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Nur vom Coronavirus zu stoppen: Philip Teubert, Top-Werfer der HSG Isar Loisach mit 6,5 Toren im Schnitt

Wie hart die Krise die Klubs trifft

Handball zur Corona-Zeit: Das Casting stoppt

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Eigentlich bereiten sich die Handballklubs in diesen Wochen auf die Zukunft vor. Doch der Ausbruch der Corona-Pandemie hat sämtliche Planspiele beendet. Wie die Vereine mit der Lage umgehen? Wir haben nachgefragt.

Das Frühjahr im Handball – März, April, Mai – ist ohnehin eine aufregende Zeit im Leben von Peter Seemann und seinen Kollegen. Sie verhandeln, sie planen, sie feilschen, sie präsentieren, sie überreden, sie überzeugen. Bildlich ausgedrückt: Sie suchen die passenden Darsteller zusammen, die ihr neues Drehbuch umsetzen sollen. Es trägt den Arbeitstitel „Landesliga-Aufstieg“. Ein konkretes Veröffentlichungsdatum gibt es nicht. 2022 war einmal angedacht. Doch nun verkündet Peter Seemann, Vorsitzender der HSG Isar-Loisach, ungewollt: „Fürs Erste ist alles auf Eis gelegt.“

Die Gespräche mit neuen Spielern, einige gar aus entfernten Regionen, pausieren. Mit Gönnern tauscht man sich – wenn überhaupt – erst in ein paar Wochen aus. Viele kleine und mittelständische Unternehmen unterstützen die Handballer. Bevor sie an Sponsoring denken, geht es um ihr Überleben. In Kurzfassung bedeutet das: „Der Handballsport ist auf der Prioritätenliste nach hinten gerückt“, sagt Seemann.

HSG-Chef Seemann: „Rechne in nächster Zeit mit keiner Lösung.“

Peter Seemann, Vorsitzender der HSG Isar-Loisach

Im Fall des HSG-Chefs gilt das in spezieller Weise. Als Boss des Personalmanagements beim Versicherer Munich Re beschäftigt er sich durchgehend mit der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Entschlüsse und Aussendungen des Verbands verfolgt er nebenbei. Vorige Woche hat der Bayerische Handballverband (BHV) ein Schreiben an seine Vereine aufgesetzt. Es haucht Zuversicht ein, es würdigt die Solidarität der Szene und es berichtet von einer Taskforce, die der BHV eingerichtet hat. Welch ein hochtrabender Begriff. Letztlich soll er doch bloß vermitteln, dass die Funktionäre alle Eventualitäten berücksichtigen. Schnellschüsse wird es nicht geben. Geduld, Geduld – das ist die zentrale Botschaft, die alle Klub erreicht hat. Seemann übersetzt das Kommuniqué für die Landkreis-Teams. „Ich rechne in nächster Zeit mit keiner Lösung.“ Die HSG stellt sich auf eine längere Phase der Ungewissheit ein, in der Planungen sinnfrei sind.

An eine Fortsetzung glaubt fast keiner mehr unter den Handballern. Bis die schlimmste Phase der Pandemie überstanden ist, bis Spielpläne stehen, bis die Teams wieder trainiert haben, bis Schiedsrichter und Hallen gefunden sind, bis der Normalzustand wieder erreicht ist – ja bis dahin dürfte zu viel vom Sommer bereits vergangen sein. „Meine persönliche Meinung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Saison weitergeführt wird“, betont Seemann.

Großes Fragezeichen hinter Sponsoren-Geldern

Sein Bad Tölzer Kollege Christopher Jochem hätte keine Einwände gegen Spiele zum späteren Zeitpunkt. Abgeschlossen habe er noch nicht mit der Saison, betont er und verweist auf die exzellente Ausgangslage. Drei Punkte Rückstand auf den Ersten der Bezirksliga, Aufstieg und Meisterschaft in Reichweite – eine solch gute Position gibt man nicht einfach auf im Endspurt. „Wir wären gut im Tritt“, sagt er. Aber in Zeiten, in denen Todesanzeigen ganze Seiten in italienischen Zeitungen füllen, geht alles andere vor. Was der Verband nun mit der Unvollendeten anstellen soll, wissen beide Handball-Macher nicht. „Storniert’s einfach“, sagt Jochem. Findet er am fairsten für alle Vereine. Von oben bis unten. Dieses Modell hält auch Seemann für wahrscheinlich. In der Bezirksoberliga drängt HSG-Konkurrent Immenstadt darauf, den aktuellen Stand einzufrieren und zu werten. Solche Vorstöße hält Seemann für „verfrüht und unpassend“. Die „bestmögliche Lösung mit den geringsten Schmerzen“ für alle, bevorzugt er.

Ohne Schaden geht es sowieso nicht. „Wir sind eh nicht die Leidtragenden“, betont Jochem vom Turnverein. Die paar Euro, die beim Verkauf an Spieltagen fehlen, lassen sich verschmerzen. Bei der HSG dürfte sich der „namhafte Betrag“, den der Kiosk erwirtschaftet, dank Hallengebühren, Schiedsrichter- wie Trainerkosten, die wegfallen, ausbalancieren. Die große, unkalkulierbare Gefahr stellen aber ausbleibende Sponsoren-Einnahmen dar. „Wir können nicht abschätzen, wie die Sponsoren reagieren“, sagt Seemann. Von Mitgliedsbeiträgen alleine könne der Verein nicht leben. Die HSG unterhält zusätzlich zur BOL-Auswahl eine Männer-Reserve, ein Frauen-Team sowie acht Jugendmannschaften, darunter die B-Jugend in der Bayernliga. Trainer kosten Geld. Ebenso die Ausrüstung, die Fahrten, die Schiedsrichter. Der Beitrag der Gönner bildet daher einen „ganz signifikanten Teil der Einnahmen“. Der Vorsitzende der HSG rechnet mit einer harten Übergangsphase, in der weit weniger fließen wird. Doch in der Krise gibt es eine Flamme, die nicht erlischt: die HSG-Mannschaft, die als Aufsteiger derzeit Rang fünf belegt und eine starke erste Saison abgeliefert hat. Auf dieser Basis möchte Seemann aufbauen. Und: „Versuchen, eine Klasse höher zu kommen.“

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