In der Flugphase müssen Skispringer wie Moritz Baer auf viele Kleinigkeiten achten.
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In der Flugphase müssen Skispringer wie Moritz Baer auf viele Kleinigkeiten achten.

Skispringer der SF Gmund-Dürnbach

Zur Skisprung-WM: Moritz Baer erklärt die Phasen von Vorbereitung bis Landung

  • vonEwald Scheitterer
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Skispringen wirkt auf den ersten Blick leichter als es ist. Moritz Baer von den SF Gmund-Dürnbach erklärt zur WM, worauf es ankommt.

Gmund/Lenggries – Wenn der sportinteressierte Zuschauer einen Skisprung-Wettbewerb verfolgt, könnte er glauben, der Sport sei relativ einfach: Der Athlet fährt in einer vorgegebenen Anlaufspur hinunter, springt möglichst weit und legt eine Telemark-Landung hin. Dass das Ganze wesentlich komplexer ist, erklärt der Lenggrieser Moritz Baer, der für die SF Gmund-Dürnbach bei internationalen Wettkämpfen startet, zum Auftakt der nordischen Weltmeisterschaft 2021 in Oberstdorf.

Er selbst war zwar heuer bei den beiden deutschen Stationen der Vierschanzentournee dabei, konnte sich aber nicht für die WM qualifizieren. „Manchmal läuft es halt nicht so wie erwünscht. Das ist halt der Sport“, gibt er unumwunden zu, dass er sich derzeit eher in einem Formtief befindet. Da in Oberstdorf zudem heuer coronabedingt keine Zuschauer zugelassen sind, wird auch er die WM lediglich via TV verfolgen können.

Die Wettkampf-Vorbereitung

Auch für den Skispringer gilt vor dem Wettkampf neben der mentalen Vorbereitung ein intensives Aufwärmprogramm. „Da wir sehr beweglich sein müssen, werden dabei zahlreiche Dehnungsübungen absolviert.“ Es folgen die so genannten Imitationen, der gesamte Sprung-Ablauf quasi im Trockenen. Oftmals werden dabei mit Hilfe eines Rollwagens Anfahrtshocke und auch der Absprung simuliert. Und dann geht’s auch schon auf den Sprungturm.

„Wir fahren los, wenn der Trainer abwinkt“

Zuerst setzt sich der Athlet auf den Balken, „wobei jeder da ein gewisses Ritual verfolgt. Allerdings sollte man da nicht mehr zu viel nachdenken.“ Gab es früher die Diskussionen über die magersüchtigen Skispringer, ist das heute Schnee von gestern. Mittlerweile sind alle Skier gleich breit. Die jeweilige Länge, zwischen 2,30 und 2,60 Meter, berechnet sich nach der Formel Körpergröße mal Gewicht. „Damit ist der Ski sehr leichter Springer auch kürzer und erzeugt weniger Auftrieb“, erklärt Baer. Der Athlet blickt nun auf die Ampel, die je nach Windverhältnissen vom Kampfgericht gesteuert wird. Zuerst rot, dann gelb und schließlich grün. „Jetzt hat der Trainer exakt zehn Sekunden Zeit, um seinen Athleten abzuwinken, sonst droht die Disqualifikation.“ Bei schwierigen Windverhältnissen – „Seitenwind ist extrem gefährlich“ – kann die Jury die Ampel wieder auf Rot stellen. Folgt dann wieder Gelb, darf der Springer erneut auf den Balken. Nun geht es „möglichst windschlüpfrig“ in die Anlaufspur, um eine größtmögliche Geschwindigkeit zu erreichen. „Sehr entscheidend für den gesamten Sprung ist die richtige Balance über dem Ski.“ Im Idealfall ruhen zwei Drittel des Gewichts auf dem Fußballen, ein Drittel auf der Ferse.“

„Der Absprung ist reine Gefühlssache“

Mit das Schwierigste ist, am Schanzentisch das richtige Timing für den Absprung zu erwischen. Hier spielt natürlich mit, dass jede Schanze ein bisschen anders ist. „Nur mit vielem Ausprobieren und vielen Sprüngen erlernt man schließlich das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zum Absprung. Das ist ein sehr komplexer Vorgang auf den viele Faktoren Einfluss haben. Manchmal weiß man allerdings selbst nicht, warum man den richtigen Zeitpunkt gerade nicht erwischt hat.“

Die Kunst, möglichst weit fliegen

Auf viele, viele Kleinigkeiten, die letztlich die Weite beeinflussen, muss der Springer während des Fluges achten. Mit am wichtigsten: eine symmetrische Haltung der beiden Skier. „Dabei sollte der Körper möglichst nahe an den Skiern sein.“ Zudem hilft es, die Skier möglichst flach zustellen, um die ganze Skibreite für den Auftrieb nutzen zu können. Wichtig ist auch die ganze Körperhaltung mit einem leichten Hüftknick. „Um Auftrieb zu erzeugen wie bei einem Flugzeugflügel möglichst oben rund und unten flach“, beschreibt Baer. Dabei sollten die Beine extrem angespannt sein, während der Oberkörper für kleine Korrekturen locker bleibt. „Der Sprung wird dann aktiv beendet, wenn man am Boden die Landung einleitet.“ Natürlich will der Springer möglichst weit fliegen. „Doch wenn man merkt, dass nichts mehr geht, werden die Arme vom Köper weggestreckt.“ Als Hilfsmittel hat der Athlet dann die beiden roten Linien. Die erste am so genannten K-Punkt, die zweite bei der Hillsize, die auf vielen Großschanzen so bei 140 Metern liegt. „Die zweite Linie ist da enorm wichtig, weil ab dort der Sprunghügel schnell flacher wird. Da wird es dann mit der Landung extrem schwierig.“ Für eine optimale Landung schiebt der Athlet dann seinen „Sahnefuß“ nach vorne, um den Sprung möglichst mit dem sogenannten Telemark abzuschließen.

Die Wertung des Sprunges

Fünf Kampfrichter geben ihre Wertung ab, wobei die beste und die schlechteste gestrichen wird. Bei der Weite bekommt derjenige, der den K-Punkt erreicht 60 Punkte. Für größere oder geringere Weiten gibt es Zusatzpunkte beziehungsweise Abzüge. Bewertet werden aber auch Haltung, Flug, Landung und Ausfahrt. Hierfür kann jeder Kampfrichter maximal 20 Punkte vergeben. Schließlich gibt es weitere Zähler für die Windkompensation. Bei Wind von vorne, also mit gutem Auftrieb, werden Punkte abgezogen, bei Rückenwind, der den Springer auf den Hang drücken will, Zusatzpunkte. Da dies alles vom Athleten sehr schlecht eingeschätzt werden kann, geht dessen Blick stets zuerst auf die Anzeigentafel. „Und am besten ist es, wenn dort die Eins aufleuchtet.“

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