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Eingespieltes Duo: Martin Härtl (links) mit Behindertensportlerin Clara Klug - hier beim Training in Seefeld.

Weilheim

Martin Härtl – ein Lotse auf Skiern

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Weilheim Sehbehinderte Skilangläufer und Biathleten benötigen im Wettkampf „Begleitläufer“. Einer dieser speziellen Helfer ist Martin Härtl (40). 

Sich von einem Handicap – sei es angeboren oder durch einen Unfall bedingt – auf keinen Fall vom Weg abbringen zu lassen, das treibt Behindertensportler an. „Die sportlichen Leistungen, die solche Menschen bringen, sind erstaunlich und gigantisch“, sagt Martin Härtl. Der 40-Jährige weiß selbst am besten, wie es ist, einen besonderen Kampf zu führen. Im Alter von 17 Jahren stürzte er in einer Kletterhalle aus neun Metern Höhe ab, zog sich zahlreiche komplizierte Brüche und innere Blutungen zu. Der sportbegeisterte Härtl ließ sich davon nicht entmutigen, kämpfte sich zurück.

Der Leichtathlet startete seinerzeit für die LG Regensburg, den führenden Verein in Sachen „Langstrecke“ in Bayern. Aus dieser Zeit kennt Härtl auch Mikki Heiß (Iffeldorf), mit der er mehrere Trainingslager absolvierte. Zwei Jahre nach dem Unfall lief der gebürtige Oberpfälzer in Turin einen Marathon in 3:25 Stunden. Als Behindertensportler holte er mehrere deutsche Meistertitel. Die 5000 Meter schaffte er in gut 16 Minuten, die 10 000 Meter lief er in etwas mehr als 35 Minuten. Mit dem Skilanglauf kam Härtl auch schon früh in Berührung. In seinem Geburtsort Friedenfels „ging vor der Haustür die Langlauf-Loipe vorbei“, erzählt er.

Der Unfall richtete sein Interesse auf den Behindertensport. Mittlerweile ist der Zollbeamte dort in mehreren Funktionen tätig. Im Behinderten- und Rehabilitationssportverband (BVS) Bayern ist Härtl Abteilungsleiter für Ski Nordisch und Biathlon sowie Landestrainer. Obendrein fungiert er für das Nachwuchstalent Clara Klug (21) als Heimtrainer und Begleitläufer. Den Werdegang der Münchenerin, die an einer genetisch bedingten Sehschwäche leidet und so gut wie blind ist, hat Härtl seit Längerem verfolgt. „Sie hat sich nicht schlecht angestellt.“ Vor drei Jahren rief er sie an und fragte, ob sie nicht Lust zur Zusammenarbeit hätte. Das große Ziel ist die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2018.

Martin Härtl und Clara Klug beim Weltcup in Tyumen (Russland), bei dem die Münchenerin drei Podestplätze im Biathlon holte und auch im Langlauf stark auftrumpfte.

In diesem Winter gelangen Klug und Härtl, die mittlerweile Kaderstatus erreicht hat, nun die ersten Podestplätze im Weltcup. Beim Wettbewerb in Tyumen (Russland/Sibirien) schaffte es das Duo im Biathlon im Einzel (12,5 Kilometer), im Sprint (6 Kilometer) und in der Verfolgung (10 Kilometer) auf den dritten Platz. Bei insgesamt 50 Schüssen gelangen Klug 48 Treffer, obwohl das Internationale Paralympische Komitee (IPC) zur neuen Saison die Durchmesser der Scheiben von 28 auf 21 Millimeter reduziert hatte. Noch höher als die drei Podestränge siedelt Härtl den vierten Platz seines Schützlings im 15-Kilometer-Langlauf an. Die Strecke mit insgesamt 370 Höhenmetern bewältigte Klug im freien Stil in 45:02,0 Minuten. „Kraft und Ausdauer sind bei ihr noch ausbaufähig“, sagt Härtl. „Ihre Leistung zieht sie bislang nur aus der Technik.“ Technisch, das habe das Trainingslager gezeigt, kann Klug mit den nicht-behinderten deutschen Weltcup-Läuferinnen mithalten, berichtet Härtl. Sein Job als Begleitläufer ist eine besondere Herausforderung. „Du musst deutlich schneller sein als der Athlet, permanent Kommandos geben und alles drumherum im Blickfeld haben“, erklärt Härtl. Alle Begleitläufer „haben eine sportliche Historie, sind zum Teil ehemalige Kaderathleten“, erklärt der 40-Jährige. Die Kommunikation mit dem Athleten läuft akustisch, das heißt mit kurzen Worten. Geht es in Kurven, gibt Härtl nicht nur die Richtung, sondern auch die Ausprägung an – zum Beispiel „links neun“ oder „rechts zwei“. Für gewisse Gelände-Unebenheiten gibt es spezielle Codewörter. Um schnell zu sein, braucht es eine genaue Abstimmung, Können und Mut. Bei Abfahrten haben Klug und Härtl schon 50 km/h und mehr erreicht.

Das Niveau im Behindertensport ist mittlerweile „abartig hoch“, sagt Härtl. Derzeit kommt sein Schützling auf zehn bis zwölf Trainingseinheiten in der Woche, die oft auch am Gögerl oder im Hardt stattfinden. Künftig wird Klug ihr Pensum auf 20 Trainingsstunden pro Woche erhöhen. Der Begleitläufer muss da mithalten können. Für Härtl, der ja als Klugs Trainer fungiert, eine spezielle Herausforderung: „Die Kunst ist, selbst noch seine Einheiten durchzuziehen.“ Sein jüngstes Sonntagsprogramm: vormittags Joggen, nachmittags Mountainbikefahren. Und im Wohnzimmer sieht es angesichts zahlreicher Fitnessgeräte „aus wie in einem Kraftstudio“, sagt Härtl mit einem Lachen. Da ist es nur gut, dass seine Frau auch sportlich ist: Christine Lippert ist eine erfolgreiche Läuferin (für LAC Quelle Fürth) und hat unter anderem beim „Hapfelmeier-Laufcup“ in Weilheim in den vergangenen Jahren mehrere Siege geholt.

Weitere Informationen zu Clara Klug und Martin Härtl gibt es auf der Homepage der Sportlerin unter www.clara-klug.com.

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