Olaf Petersen (re.) mit Paul Schockemöhle. Das Foto entstand 2001 am Rande der „Riders Tour“.
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Szenegrößen unter sich: Olaf Petersen (re.) mit Paul Schockemöhle. Das Foto entstand 2001 am Rande der „Riders Tour“.

Olympia Tokyo 2020

Parcoursdesigner Olaf Petersen und seine erstaunliche Olympia-Karriere

  • Paul Hopp
    vonPaul Hopp
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Olaf Petersen ist eine Ikone im Springreiten. Mit seiner Art des Parcours-Designs und der Hindernisgestaltung hat er Maßstäbe gesetzt. In Tokio ist der Pähler in einer Doppelrolle in Aktion - und schreibt damit seine erstaunliche Olympia-Geschichte fort.

Pähl – Der Suezkanal ist für die großen Frachtschiffe wieder passierbar – und Olaf Petersen ist froh darüber. Vor ein paar Tagen machten sich vier Container seiner Firma auf die Reise nach Japan. Eine Verzögerung wäre nicht nur ärgerlich, sondern ein echtes Problem für das sportliche Großevent in diesem Jahr schlechthin, die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August). Petersen ist offizieller Lieferant der Reithindernisse, die im Modernen Fünfkampf zum Einsatz kommen. Und nicht nur das: Der Pähler ist Designer des Parcours für die Fünfkämpfer. Damit schreibt er ein weiteres Mal Sportgeschichte.

Olaf Petersen ist eine echte Ikone im Springreiten. Er hat Maßstäbe gesetzt: im Parcoursdesign als auch bei der Hindernisgestaltung. Mit seiner Art der Kurssetzung hat er „wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung im internationalen Springsport“ genommen, wie es seitens der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) heißt. In einem Wettkampf, so Petersens Überzeugung, soll nicht nur die Höhe und Weite der Sprünge entscheidend sein. „Wir als Parcoursdesigner testen Pferd und Reiter als Team“, sagt Petersen. Dabei kommt es auch auf Linienführung und Distanzen an.

Olaf Petersen: Im Parcoursdesign bei den Springreitern Maßstäbe gesetzt

Seine internationale Laufbahn als Parcoursdesigner begann 1974 in Donaueschingen. Im Jahr darauf war er alleinverantwortlich tätig. Petersen variierte die herkömmliche Kurssetzung. Die Reiter bekamen Aufgaben, mussten die Galoppsprünge mal verlängern, mal verkürzen. Zunächst wurde er belächelt, der Kurs sei zu leicht, unkten diverse Top-Athleten bei der Begehung. Denkste: Von 50 Reitern blieben nur fünf ohne Fehler. Petersen hatte den Sport in eine neue Richtung gelenkt.

Weltweit tätig: Olaf Petersen, hier aufgenommen zu Hause in Pähl, liefert mit seiner Firma Reithindernisse in 70 Länder.

Ein Kurssetzer ist „der Regisseur im Wettkampf“, sagt der Pähler. „Ein Spannungsaufbau muss da sein.“ Schafft jeder den Parcours ohne Abwurf, „ist es furchtbar langweilig“. Fallen die Stangen reihenweise oder gibt es Stürze von Pferd und Reiter, „ist es nicht schön zum Anschauen“. Es ist stets ein schmaler Grat, auf dem sich der Parcourschef bewegt. Das Ziel ist – neben dem Aspekt, Pferd und Reiter zu fordern –, das Publikum zu fesseln. Und das ist in einer Arena dann auch direkt spürbar – das Mitfiebern, das Luftanhalten, das enttäuschte „Oh“ oder der donnernde Applaus. „Wenn es wirklich spannend ist, reitet der Zuschauer mit.“

Für großes Staunen auch abseits des Fachpublikums sorgte der in Münster aufgewachsene Petersen im Jahr 1988. Bei Olympia in Seoul war er als Parcourschef im Springreiten im Einsatz und überraschte die Weltöffentlichkeit mit kunstvoll gestalteten Hindernissen. Die Steilsprünge, Kombinationen und Oxer waren mit landestypischen Farben und Motiven wie Drachen, Tempeln und Totempfählen verziert. Bis dato waren die Hindernisse einheitlich in Rot-Weiß oder Schwarz-Weiß gehalten. Als Petersen selbst noch bei internationalen Turnieren ritt, zu Zeiten eines Alwin Schockemöhle, „fand ich das schlimm. Überall sah es gleich aus“. Schon damals dachte er sich: „Wir könnten unseren Sport optisch doch schöner verkaufen.“ In Seoul setzte er das um. Als Petersen sein Konzept den Veranstaltern vorstellte, war die Reaktion eindeutig: „Die waren begeistert.“ Südkoreanische Kunststudenten wirkten bei der Erstellung der Hindernisse mit. Der Schlusssprung barg eine spezielle Note: einen Don Quichote bei seinem berühmten Angriff auf eine Windmühle – es war ein Hinweis aufs nächste Olympia 1992 in Barcelona.

