Für die Tölzer Löwen im Einsatz: Korbinian Holzer (re.) absolvierte zwei Testspiele für die Tölzer Löwen, in dieser Szene unterstützt er Torhüter Maximilian Franzreb.	foto: oliver Rabuser
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Für die Tölzer Löwen im Einsatz: Korbinian Holzer (re.) absolvierte zwei Testspiele für die Tölzer Löwen, in dieser Szene unterstützt er Torhüter Maximilian Franzreb. foto: oliver Rabuser

EISHOCKEY

Minusgrade, kanadische Trainer und Sushi: Korbinian Holzer hat sein erstes Spiel in der russischen KHL absolviert

  • Patrick Staar
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Am Sonntag absolvierte Korbinian Holzer er sein erstes Spiel in der russischen KHL für Awtomobilist Jekaterinburg. Im Interview spricht der 32-Jährige über das Leben im bitterkalten Russland, seinen neuen Verein und die Zeit bei den Tölzer Löwen.

Bad Tölz – Korbinian Holzer kommt gut rum in der Welt. Zehn Jahre lang spielte der Verteidiger, der in Gelting aufgewachsen ist und nun in Lenggries wohnt, in der nordamerikanischen Profiliga NHL; am Sonntag absolvierte er sein erstes Spiel in der russischen KHL für Awtomobilist Jekaterinburg. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Patrick Staar spricht der 32-Jährige über das Leben im bitterkalten Russland, seinen neuen Verein und die Zeit bei den Tölzer Löwen, mit denen er sich im Sommer zweieinhalb Monate lang fit hielt.

Herr Holzer, hätten Sie sich als Bub vorstellen können, dass Sie mal in Russland Eishockey spielen?

Am Anfang meiner Karriere war ich komplett ich Richtung NHL das ist einfach die höchste Liga. Als ich in der Tölzer Ersten gespielt habe, hat es die KHL noch gar nicht gegeben. Aber man weiß nie, wo es einen im Sport hinverschlägt. Es hat sich einfach so ergeben.

Schon Anfang November wurde bekannt gegeben, dass Sie nach Russland wechseln. Warum hat es so lange gedauert bis zu Ihrem ersten Einsatz?

Coronabedingt hat alles etwas länger gedauert. Es ist momentan generell schwierig, ein Visum zu bekommen, weil es viele Einreiseverbote gibt. Ich musste verschiedene Unterlagen einreichen – ein spezielles Schreiben vom Verein, einen Arbeitsvertrag und was weiß ich noch alles. Das Ganze müssen die russischen Behörden dann bearbeiten. Das hat sich leider länger hingezogen als erhofft. In der vergangenen Woche konnte ich dann endlich nach Jekaterinburg fliegen.

Warum spielen Sie nun in Russland?

In Nordamerika ist nach wie vor unklar, wann es weitergeht – vielleicht Mitte Februar. In Deutschland stand es lange Zeit nicht fest, ob in der DEL überhaupt gespielt wird. Also hab’ ich mich bei meinem Agenten erkundigt, ob vielleicht in Russland was möglich ist. Mir ging es vor allem darum, möglichst schnell auf sportlich höchstem Niveau wieder Eishockey zu spielen. Dann ist alles relativ schnell gegangen. Anfang November hab’ ich das Angebot aus Jekaterinburg gekriegt.

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie unterschreiben?

Nein, mir war relativ schnell klar, dass ich es mache, weil es eine gute Mannschaft und eine gute Organisation ist. Die Stadt ist auch super. Das hatten mir vorher schon viele Leute gesagt – und ich kann das bislang nur bestätigen.

Wie muss man sich Jekaterinburg vorstellen?

Mit 1,4 Millionen Einwohnern ist es die viertgrößte Stadt in Russland. Es gibt ein paar veraltete Gebäude, aber auch viele moderne Sachen, zum Beispiel drei große Einkaufszentren. Und viele Lichter. Zu Weihnachten ist viel dekoriert. Wir haben Schnee, und es ist relativ kalt, immer in einem Bereich zwischen minus sechs und minus zehn Grad. Es ist auszuhalten, wenn man sich nur warm genug anzieht.

Wie ist die Eishalle in Jekaterinburg?

