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Vom Ableger zur Institution: Yacht-Club am Tegernsee feiert 90-jähriges Bestehen

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Von: Sebastian Schuch

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Traditioneller Jahresabschluss: Die Nikolausregatta des Yacht-Clubs Bad Wiessee konnte heuer schon zum zweiten Mal nicht stattfinden. 2022 feiert das Event ein Jubiläum.
Traditioneller Jahresabschluss: Die Nikolausregatta des Yacht-Clubs Bad Wiessee konnte heuer schon zum zweiten Mal nicht stattfinden. 2022 feiert das Event ein Jubiläum. © Privat

Anfang Dezember, wenn sich schon das erste Eis auf dem Tegernsee bildet, machen die Segler des Yacht-Clubs am Tegernsee (YCAT) zum Jahresabschluss traditionell noch einmal die Leinen los. Doch heuer fiel die weithin bekannte Nikolausregatta bereits zum zweiten Mal in Folge aus.

„Der Spaß wäre zu reglementiert gewesen“, erklärt Pressewart Mathias Pilmes. Dass dieses Event nicht stattfinden konnte, davon lässt sich der älteste Yacht-Club am See dieses besondere Jahr aber nicht verderben. Schließlich konnten die Mitglieder noch im Sommer das 90-jährige Bestehen feiern.

Einer, der fast sein Leben lang im Verein engagiert ist, ist der Ehrenvorsitzende Sepp Höss. Der 85-Jährige gilt als wandelndes Lexikon des YCAT – und das ist nicht übertrieben. Schließlich hat der zweimalige Vorsitzende (1979 bis 1994 und 2000 bis 2009) die Chronik des YCAT mitverfasst und ist seit der Neugründung 1949 Mitglied.

Angefangen hat der YCAT als Ableger des Bayerischen Yacht-Clubs in Starnberg. Dessen Mitglieder hatten die von Haus aus gute Thermik auf dem Tegernsee erkannt. Also brachten die Männer um Sepp Tölzer, Erster Vorsitzender des YCAT, die Segelboote zum damaligen Segelhafen beim Schlosskaffee und Bootsverleih Rixner in Tegernsee. 1931 war das, der Kriegsausbruch brachte das Vereinsleben zum Erliegen.

Nachdem die Alliierten 1949 auch wieder Privatboote auf dem See erlaubten, wagte der Yacht-Club unter Vorsitzendem Joachim Binkmann den Neustart, gemeinsam mit dem Ruder-Club an der Ländt in Tegernsee. „Das war ein langes, hohes Bootshaus, praktisch schräg gegenüber dem heutigen Rathaus“, berichtet Höss, der damals mit zwölf Jahren in den YCAT eintrat. 1955, der Ruderclub und der Yacht-Club trennten sich, erfolgte der Umzug zum Prasser-Bad in Rottach-Egern.

Sepp Höss
Sepp Höss © Privat

Einen ordentlichen Aufwind erlebte der YCAT in den 1960er Jahren unter Vorsitzendem Hubert Laprell, der auf Alfred Fränkl gefolgt war. „Damals war der Segelenthusiasmus sehr groß“, sagt Höss. Die guten Verbindungen Laprells, Chef des Tegernseer Krankenhauses, zum Herzöglichen Haus sowie zum damaligen Landrat Walter Königsdorfer ermöglichten den Umzug auf das heutige Gelände an der Hoffischerei in Tegernsee. „Der erste Steg, der heutige Hauptsteg, wurde 1962 mit rund 15 Pionieren der neu entstandenen Bundeswehr gebaut“, erinnert sich Höss. Mittlerweile ist ein Jollensteg dazugekommen, auch einen dritten Steg haben sich die Tegernseer gewünscht. „Den haben sie uns verweigert“, sagt Höss ganz ohne Groll.