Olaf Petersen: Riesenerfolg bei Olympia 1988 mit neuem Hinderniskonzept

Petersen war obendrein so gewitzt, allen Fernsehreportern vorab ein in mehreren Sprachen gehaltenes Exposé über die Hindernisse und die Bedeutung ihrer jeweiligen Gestaltung zukommen zu lassen. Als sich der Beginn des Springreitens – damals am Schlusstag der letzte Wettkampf im Olympiastadion – verzögerte, weil nicht die erforderliche Anzahl an Krankenwagen da waren, „da hatten die Reporter was zu erzählen“, sagt er. Die Publicity, die er so bekam, war für ihn freilich kein Nachteil. Es folgten reihenweise Engagements bei Weltreiterspielen, Weltcupfinals und Europameisterschaften. Für Olympia 2004 in Athen nominierte ihn der Weltreiterverband FEI erneut zum Parcoursdesigner im Springreiten. Das hatte es so noch nie gegeben und wird es auch nicht mehr geben. Denn die FEI hat danach festgelegt, dass jeder Course-Designer nur einmal bei Olympia die Kurssetzung übernehmen darf.

Der Einsatz nun in Tokio verletzt diese Regel nicht, da die Fünfkämpfer ja nicht unter dem Dach der FEI angesiedelt sind, sondern ihren eigenen Verband (UIPM) haben. Dessen Präsident trat an Petersen während der „Asian Games“ 2018 heran, bei denen der Pähler als Kursdesigner tätig war. Er solle doch bitte bei Olympia dem Fünfkampf etwas Spezielles bescheren. Petersen sagte zu, musste danach aber auch erst den Sport kennenlernen, reiste dafür zu Events. Reiten ist für die Fünfkämpfer neben Schwimmen, Fechten sowie Laufen und Schießen (wird mittlerweile gemeinsam absolviert) nur eine Disziplin. Die Athleten treten auf ihnen zugelosten Pferden an. Der Olympia-Kurs darf die Athleten nicht überfordern, „sie sollen zeigen können, was sie können“. Und dann galt es ja noch, sich wegen der Hindernisse mit Japan zu beschäftigen.

Neue Wege: Bei Olympia 1988 hat Olaf Petersen als Parcourschef erstmals besonders gestaltete Hindernisse eingesetzt. Die Hindernisse bezogen sich vornehmlich aufs Gastgeberland Südkorea. Das Foto zeigt den letzten Sprung, der auf das nächste Olympia, 1992 in Barcelona, hinweist.

Mit seiner vor gut 20 Jahren gegründeten Firma „Olaf Petersen Equestrian Jumps and Course Design“ entwirft und fertigt er an vier Standorten (zwei davon in Deutschland) themenbezogene Hindernisse und verkauft sie in 70 Ländern. Davor führte Petersen ein Unternehmen, das Briefumschläge produzierte. Sein Engagement im Reitsport und bei der FEI (von 1993 bis 2005 war er dort in mehreren Positionen im Vorstand) war also lange Jahre ein „Hobby“. Mittlerweile ist Course-Designer ein Beruf geworden. Petersen gibt dafür Lehrgänge. Der Pähler ist einer von nur etwa 30 Level-4-Course-Directors. Diesem Kreis gehört auch Sohn Olaf Petersen junior (53) an – weltweit eine einmalige Konstellation.

Olaf Petersen: Seit über 20 Jahren in Pähl beheimatet

Olaf Petersen senior ist der beste Beweis dafür, dass Aktivität jung hält. Wer ihn im Gespräch erlebt, der mag nicht glauben, dass da ein 83-Jähriger vor einem sitzt. „Die Arbeit“, sagt er, „hält mich kreativ und am Leben.“ Wenn im Büro das Telefon klingelt, die E-Mails einlaufen und sich Anfragen aus aller Welt stapeln, dann ist er in seinem Element: „Ich liebe das.“ Seine jetzige, zweite Ehefrau, Daniela Petersen-Miecke, müsse ihn bisweilen abends aus dem Büro „herausholen“, sagt er lächelnd. Für den Termin mit der Heimatzeitung hat Petersen sein Handy extra ausgeschaltet.

Der Kurs- und Hindernisdesigner erweist sich als ein angenehm ruhiger und sachlich erzählender Gesprächspartner, der auch charmant vorgetragene Anekdoten einzustreuen weiß. So wie die von einem Weltcup in der Berliner Deutschlandhalle, bei der 20 von 40 Reitern mit einem Nullfehlerritt ins Stechen einzogen. Petersen musste – auch und gerade von den Medien – heftige Kritik für einen offenbar zu leichten Kurs einstecken. Lange Zeit später wurde ihm gebeichtet, dass sich die Reiter in der Nacht davor in die Halle geschlichen und auf dem Parcours geübt hatten. Geradezu unglaublich: Nach 1988 wollte Petersen Hindernisse des Olympia-Springen, vor allem den Don Quijote, kaufen. Das wurde ihm verwehrt mit dem Hinweis, sie fänden Eingang ins Olympische Museum. Als er nach Jahren einen Lehrgang in Südkorea abhielt und ins Olympische Museum wollte, stellte sich heraus, dass dort keines der Hindernisse steht, weil irgend ein Unkundiger sie alle hatte verbrennen lassen.

