Gründungsvater des Schachturniers: Horst Leckner freut sich auf den Start am Samstag.  Foto: Archiv tp
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Horst Leckner erinnert sich an den größten Erfolg der Sparte Schach des TV Tegernsee.

Das Sportereignis im Landkreis Miesbach

Als der TV Tegernsee 2004 deutscher Meister im Blitzschach wurde: Koryphäen am Höhepunkt

  • vonHans-Peter Koller
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2004 feierte die Sparte Schach des TV Tegernsee ihren größten Erfolg: den Sieg bei der Deutschen Blitzschach-Meisterschaft.

 Tegernsee – Der FC Bayern München fühlt sich schon seit Jahrzehnten wohl am Tegernsee – nicht erst seit Uli Hoeneß und Manuel Neuer dort ihren Lebensmittelpunkt aufgeschlagen haben. Und der Fußball-Rekordmeister hat durch Franz Beckenbauer auch den Schachspielern vom Tegernsee einen großen Gefallen getan. Das Präsidium des FCB um den Kaiser versagte den „Klötzlschiebern“ (O-Ton) der Sparte Schach die für die 1. Bundesliga der Denksportler notwendige finanzielle Unterstützung, die darauf freiwillig in die Oberliga zurückzog. Eine Gelegenheit, die Horst Leckner beim Schopf packte. Der Verantwortliche der Tegernseer Schachspieler holte Klaus Bischoff, Gerald Hertneck, Uwe Bönsch, Zoltyn Ribli und Markus Stangl zum Verein.

Im Jahr 2004 waren die Koryphäen auf den schwarz-weißen Feldern auf ihrem Höhepunkt. Der TV Tegernsee erkämpfte den deutschen Meistertitel im Blitzschach, Platz drei in der 1. Bundesliga und Rang sechs beim Europacup. „Es waren schon einige größere Hürden zu nehmen, bis dieser Krimi für uns ein gutes Ende genommen hatte“, erinnert sich Leckner an die Blitz-Mannschaftsmeisterschaft im Jahr 2004.

Vorangegangen war eine mannschaftsinterne Diskussion. Igor Khenkin, die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft und entsprechend auch der Spitzenspieler der Tegernseer Rangliste, hatte in der 1. Bundesliga eine super Saison gespielt. Aber für das Turnier in Bad Godesberg nominierte ihn Leckner nicht.

Bischoff, Teilnehmer an sechs Schach-Olympiaden und 13-facher Deutscher Blitz-Einzelmeister, und der ebenfalls mehrfache Deutsche Blitz-Einzelmeister Stangl standen für Khenkin nicht zur Debatte. Aber mit Hertneck und Valeri Beim sah er sich doch auf Augenhöhe. Mindestens. Leckner aber blieb hart. Khenkin stand nur auf Abruf in der Warteschleife.

Stangls Husarenritt

Und fast wäre es auch dazu gekommen. Erwartete doch Stangls Frau Zwillinge, und einen Tag vor dem Titelkampf kamen diese zur Welt. Der Münchner versäumte so die gemeinsame Zugfahrt nach Bonn, fuhr aber in der Nacht mit dem Pkw nach Bad Godesberg und saß auch pünktlich am Brett. Offensichtlich beflügelte Stangl das neue Familienglück. In den ersten 17 der 24 Partien feierte er 15 Siege bei nur zwei Unentschieden.

Aber Blitz-Schach geht enorm an die Substanz. Entgegen dem herkömmlichen Königlichen Spiel ist hier die Bedenkzeit auf nur fünf Minuten begrenzt. Wird diese überschritten, fällt das Blättchen auf der Uhr – unabhängig vom Stand der Figuren auf dem Brett. „Er wurde zunehmend blasser und zitterte. Zudem sackte der Kreislauf in den Keller“, blickt Leckner auf die Turnier-Schlussphase zurück. Aber Stangl riss sich am Riemen und hielt durch. Nach den in den Vorjahren erkämpften Plätzen zwei, drei und vier eroberte der TV Tegernsee den heiß ersehnten Titel des Deutschen Blitzmeisters mit der Mannschaft. Eine absolute Teamleistung. Bischoff und Stangl hatten 19,5 Punkte erkämpft, Beim und Hertneck nur einen halben Zähler weniger.