In seine Zeit als Vorsitzender fiel die 50-Jahr-Feier des Vereins. „Da haben wir mit 120 Gästen auf der Terrasse gefeiert“, berichtet der 86-Jährige. Das Besondere: Damals war gerade die neue Markise eingebaut worden, die rund um die Terrasse geschlossen werden konnte. „Da kann man wunderschön feiern, wie in einem Zelt.“ Die 90-Jahr-Feier, die heuer im Rahmen der Club-Meisterschaft abgehalten wurde, konnte da coronabedingt nicht mithalten.

Der Fokus der Tegernseer lag schon früh auf dem Wettkampfsport – und das mehr als erfolgreich. So starteten Laprell (1972 in Kiel) und Wolf Stadler (1976 in Montreal) bei Olympischen Spielen in der Tempest-Klasse, 2000 segelte Thomas Auracher im Starboot bei den Sommerspielen in Sydney. Und freilich hat auch Höss den Namen des YCAT in Deutschland und darüber hinaus verbreitet. Er wurde sieben Mal Deutscher Meister und gar zweimal Weltmeister in der Tempest-Klasse in England und dem früheren Jugoslawien. „Wir waren nicht nur Süßwassersegler“, sagt Höss schmunzelnd.

Er war es auch, der 1958 erstmals die Centomiglia, die bekannteste Langstrecken-Regatta auf dem Gardasee für den YCAT gewann. Auf einer 20 Quadratmeter-Jolle. Diesen Erfolg wiederholte er genau zehn Jahre später, dazwischen feierte Klaus Hofmann einen weiteren Sieg für den YCAT (1963). Stolz ist Höss auf den Sieg seines Bruders Hans 1976 mit der Gustav Gans. „Das ist das größte Segelboot auf dem Tegernsee.“

Alexander Oswald
Alexander Oswald © Privat

Im Lauf der Jahre wuchs die Zahl der vom YCAT auf dem Tegernsee veranstalteten Regatten. Auch hier immer mit Blick auf den Wettkampf. Die bislang letzten großen Highlights waren 2019 die Internationale Deutsche Meisterschaft in der Dyas-Klasse sowie die Weltmeisterschaft der internationalen Tempest-Klasse.

Heuer waren zunächst zwölf Regatten geplant. „Viel mehr geht nicht. Pro Wochenende ist auf dem Tegernsee nur eine Veranstaltung erlaubt“, erklärt Pressewart Pilmes. Und es gibt ja noch ein paar andere Vereine am See. Schlussendlich plante der YCAT sogar 13 Regatten, nachdem die Klassenvereinigung der Finn-Segler kurzfristig eine Finn-Regatta angefragt hatte. Davon konnten immerhin zehn stattfinden. „Gerade die Jugendregatten wollten wir durchführen“, betont Pilmes. Etwa ein Sechstel der rund 350 Mitglieder sind Kinder und Jugendliche.

Auch für diese sind im kommenden Jahr einige Arbeiten geplant. „Um in Zukunft weiterhin eine zeitgemäße Ausbildung, Regatta-Organisation und Infrastruktur sicherstellen zu können, plant der Verein einen Neubau mit sanitären Anlagen, Umkleiden, einem Schulungsraum und einem Materiallager für die Jugendabteilung sowie im Bereich der Liegeplätze eine Verbesserung der Unterbringung von Gästebooten, um den Anforderungen internationaler Regularien bei Regatten zu entsprechen, die unter anderem für Meisterschaften das Auskranen von Booten nicht gestatten“, erklärt Alexander Oswald, seit 2014 Vorsitzender des YCAT. Neben Jugendarbeit und Regatten sind dann hoffentlich auch wieder Geselligkeit und Freizeitsegeln in größerem Ausmaß mit weniger Auflagen möglich.

Diese Hoffnung besteht auch für die Nikolausregatta, die als derzeit 13. geplante das Jahr 2022 beenden soll. Es wäre dem YCAT und Initiator Sepp Höss zu wünschen, denn das Schlussevent feiert seinerseits 2022 sein 60-Jähriges.

ses

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