Bezirksliga-Wettkampf im Stockschießen Januar 2019 in Peißenberg (hier das Duell zwischen Bernried und Haunshofen).
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Ein Bild wie aus fernen Zeiten: Veranstaltungen wie die Bezirksliga-Wettkämpfe im Januar 2019 in Peißenberg (hier das Duell zwischen Bernried und Haunshofen) waren vergangenes Jahr unmöglich. Auch was die anstehende Sommersaison betrifft, herrscht bei den Klubs Skepsis.

STOCKSCHIESSEN

Vereinsleben in der Corona-Krise: „Alles ist tot“

  • vonChristian Heinrich
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Die Situation der Stockschützen im Landkreis Weilheim-Schongau ist in Corona-Zeiten schwierig. Training oder Wettkampf? Alles Fehlanzeige! Und auch der soziale Aspekt in den Vereinen leidet.

Landkreis – Der Sportplatz ist abgeriegelt, das Vereinsheim verschlossen. Selbst im Stadion von Peißenberg wurde schon das Eis abgetaut. „Momentan geht überhaupt nichts“, klagt Josef Schwab. Weder Meisterschaften noch Turniere, geschweige denn ein Training, sind möglich. „Wir sind praktisch auf Eis gelegt.“ Nicht nur der Abteilungsleiter des SV Polling bekommt leichte Depressionen, wenn er über die Situation der Stockschützen im Landkreis Weilheim-Schongau sinniert. Zwar wird auch im Sommer regelmäßig auf Asphalt gespielt, aber die kalte Jahreszeit brachte vor der Corona-Pandemie die Menschen immer regelmäßig auf den Bahnen, Weihern und Seen zusammen.

Nun verhindern die Kontaktbeschränkungen der Regierung, dass sich das Volk trifft, um „ein bayerisches Kulturgut“ zu pflegen“, wie es Olaf Kügler bezeichnet. In den vergangenen Jahren hat der Spartenchef des SV Raisting immer erfolgreich eine Dorfmeisterschaft in der Gemeinde nahe des Ammersees ausgerichtet. Obwohl seine Abteilung gerade einmal 20 Mitglieder zählt, drängten sich bei den Raistinger Titelkämpfen die Menschen wie die Heringe in einer Konservendose. Kügler zählte bis zu 50 Spieler, die sich auf ein gutes Dutzend Mannschaften verteilten. „Es sind dann immer ein, zwei Interessierte hängen geblieben“, berichtet Kügler. Das Turnier hat sich für ihn und seine Sparte meist ausgezahlt. Aber in diesem Jahr wird nicht gespielt und Kügler kann auch keine neuen Mitglieder gewinnen.

Stockschießen ist nicht nur Sport, sondern Kulturgut

Der Nachwuchs bleibt heuer auch beim TSV Peiting aus. Nirgends wird im Pfaffenwinkel Stockschießen auf so einem hohen Niveau betrieben wie oberhalb des Lechs. Die Männer spielen in der 1. und 2. Bundesliga sowie in der Oberliga. Die Damen sind ebenfalls im deutschen Oberhaus angesiedelt. Nur mit der Förderung der Jugend hakt es in diesem Winter wegen der Pandemie. „Man verliert ein Jahr, wahrscheinlich anderthalb“, mutmaßt Alexander Vöst. Er bedauert, dass sich vor allem die jungen Talente nicht so entwickeln wie die Generationen vor ihnen. „Das werden schwache Jahrgänge“, befürchtet das Oberhaupt der Peitinger Stockschützen.

Die Auswirkungen des Lockdowns kann der 30-Jährige, der dem B-Kader der deutschen Nationalmannschaft angehört, an sich selbst studieren. Da selbst die Bundesliga-Teams des TSV keine Erlaubnis zum Training haben, besitzt er momentan keine Möglichkeit, an seiner Technik oder an seinem Bewegungsablauf zu feilen. Diese Dinge lassen sich später noch korrigieren, wenn einmal regelmäßiges Üben wieder möglich ist. „Man verliert aber die Wettkampfhärte“, stellt Vöst klar. Der Abteilungsleiter rechnet damit, dass viele Spieler Probleme mit der Konzentration bekommen, wenn sie irgendwann wieder fünf Partien in gut zweieinhalb Stunden durchstehen müssen. Darüber hinaus erwartet er, dass vielen Akteuren auch die mentale Stärke verlustig geht, im Spiel den richtigen Wurf zu setzen. „Niemand von uns wird so stark wieder anfangen, wie er aufgehört hat“, prophezeit er.

Selbst Bundesliga-Teams dürfen nicht trainieren

In Raisting oder Polling könnten sie damit noch gut leben, schließlich sind die sportlichen Ansprüche dort nicht so hoch. Aber es droht noch ein viel größerer Verlust: „Das ganz Dorfleben geht durch Corona kaputt“, schlägt Kügler Alarm. Aber auch seine Sparte, die er als „familiäre Gruppe“ charakterisiert, liegt momentan wie im Koma. Der Kontakt zueinander schläft ein. „Nur noch arbeiten und nach Hause fahren“, bringt Kügler sein aktuelles Dasein auf den Punkt, das sich von dem seiner Vereinskollegen nicht wesentlich unterscheidet. „Es fehlt irgendetwas im Leben.“ Das merkt auch Josef Schwab. „Alles ist tot“, stellt er fest, „das ganze Vereinsleben leidet darunter“. Von den 84 Mitgliedern sind zwar alle bisher bei der Stange geblieben, doch irgendwie macht sich Agonie breit. „Mittlerweile hat man sich an das Nichtstun gewöhnt“, spricht Schwab von einem bedenklichen Zustand. „Ich wäre froh, wenn ich einmal ein paar Leute treffen dürfte.“

Auf neuen Schwung hoffen sie auch in Peiting. Wenn schon nicht auf Eis, soll im Frühjahr wieder auf Asphalt gespielt werden. „Den Winter haben wir abgeschlossen“, stellt Vöst klar. Eine gewisse Unsicherheit bleibt jedoch: Im vergangenen Herbst hatten die Peitinger noch fest damit gerechnet, Ende November 2020 einen Europacup für Damen und Herren ausrichten zu können. Es kam anders. Entsprechend zurückhaltend fällt nach den Erfahrungen des Winters die Prognose von Josef Schwab für die kommenden Monate aus: „Ich gehe davon aus, dass auch der Sommer ins Wasser fällt.“

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