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Der Trakehner-Hengst des Jahres steht bei Familie Raili in Zellsee

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Von: Paul Hopp

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Trakehner-Hengst „Hibiskus“ mit Nicole Raili im Sattel beim Ritt durch den Schnee.
Spaß im Schnee: Trakehner-Hengst „Hibiskus“ mit Nicole Raili im Sattel. Das Foto ist ein Archivbild aus einem vergangenen Winter. © Erin Raili

Als die Info kam, war Erin Raili „doch sehr überrascht“. Ihr „Hibiskus“ wurde vom deutschen Trakehner-Verband zum Hengst des Jahres gekürt. Was folgte, war eine lange Reise.

Wessobrunn – Der Star selbst ist gerade nicht zu sehen, aber mehrere seiner Nachkommen lugen neugierig über die Absperrung ihres Auslaufs. Stattlich und edel stehen die Rapp- und Fuchsfohlen auf dem Hof der Familie Raili in Zellsee da. Ihrem Ahnherrn wurde jüngst eine besondere Ehre zuteil. „Hibiskus“ erhielt beim jüngsten Trakehner-Hengstmarkt in Neumünster (Schleswig-Holstein) die Auszeichnung zum „Trakehner-Hengst des Jahres“. Als im Vorfeld die Info per Brief kam, „war ich doch sehr überrascht“, sagt Erin Raili. „Ich habe gewusst, dass er im Gespräch ist, aber nicht mehr daran gedacht“. Seit 1995 wird vom Trakehner-Verband alljährlich ein Hengst ausgezeichnet, die sich in der Zucht besonders bewiesen hat.

Elitehengst Hibiskus: Mit 20 Jahren noch topfit und voll im Geschäft

Für Raili stellt das Ergebnis eine Besonderheit dar: „Wir haben uns sehr darüber gefreut.“ Erstmals nahm sie beim Jahreshöhepunkt des Verbandes solch einen Preis entgegen. Die Zeremonie in den Holstenhallen in Neumünster „war schon aufregend – trotz Corona“, sagt die 56-Jährige. Aufgrund der Pandemie fand das Event unter entsprechenden Auflagen statt. Wegen Corona hat die Züchterin zuerst daran gedacht, nur eine Videobotschaft nach Neumünster zu senden, sich aber dann doch entschieden, mit „Hibiskus“ die 900 Kilometer lange Reise zu unternehmen. Das Pferd, das schon seit Jahren das Prädikat „Elitehengst“ führt, „hat es sich verdient“, so Raili. Und in Neumünster wusste der 20-jährige Rappe offenbar, dass er zu den VIPs gehört. „Er war frech wie Oskar“, sagt die Zellseerin schmunzelnd. Der Hengst befindet sich nun in einer Reihe mit Größen wie „Imperio“ (Sieger 2018/steht in Schwaiganger), „Gribaldi“ (2008), „Münchhausen“ (2011) und „Grafenstolz“ (2016).

Ehrung von Hibiskus in Neumünster zum Trakehner-Hengst des Jahres 2020.
Hohe Ehre: Beim Trakehner-Hengstmarkt in Neumünster wurde „Hibiskus“ für seine Leistungen in der Zucht ausgezeichnet. Erin Raili (2.v.l.) nahm in der Arena die Präsente der Verbandsoberen entgegen. Rechts auf dem Foto Vertreterinnen der Familie Schöning, aus deren Zucht der Hengst entstammt. © Jutta Bauernschmitt

Von „Hibiskus“ gibt es sechs gekörte Söhne (Hessencharme, Latin King, Okavango, Ronaldo’s Heartbreaker, Stresemann, Zauberruf) und 92 Töchter, die ins Zuchtbuch deutscher Verbände eingetragen wurden. 23 der Stuten wurden prämiert. „Hibiskus“ ist neben dem Trakehner-Verband noch gekört für die Rassen „Deutsches Sportpferd“ und „Rheinland“ sowie anerkannt für „Oldenburg“. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zählt, so ist einem Fachmagazin zu entnehmen, 104 „sporterfolgreiche Nachkommen, darunter 79 Trakehner“. Neun dieser Trakehner verzeichneten Erfolge in der schweren Klasse der Dressur. Einen seiner Söhne, „Pommery TSF“, hat Nicole Raili (31), die Tochter von Erin Raili, ausgebildet. Dass der Vater einmal in Zellsee stehen würde, war seinerzeit noch nicht abzusehen gewesen. Mit „Pommery TSF“ gelangen Nicole Raili Platzierungen in der schweren Klasse. Mittlerweile ist der Wallach in Frankreich stationiert und ist auf Grand-Prix-Niveau in Aktion.