Es ist es eine coole Halle, klein, kompakt. Die Kabine ist auch völlig in Ordnung. Die Halle ist schon älter, aber sie wurde ein paar Mal renoviert. Der ein oder andere Pfeiler steht altmodisch im Weg. Es passen auch nur 5500 Zuschauer rein. Gerade wird ein neues Eisstadion für 15 000 Leute gebaut, das übernächste Saison fertig sein wird.

Was hat Jekaterinburg kulinarisch zu bieten? Schweinsbraten wohl eher nicht?

(lacht) Na, einen Schweinsbraten hab’ ich hier noch nicht gesehen. Kulinarisch ist es super hier. Ich war ein schon paar Mal beim Essen, und es war jedes Mal hervorragend. Es gibt viele Fischgerichte, Sushi hab’ ich zum Beispiel schon gegessen. Es gibt aber auch viele Fleischgerichte und Salate. Gute Italiener gibt es auch hier.

Wie sind die ersten Tage für Sie verlaufen?

Ich bin in der Nacht zum Dienstag um 3.30 Uhr im Hotel angekommen. Die Mannschaft hatte am nächsten Tag frei. Ich bin etwas rumgelaufen und habe geschaut, wo das Stadion ist. Der Teamleiter hat mir alles gezeigt. Am nächsten Tag war dann Training und in den folgenden Tagen auch.

Wie läuft zu Corona-Zeiten in Russland die Spieler-Vorstellung ab?

Es läuft viel über soziale Medien – egal. ob Facebook, Instagram oder Twitter. Wir haben ein Youtube-Interview gemacht. Der Teamleiter hat mich im Stadion fotografiert. Es läuft viel über diese Schiene, weil nichts anderes möglich ist. Aber da haben Sie auch einen guten Job gemacht.

Läuft es ähnlich ab wie in Nordamerika ab?

Da gibt’s keine großen Unterschiede. In Nordamerika ist alles noch etwas größer, weil die NHL eine weltweite Reichweite hat. Die Spiele in der KHL kriegen viele Leute in Europa und natürlich in Russland mit.

Wie weit ist die KHL vom NHL-Niveau entfernt?

Es ist einfach ein anderes Eishockey. Allein schon deshalb, weil die Eisflächen verschiedene Größen haben. Die KHL ist europäisch geprägt, man versucht, spielerisch Lösungen zu finden. Nicht nur immer die Scheibe tief ins gegnerische Drittel spielen und dann forechecken wie in Nordamerika. Die Top-Teams in der KHL sind sehr gut. Auch bei den Teams, die hinten in der Tabelle stehen, kriegt man die Punkte nicht geschenkt. Das Tempo ist hoch, technisch sind die Spieler gut.

Am Sonntag hatten Sie beim Tabellenführer AK Bars Kazan Ihr erstes Spiel. Wie ist es gelaufen?

Wir haben mit 0:2 verloren, aber eine gute Leistung gezeigt gegen die beste Mannschaft der Liga. Wir haben gut mitgespielt, zum Schuss war es unglücklich. Beide Mannschaften hätten gewinnen können, wir sind gut gestanden und haben Chancen kreiert. Aber momentan ist es schwierig mit dem Toreschießen. Das Selbstvertrauen hat nach sieben Niederlagen in Folge gelitten. Trotzdem war es ein Schritt in die richtige Richtung.

Und wie sind Sie selbst mit Ihrer Leistung zufrieden?

Für mich ist es ganz gut gelaufen, dafür dass ich seit neun Monaten nicht mehr gespielt habe – wenn man mal von den zwei Freundschaftsspielen mit den Tölzer Löwen sowie dem Deutschland-Cup absieht. Es hat Spaß gemacht, wieder auf dem Eis zu stehen.

Sie haben gleich eine Zehn-Minuten-Strafe kassiert...

Ja, gleich am Anfang, das war etwas unglücklich. Ich fand das übertrieben, da muss ich mich erst noch dran gewöhnen.

Und es waren auch mal wieder Fans im Stadion.

Es war eine gute Atmosphäre. Das hat auf mich fast schon es surreal gewirkt,

Sie hatten vor Ihrem Wechsel vor allem Respekt vor Ihrem neuen Teamkollegen Pavel Datsyuk. Sie haben gesagt, dass er Sie mit seinen 42 Jahren noch immer in einer Telefonzelle ausspielen würde. Hat er das inzwischen schon gemacht?

