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„Du spinnst“: Die knallharte Ultra-Woche der Tabea Otto

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Von: Paul Hopp

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Viel Spaß an der Anstrengung: Tabea Otto nahm kurzfristig am „Race around Niederösterreich“ teil. Für sie war es das Debüt bei diesem Ultrarennen.
Viel Spaß an der Anstrengung: Tabea Otto nahm kurzfristig am „Race around Niederösterreich“ teil. Für sie war es das Debüt bei diesem Ultrarennen. © Nevsimal/Race around Niederösterreich

Tabea Otto hat viel Ausdauer. Aber was die 26-jährige Grundschullehrerin jüngst binnen einer Woche zu Fuß und auf dem Rad abgespult hat, war dann doch ziemlich heftig.

Penzberg/Murnau – Aus dem Stand heraus mal eben einen Marathon zu laufen, das ist im Falle von Tabea Otto nichts absolut Außergewöhnliches. Aber nur wenige Tage nach so einer Aktion dann noch an einem Ultra-Radrennen mit 600 Kilometern und 6000 Höhenmetern teilzunehmen – das hat auch die 26-Jährige bis dato noch nicht getan. Das Wagnis gelang: Zusammen mit Peter Scherrer (63) belegte Otto beim „Race around Niederösterreich“ in der Mixed-Wertung mit Rang drei sogar einen Podestplatz.

Als die Ausdauersportlerin zu ihrem Privat-Marathon am Rande des „Megamarsches“ von München nach Mittenwald aufbrach und aus Spaß von Benediktbeuern über den Kesselberg nach Mittenwald lief, wusste sie noch nicht, dass sie zwei Tage später telefonisch eine Anfrage für die Teilnahme am „Race around Niederösterreich“ bekam. Dem Sauerlacher Scherrer (in der Region auch als Skilanglauflehrer bekannt) war kurzfristig die Partnerin abhanden gekommen.

Tabea Otto: Erst ein Marathon, dann ein Ultra-Rad-Rennen

Über einen anderen Ultraradler, Bernhard Steinberger, mit dem Tabea Otto im vergangenen Jahr eine 24-Stunden-Trophy bei Graz gewonnen hatte, kam der Kontakt zur Murnauerin zustande. Nach einem längeren Gespräch sagte Otto schließlich zu – drei Tage vor Rennstart wohlgemerkt. Dass sie am Wochenende davor über 42 Kilometer gelaufen war, erfuhr Scherrer erst viel später. Die Reaktion des Routiniers: „Du spinnst.“

Fit für eine solche Unternehmung wie das „Race around Niederösterreich“ (RAN) ist Otto. Die Grundschullehrerin, die an der Penzberger Bürgermeister-Prandl-Grundschule Viertklässler unterrichtet, spult regelmäßig Langdistanzen ab. „Ich kenne meinen Körper relativ gut. Ich dachte mir: Es wird schon laufen.“ Dennoch war auch etwas Nervenkitzel dabei: Denn so eine Art Rad-Rennen – mit Pacecar, eigenverantwortlicher Navigation, Zeitlimit etc. – hatte Otto bis dato noch nicht bestritten. Im Vergleich zur 24-Stunden-Trophy in Hinzendorf mit einem 4-Kilometer-Rundkurs ist das RAN „eine ganz andere Hausnummer“, so Otto.

Platz drei beim „Race around Niederösterreich“

Beim RAN starten die Teilnehmer quasi in die Nacht hinein, um kurz vor 21 Uhr ging das Abenteuer für das deutsche Duo los. Zu Beginn wechselten sich die Fahrer jede Stunde ab, schon bald verkürzten sie die Einsatzzeiten auf gut 20 Minuten. Das erwies sich für die Athleten als Vorteil: In der kürzeren Zeit ist ein höheres Tempo möglich, und derjenige, der Pause hat, „fährt körperlich nicht völlig runter und kühlt weniger aus“, sagt Otto. Ein Nachteil: Bei jedem Wechsel geht etwas Zeit verloren, denn der Transponder muss übergeben werden.

Die beiden lagen bald vor ihrem persönlichen Zeitplan. Nach etwa 200 Kilometern waren sie rund eine Viertelstunde schneller als anvisiert. Das Guthaben wuchs immer mehr an – bis zum Schluss auf über eine Stunde gegenüber den angepeilten 22 Stunden. „Das war richtig cool“, sagt Otto. Erstaunlich war es obendrein, denn beim RAN kommen die heftigen Anstiege erst in der zweiten Rennhälfte. „Wir kamen super über die Berge“, freut sich Otto. Einmal, nach etwa 340 Kilometern, erlebte sie einen schwierigen Moment, als sie einen 23-Prozent-Anstieg zu überwinden hatte. „Der hat mir kurz alle Kräfte geraubt.“ Zum Glück sei danach schnell ein Wechsel gekommen. In der folgenden Pause konnte sie gut regenerieren.