Elitehengst Hibiskus: Pendeln zwischen Zellsee und Schwaiganger

2012 kam „Hibiskus“ an den Zellsee, er gehört einer Besitzergemeinschaft, bestehend aus Detlef Caspar und der Familie Raili. Als Hengst ist der Trakehner weiter „voll im Geschäft und topfit“, sagt Erin Raili. Nachkommen von ihm gibt es auch in den USA und – seit Kurzem – auch in Australien. Seine „Winterresidenz“, so Erin Raili, ist in Zellsee, den Rest des Jahres ist er im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger stationiert. Auf dem Hof der Railis ist „Hibiskus“ im Stall unter anderem mit vier Stuten zusammen. So eine Konstellation ist nicht immer einfach, aber in dem Fall funktioniert es – „er ist sehr brav“, sagt Erin Raili. Damit ein Hengst seine Deck-Arbeit ordentlich tun kann, muss er entsprechend gepflegt werden. „Er wird jeden Tag bewegt, und auch geritten“, berichtet Erin Raili.

Trakehner-Pferde

Der Trakehner ist eine Warmblutpferderasse; sein Name leitet sich vom Gestüt Trakehnen (Ostpreußen) ab. Der Ursprung der Zucht reicht in die Zeit der Ordensritter zurück. Im Jahr 1732 gründete Friedrich Wilhelm I. das „königliche Trakehner Stutamt“. Ziel war die Zucht von Militärpferden. Am Ende des Zweiten Weltkrieges gelangte nur ein kleiner Teil der Hengste und Stuten über Flüchtlingstrecks in die westlichen Besatzungszonen. Trakehner werden reinrassig gezüchtet, eingekreuzt werden dürfen nur Vollblut und Araber. Sie gelten als leistungsbereit und charakterstark. Im Sport sind Trakehner v.a. in der Dressur und in der Vielseitigkeit erfolgreich. Legendär ist „Abdullah“, der bei Olympia 1984 mit Conrad Homfeld (USA) Gold und Silber im Springen holte.

Die Sportkarriere von „Hibiskus“ ist allerdings beendet. Das Ziel bei der Anschaffung war auch, dass Nicole Raili mit ihm auf internationalem Niveau reitet. Der Weg dahin blieb „Hibiskus“ letztlich verbaut, allerdings gelangen dem Duo immerhin Platzierungen und Siege (Prix St. Georg) in der schweren Klasse. Höhepunkte waren auch Auftritte bei diversen Hengstschauen. Das Highlight schlechthin bildete 2013 die Reise zum „Spruce Meadows Masters“ nach Calgary in Kanada. Beim dortigen CSIO-Springturnier, eines der größten seiner Art weltweit, waren „Hibiskus“ und Nicole Raili im Schauprogramm dabei – als Mitglied einer deutschen Landgestüts-Quadrille in historischen Uniformen.

Nicole Raili mit „Hibiskus“ auf dem Trakehner-Bundesturnier in Hannover 2013
Ehrenrunde als Sieger: Nicole Raili mit „Hibiskus“ auf dem Trakehner-Bundesturnier in Hannover 2013. © Erin Raili

Als Züchterin ist Erin Raili seit 32 Jahren tätig. Zu Trakehnern kam sie „zufällig“, wie sie sagt. „Ich wollte eigentlich Holsteiner kaufen.“ Nachdem sie jedoch zu einer Trakehner-Stute eine zweite suchte, blieb sie bei dieser Rasse. Trakehner sind laut Erin Raili Pferde, „die für den Menschen da sind, wenn der Mensch für sie da ist“. Sie bräuchten eine Verbindung. „Wenn die vorhanden ist, geben sie alles.“ Trakehner benötigen ihr zufolge „Reiter, die mit ihrem Vorwärtsdrang klarkommen“. Im Umgang „sind sie vielleicht ein bisschen aufwändiger“. Trakehner sind vor allem in der Vielseitigkeit und in der Dressur erfolgreich.

Ein Dressurpferd wurde heuer in Neumünster auch als „Trakehner des Jahres“ geehrt – und es residiert ebenfalls in Bayern. Die Stute „Dalera BB“ von Team-Weltmeisterin Jessica von Bredow-Werndl (Aubenhausen) erhielt die begehrte Auszeichnung. Das Duo hatte heuer unter anderem Gold bei der DM in Balve geholt.

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