Im Training hatten wir bislang noch nicht viele Berührungspunkte. Da gibt es selten Eins-gegen-Eins-Situationen. Aber man sieht natürlich noch immer, dass Pavel ein Ausnahmespieler ist. Er macht auf dem Eis alles richtig. Er war nicht umsonst einer der Top-Spieler in der NHL. Als er noch in Detroit war, habe ich immer nur gegen ihn spielen dürfen. So was vergisst man nicht. Er ist ein spezieller Spieler, ein Ausnahmekönner. Es ist für mich eine Ehre, mit ihm in einer Mannschaft spielen zu dürfen.

Amtssprache ist vermutlich Englisch?

Der Cheftrainer und ein Co-Trainer kommen aus Kanada, die restlichen Trainer sind aus Russland. Sie übersetzen, das, was der Cheftrainer sagt, weil einige Spieler dabei sind, die nicht gut Englisch sprechen. Wir können dafür nicht so gut Russisch. Daher läuft alles zweisprachig ab.

Was macht Ihre Familie?

Die ist in Deutschland. Durch Corona ist alles schwierig, nicht nur in Russland. Es wäre auch in Nordamerika nicht anders gewesen. Schauen wir mal, wie sich die Situation entwickelt. Wir haben im Februar eine Woche frei. Da muss man dann schauen, wie sich die Situation bis dahin gestaltet – vielleicht ich fliege noch mal heim oder ich bekomme Besuch.

Emotional keine einfache Situation?

Es ist sicher nicht ideal, aber was ist in der jetzigen Situation schon ideal? Ich bin froh und dankbar, dass ich wieder Eishockey spielen kann.

In der DEL 2 gibt es wegen Corona eine Spielverlegung nach der nächsten. Läuft der Spielbetrieb in Russland einigermaßen normal?

Zu Saisonbeginn ist das eine oder andere Spiel ausgefallen. Im Großen und Ganzen wird die Saison gut durchgezogen, fast alle Mannschaften haben die gleiche Anzahl an Spielen absolviert.

Wie lange waren Sie bei den Tölzer Löwen dabei?

Als wir mit Nashville aus der NHL-Playoffs ausgeschieden sind, bin ich heimgefolgen und war relativ schnell wieder auf dem Eis. Seitdem war ich in Tölz und habe ja dann auch zwei Vorbereitungsspiele bestritten.

Wie lautete das Fazit für diese Zeit?

Es hat wunderbar gepasst. Das Stadion ist vor der Haustür, was einiges erleichtert. Für mich war es super, dass ich einigermaßen im Rhythmus geblieben bin und wenigstens einen geregelten Trainingsbetrieb hatte.

Wie sind die Tölzer Jungspunde Ihnen gegenüber aufgetreten?

Ich mache jetzt schon so viele Jahre im Sommer in Tölz mit – seit ich nach Nordamerika gewechselt bin. Ich kenne daher fast alle, auch die jüngeren Spieler. Ich fühle mich daher immer als Teil der Mannschaft, wenn ich nach Tölz komme. Es ist völlig gut, wie es läuft.

Was steht als nächstes auf dem Terminplan?

Wir sind am Samstag nach Kazan geflogen und hatten am Sonntag das Spiel. Weiter geht es mit Auswärtsspielen am Dienstag gegen Omsk und am Donnerstag gegen Sankt Petersburg. Am Freitag sind wir kurz daheim, und am nächsten Tag fliegen wir nach Magnitogorsk. Da werden wir schon ein paar Kilometer runterradeln. Von Jekaterinburg bis nach Moskau sind es allein schon 1700 Kilometer.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Erst einmal freue ich mich auf die Spiele hier. Das wird bestimmt eine super Erfahrung. Wie es dann weitergeht, muss man sehen. In Nordamerika geht es vielleicht wieder im Februar los, in Deutschland Mitte Dezember. Wie sich das alles entwickelt, ist schwer zu sagen – hoffentlich wieder in Richtung Normalität. Am Wichtigsten ist, dass wieder Zuschauer rein dürfen. Man muss schauen, dass man Lösungen findet, ohne die Gesundheit zu gefährden.

Nordamerika ist nach wie vor ein Thema?

Ausschließen würde ich es niemals. Es spielen mehrere Faktoren bei der Entscheidung mit rein, wie zum Beispiel die Familie. Mit fast 33 Jahren ist es für mich wichtig, dass ich Eishockeyspielen und die Zeit genießen kann. Ich versuche, locker an die Sache ran zu gehen, konzentriere mich auf das Hier und Jetzt und versuche gut für Jekaterinburg zu spielen.

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