Antike und Moderne vereint: Ein von Olaf Petersen entworfenes Hindernis bei Olympia 2004 in Athen.

Für die Spiele 2004 in Athen wollte Petersen die Reiter im Parcours die Reise des Odysseus absolvieren lassen. Seine Vorschläge fanden beim „Look-Department“, das übers olympische Erscheinungsbild wachte, keinen Gefallen. In der Odyssee wird gekämpft, das vertrage sich nicht mit friedlichen Sportspielen. Mit antiken Symbolen und Ornamenten schaffte er es, die Organisatoren zufriedenzustellen.

In Deutschland arbeitet Petersen, der von der FN mit dem Deutschen Reiterkreuz in Gold ausgezeichnet wurde, seit 2005 nicht mehr als Parcoursdesigner. Allein bei deutschen Meisterschaften war er zwei Jahrzehnte lang tätig gewesen. An immer den gleichen Orten werde es schwer, Neues zu kreieren. „Die Reiter können einen im Lauf der Jahre auch lesen.“ Freigewordene Zeit nutzt er gern, um seine Tochter Louisa Petersen (20) bei ihren Turnierauftritten zu sehen.

Als Kursdesigner kommt Olaf Petersen weltweit immer noch auf etwa 25 Turniere pro Jahr. Jedes nimmt etwa eine Woche in Anspruch. Corona hat 2020 auch im Reiten viel zum Erliegen gebracht. „Seit über einem Jahr habe ich im Ausland nichts mehr gebaut“, sagt er ein wenig wehmütig. Schon bald geht es aber wieder los: Im Mai steht in St. Petersburg ein Turnier an. Richtig stressig dürfte es dann bei Olympia in Tokio werden. Vor dem Fünfkampf im Tokio-Stadion (50 000 Sitzplätze) finden die Rugby-Turniere statt. Petersen und seine Crew haben zum Aufbau nur wenig Zeit. „Wir haben ja auch die Nacht“, sagt er mit Vorfreude.

Reithindernisse und ihre Geschichte: Das Beispiel „Daruma“

In Seoul hat Olaf Petersen für den Springparcours erstmals Hindernisse zum Einsatz gebracht, die mit landestypischen Motiven gestaltet waren. Das kam derart gut an, dass später eine entsprechende Passage mit Hinweis auf die Aktion Petersens in den Olympia-Verträgen Niederschlag fand. Der Pähler war noch in Sydney, Athen und Peking offizieller Olympia-Lieferant für die Reithindernisse. In Tokio ist er nun für die Gestaltung des Parcours im Fünfkampf zuständig. Dafür hat sich Petersen ein Jahr lang intensiv mit der japanischen Kultur beschäftigt, denn es sollte etwas jenseits irgendwelcher Sushi-Klischees entstehen.

Eines der 15 Hindernisse hat die Figur Daruma zum Thema. Er ist einer der beliebtesten Glücksbringer in Japan. Er besteht in der Regel aus Pappmaché und wird mit einem Gewicht beschwert, damit er nicht umfallen kann. Somit macht er Mut, sich in jeder Situation wieder aufzurichten. Oft wird er in buddhistischen Tempeln verkauft. Die Figur stellt den buddhistischen Mönch und Zen-Patriarchen Bodhidharma (japanisch: Daruma) dar, der im fünften Jahrhundert gelebt haben soll.

Eines der 15 Hindernisse im Parcours der Fünfkämpfer hat den „Daruma“, einen Glücksbringer, zum Thema. „Tokyo 2020“ erlaubt ausnahmsweise eine Vorab-Veröffentlichung.

Die Darstellung der Figur ohne Arme und Beine geht darauf zurück, dass der Mönch angeblich neun Jahre im Meditationssitz vor einer Felswand saß, um die Erleuchtung zu erlangen. Da für den Meditationssitz keine Arme und Beine benötigt werden, fehlen sie beim Glücksbringer. Daruma soll während der Meditation eingeschlafen sein. Als er aufwachte, ärgerte er sich dermaßen über diese Disziplinlosigkeit, dass er sich die Augenlider abschnitt – deshalb die großen Augen. Daruma gilt als Helfer bei der Erfüllung von Wünschen. Es gibt ihn in verschiedenen Farben: Rot (für sichere Geburt, harmonische Beziehungen und Liebe), Schwarz (wehrt alles Böse ab und zieht Wohlstand an) und Gelb (Glück). Ein Sprichwort wird mit der Figur verbunden: Nanakorobi yaoki. Das heißt so viel wie „Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen“. Das Prinzip der Hartnäckigkeit und des Nicht-Aufgebens verkörpert der Daruma.

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