Fahrt auf den Podestplatz: Peter Scherrer und Tabea Otto belegten in der Mixed-Wertung für Zweierteams den dritten Rang.
Fahrt auf den Podestplatz: Peter Scherrer und Tabea Otto belegten in der Mixed-Wertung für Zweierteams den dritten Rang. © Veranstalter/RAN

Eine Herausforderung beim RAN ist für jeden Beteiligten nicht zuletzt das Schlafdefizit. „Irgendwann funktionierst du nur noch“, so Otto. Mit dem Wetter hatten die Teilnehmer Glück, auch wenn die Nacht kalt war. Einmal erlebten Otto und Scherrer einen Sprühregen. „Aber da war Peter auf dem Rad“, sagt die Murnauerin mit einem Schmunzeln. Ausdrücklich lobt Otto die Arbeit der Begleiter im Pacecar – ihr Freund war kurzerhand mitgekommen, Scherrer hatte zwei erfahrene Helfer engagiert. „Vor allem die Navigation ist extrem wichtig“, betont die Athletin.

Race around Niederösterreich

Das Race around Niederösterreich erlebte 2022 seine vierte Auflage. Vom Start- und Zielort Weitra aus geht es über rund 600 Kilometer und gut 6000 Höhenmeter im Uhrzeigersinn durchs Bundesland Niederösterreich. Die Strecke führt in der Nähe der Landesgrenzen entlang. Sieger gibt es im Einzel (Zeitlimit 30 Stunden) sowie in Zweier- und Dreier-Teams (Zeitlimit 24 Stunden). Innerhalb der Teams wechseln sich die Fahrer ab. Das Vorbild ist das legendäre Race across America. Im Einzel sorgten heuer zwei österreichische Athleten, der sechsfache Race-across-America-Sieger Christoph Strasser (16:36 Stunden) und Elena Roch (21:15), – wie im Jahr davor – für Streckenrekorde. Rodel-Olympiasieger Felix Loch fuhr in einem Dreier-Team mit – er wurde mit den „Athletes for Ukraine“ Dritter. 2021 nahmen Tina und Gerhard Steinl teil. In der Zweier-Team-Wertung (Mixed) belegte das Ehepaar aus Deutenhausen in 21:35 Stunden den vierten Platz.

Nach 20:54 Stunden kamen Otto/Scherrer im Ziel in Weitra an. Das Duo, das unter der Flagge des gemeinnützigen Vereins „Radeln und Helfen“ (unterstützt unter anderem die Kinderkrebshilfe) fuhr, belegte in der Mixed-Wertung Rang drei unter sechs Teams. Der zweite Platz, ist Otto überzeugt, wäre auch drin gewesen. Das deutsche Team „Cycling unites“ hatte 17 Minuten Vorsprung. Zwischenzeitlich war das Duo jedoch aus der Livetracker-Anzeige herausgefallen und so für Otto/Scherrer nicht mehr als direkte Konkurrenten erkennbar. Bei der Murnauerin überwiegt eindeutig die Zufriedenheit. Über kurz oder lang, so Otto, möchte sie so ein Rennen auch mal als Solofahrerin absolvieren.

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Der Marathon-Lauf wenige Tage zuvor war für Tabea Otto auch eine Art Formtest. Nach einer Corona-Infektion entschied sie sich, den „Megamarsch“ von München nach Mittenwald (100 Kilometer in 24 Stunden) nicht wie ursprünglich geplant als Teilnehmerin zu absolvieren. Otto tat dafür Dienst an der Verpflegungsstation in Benediktbeuern. Nach ihrer Schicht, die um 5 Uhr beendet war, wollte sie zusammen mit ihrem Hund „Spike“ so lange joggen, bis sie die letzten Marschierer eingeholt hatte und dann nach Mittenwald gehen. Doch schon kurz vor Kochel hatte sie das Feld eingeholt – und machte weiter.

Tabea Otto läuft kurzerhand einen Marathon nach Mittenwald

„Ich war einfach im Laufmodus“, sagt sie fast entschuldigend. Nach rund 21 Kilometern und dem Anstieg über den Kesselberg war „Spike“ müde. Die noch fehlenden Kilometer bis zur letzten Verpflegungsstelle – Ottos Freund war dort im Einsatz – trug sie den Mischling. „Die Zeit war dahin, aber der Hund geht immer vor.“

Die abschließenden elf Kilometer bis Mittenwald lief Otto dann wieder. Um auch wirklich auf die Marathon-Distanz von 42,2 Kilometer zu kommen, kreiselte sie noch einige Mal ums Zielgelände. Eine Zeit von 5:16 Stunden stand auf der Uhr. Wichtiger war ihr die Bestätigung, dass sie Corona überstanden hatte und leistungsfähig war. Da war es dann auch möglich, das „Race around Niederösterreich“ dranzuhängen.

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