Selbstvertrauen hatte das Quartett schon in der Punktrunde der 1. Bundesliga getankt. „Hinter vorgehaltener Hand wurden wir als Deutscher Amateurmeister gehandelt“, offenbart Leckner mit Blick auf Rang drei in der Endtabelle. Die SG Köln-Porz und der SC Baden-Oos waren die unbestreitbaren Überflieger. Die mit Weltranglistenspielern bestückten Titelaspiranten, die sich nur gegenseitig Punkte abknöpften und in einem Entscheidungskampf um Platz eins duellierten, waren von der Konkurrenz nicht zu gefährden. Aber etablierte Erstligisten wie den SV Werder Bremen, den Hamburger SK oder die SG Aljechin Solingen auf Distanz zu halten, war schon bewundernswert. „Wir hatten einen super Zusammenhalt“, erinnert Leckner an gemeinsame Schlittenfahrten vom Wallberg herunter, Fackelwanderungen und Gokart-Rennen.

Krimi bis zum letzten Zug: An die deutsche Blitzschach-Meisterschaft 2004 erinnert sich Horst Leckner bis heute sehr gut.

Leckner holte die besten Spieler nach Tegernsee

Denn in einer Statistik war der TV Tegernsee am Spitzenrang. Mit dem Bundestrainer Uwe Bösch und dem ehemaligen deutschen Jugendmeister Stefan Bromberger aus Wolfratshausen stellte der TVT das Team mit der geringsten Zahl an Großmeistern mit ausländischer Nationalität. Und was diese betrifft, hatte Leckner das notwendige Hintergrundwissen vor der Verpflichtung.

Zoltan Ribli war als Gold-Medaillengewinner bei einer Schach-Olympiade 1978 in Buenos Aires finanziell abgesichert. Er bezog aus Ungarn eine monatliche Apanage. „Ein wandelndes Schach-Lexikon. Was dieser Mann alles an Partien und Kombinationen im Kopf hat, ist einzigartig“, weiß Leckner. Auch Andrei Sokolov kam nicht des Geldes wegen an den Tegernsee. Der französische Nationalspieler, der in seiner Glanzzeit Platz drei der Weltrangliste belegte, war auf der Suche nach einem gut geführten Erstligisten, und hier hatte sich der TVT bereits einen Namen gemacht.

Den Schachsport am Tegernsee und den Namen Horst Leckner in einem Satz zu nennen, bleibt nicht aus. Der Waakirchner übernahm 1987 die Sparte der Denksportler mit der konkreten Vorgabe, das „Kaffehaus-Schach“ zu beenden, vereinseigenen Nachwuchs auszubilden und im Mannschaftsspielbetrieb nach oben zu klettern. Und wer den heute 74-Jährigen kennt, weiß um die Energie und die Zielstrebigkeit, mit der er seine Vorhaben in die Tat umsetzt. Er hatte sich nicht zuletzt vom Sparkassen-Lehrling zum Stellvertreter des Kreissparkassen-Vorsitzenden empor gearbeitet.

Leckner hat Ämter in fähige Hände übergeben

Leckner hob, zusammen mit dem Wahl-Bad Wiesseer Artur Jussupow und der Tegernseer Tal Tourismus GmbH, 1997 die Offene Internationale Bayerische Meisterschaft (OIBM) aus der Taufe, die sich zu einem der bedeutendsten Turniere Europas gemausert hat. Er holte mehrfach die deutsche Frauenmeisterschaft, die Einzelmeisterschaft der Senioren und den Deutschen Schach-Kongress an den Tegernsee und war federführend bei der Gründung des Vereins Schulschach Landkreis Miesbach. Selbst der spätere Weltmeister Aleksander Khalifmann ließ es sich nicht nehmen, 2012 der Gründungsversammlung im Tegernseer Rathaus beizuwohnen.

„Ich wollte Herrn Leckner etwas zurückgeben“, bekannte der OIBM-Sieger der Jahre 1997 und 1998 bei seiner Anreise aus Sankt Petersburg. „Er hat für Schach echt viel getan, und ich schätze ihn sehr als Menschen.“

Auch wenn Horst Leckner nun im fortgeschrittenen Alter verständlicherweise Ämter abgibt, erinnert er sich noch gerne an das Jahr 2004. „Sportlich gesehen war das unser Höhepunkt. Und eins habe ich mir nicht nehmen lassen“, sagt der 74-Jährige erfreut. „All meine Projekte, die ich vorangetrieben habe, konnte ich in bewährte Hände legen.“

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