahnsinnige Teamdynamik“, sagt Murr. „Sie wussten: Wir werden nicht viel Erfolg haben, aber wir halten zusammen.“ Sie durften in der Gruppe der stärksten Teams spielen – schon das sei ein Erfolg gewesen. „Zwei hatten gar keine Lust mehr. Dann haben andere gesagt: Wir dürfen hier sein und nehmen mit, was wir können.“ Am Ende bekommen sie als Mannschaft mit dem besten Teamgeist einen Pokal.

So ist auch das Prinzip in der Werkstatt, sagt Murr. Sie sollen sich gegenseitig bestärken. „Man muss ihnen etwas zutrauen. Es gibt Erfolge, die man niemals erwartet hätte.“ Die meisten kommen von Förderschulen und haben zwei Jahre Berufsbildung hinter sich. In der Machtlfinger Werkstatt sollen sie handwerklich breit ausgebildet werden, um auf dem Arbeitsmarkt Chancen zu haben. „Es klappt leider selten“, sagt Murr. Viele Arbeitgeber scheuten den Mehraufwand. Immer häufiger habe er es mit Lernbehinderungen zu tun. Murr, gelernter Schreiner, sieht gerne, wie seine Schützlinge Fortschritte machen.

Ein großes Thema sind die Emotionen. „Die werden hier einfach gelebt“, sagt er. „Wenn ich traurig bin, bin ich traurig. Dann wird auch mal geweint. Schön ist aber, dass auch viel miteinander gelacht wird.“ Nur: „Im Arbeitsleben müssen wir die Emotionen in Bahnen halten.“ Emotional könne es bei vielen Themen werden, sagt er. „Die Stimmung nach dem Pokalfinale der Bayern war am Boden.“ Beziehungsstress, Finale, Schicksalsschläge – „da braucht es morgens ein Gespräch“. Druck soll es auf der Arbeit aber nicht geben, auch wenn die Nachfrage nach den Möbeln steige. „Die Aufträge müssen nicht zu Lasten unserer Leute fertig werden.“

Murr ist wichtig für jungen Leute. „Er hat eine gute Mischung aus Ernst und Humor“, sagt Max (28). „Er ist der beste Trainer der Welt.“ Die Platzierung sei nicht wichtig, sagen auch Philipp, Martin und die beiden Stefans, die in Rothenfels dabei waren. Ein Motto, das Jupp Heynckes nach dem Pokalfinale ausgab, gilt auch für die Machtlfinger, wie Max sagt: „Wir feiern, wenn wir gewinnen und wenn wir verlieren.“

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