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Die Nachwuchsarbeit ist sein Leben: Mike Wanner (66) geht mit den Kindern des ESC Geretsried immer noch zweimal pro Woche aufs Eis und versucht, ihnen den Spaß am Eishockey zu vermitteln.

Eishockey: Mike Wanner erinnert sich

Unter mysteriösen Umständen bei Olympia 1976 eine Medaille verpasst

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Drei deutsche Meistertitel und  etliche Einsätze in der Nationalmannschaft: Der einstige Eishockey-Crack Mike Wanner  blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Geretsried – 14 Jahre lang hat Michael „Mike“ Wanner in Berlin gelebt, dann jeweils mehrere Jahre in Bayreuth, Bietigheim und Nürnberg gearbeitet. Und mit seiner Familie wohnt der Eishockey-Diplomtrainer seit fast 20 Jahren in Geretsried. Aber wenn der heute 66-Jährige von seiner bewegten sportlichen Karriere erzählt, hört man noch immer deutlich, dass seine Wiege in Füssen im Allgäu stand. Füssen, Wanner – war da nicht noch was? Experten und altgediente Fans kennen den Zusammenhang. „Ja, Eishockey war bei uns daheim an der Tagesordnung“, bestätigt der Coach. Immerhin war Vater Otto (der langjährige Bürgermeister von Füssen starb 2004) von 1964 bis 1992 Präsident des Deutschen Eishockeybundes (DEB), Schatzmeister im Eishockey-Weltverband (IIHF) und dazu in allen möglichen Funktionen beim EV Füssen tätig. „Außerdem war es fünf Monate lang Winter“, berichtet Mike Wanner, der sich zudem fürs Skifahren und für Tennis begeisterte. „Auf jeder Straße wurde Eishockey gespielt. Es hat nichts anderes gegeben.“ Nicht zu vergessen, dass der EVF 13 seiner 16 Deutschen Meistertitel in den 1950er und 1960er Jahren holte. „Damals kamen zu jedem Heimspiel 10 000 Besucher. Die Leute sind auf die Bäume geklettert, um zuschauen zu können.“

1957 tat es der kleine Michael seinem älteren Bruder Jochen nach und trat in den Klub ein. In den folgenden Jahren wurde sein Talent offenkundig, denn neben den erfolgreichen Einsätze im Verein folgten auch immer mehr Berufungen in Auswahlteams. Parallel dazu besuchte Wanner das Gymnasium Hohenschwangau und machte in Kaufbeuren seine Mittlere Reife. 1973 stand er als Jungspund in der Mannschaft, die letztmalig einen deutschen Titel nach Füssen holte. Nicht, dass es ihm daheim nicht gefallen hätte, aber als der Anruf eines gewissen Xaver Unsinn kam, packte Wanner die Koffer und zog nach Berlin. Dort hatte der spätere Bundestrainer beim Schlittschuhclub eine starke Mannschaft aufgestellt und steckte den 20-jährigen Neuzugang gleich als Linksaußen in die erste Sturmreihe mit den damals schon renommierten Lorenz Funk (Bad Tölz) und Ernst Köpf (Füssen, Augsburg). Unsinn hatte den richtigen Riecher, denn die Berliner holten sich prompt die Meisterschaft. „Damals ist die ganze Mannschaft von Zeitungsverleger Axel Springer eingeladen worden. Da sind wir im Springer-Hochhaus den längsten Paternoster Europas zu ihm hoch gefahren“, erinnert sich Wanner.

Zwei deutsche Meistertitel mit dem Berliner SC

Die Berliner spielten auch in den darauffolgenden Jahren eine gute Rolle in der Bundesliga. „Schlechter als Zweiter oder Dritter waren wir nie.“ Dafür gab es einige Gründe. So trainierte die Mannschaft unter Profi-Bedingungen zweimal pro Tag und reiste zu den Spielen im Bundesgebiet mit dem Flugzeug an. Offensichtlich war auch die Heimstärke des BSC, was vielleicht auch mit den Temperaturen in der damals neu gebauten Eishalle an der Jafféstraße zusammenhing: „Da war es so warm drin, dass die Gegner nach dem zweiten Drittel immer völlig k.o. waren.“ Auch weil er nicht zu den Großverdienern im Team zählte, arbeitete Wanner nebenbei bei der Berliner Messe, absolvierte eine Ausbildung zum Zahntechniker und betrieb frisch vermählt mit seiner Frau Carola eine Kneipe namens „Mike’s Bistro“. Auch seine beiden Kinder Sebastian und Saskia kamen in der Bundeshauptstadt auf die Welt.

Sportlich lief es ebenfalls sehr gut für den gebürtigen Allgäuer. 1976 folgte eine weitere Deutsche Meisterschaft, außerdem kam er elfmal in der Nationalmannschaft zum Einsatz. Warum hat es nicht zu mehr Länderspielen gereicht? Auch 42 Jahre nach einem ominösen Vorfall bei einem Trainingslager in Warschau, fällt es Wanner nicht leicht, über die Geschichte zu sprechen – zumal sie nie richtig aufgeklärt wurde. Gemeinsam mit Sturmpartner Rainer Philipp und einem Betreuer machte sich der damals 23-Jährige auf den Weg vom Hotel zu einem Lokal, wo man die übrigen DEB-Kollegen treffen wollte. Doch statt derer wartete dort die Polizei, nahm die Drei fest und brachte sie ins Gefängnis. „Es soll irgendwas in dem Lokal vorgefallen sein, und man hat uns damit in Zusammenhang gebracht.“ Ob die Eishockeyspieler tatsächlich über die Stränge geschlagen hatten oder die polnischen Behörden in den Zeiten des kalten Kriegs nur ein Exempel statuieren wollten, konnte nicht geklärt werden. Wanner und Co. saßen jedenfalls drei Tage in Einzelhaft, ehe sie gegen 10 000 D-Mark Kaution von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

Drei Tage im Gefängnis kosten die Olympia-Teilnahme

Die bitterste Pille musste der Sportler jedoch anschließend schlucken: Xaver Unsinn strich ihn aus dem Kader für die Olympischen Spiele in Innsbruck – was Wanner letztlich auch die damals umjubelte Bronzemedaille kostete. Wochen nach dem Triumph erfuhr der Eishockeyspieler zu seinem großen Erstaunen, dass der Bundestrainer nur auf Anweisung gehandelt hatte: Otto Wanner, der mächtige DEB-Präsident, hatte es nach dem Vorfall von Warschau verboten, seinen Sohn mit nach Innsbruck zu nehmen.

Der spielte noch bis 1987 beim mittlerweile in „BSC Preußen“ umbenannten Klub, holte noch jeweils einen Meistertitel in der Oberliga und 2. Bundesliga, ehe er ins Trainergeschäft wechselte. Zuerst agierte er als Spielertrainer beim Berliner 1b-Team, dann beim Herforder EG in der Oberliga. Es folgen Jahre als Coach für Herren und Jugend in Bayreuth, ehe Wanner 1996 nach Geretsried kam.

„Ich hatte den damaligen TuS-Abteilungsleiter Oskar Janka bei einer DEB-Versammlung kennen gelernt.“ Kurz zuvor hatte der Ex-Profi an der Sporthochschule in Köln sein einjähriges Studium zum Diplom-Trainer erfolgreich absolviert. „Meine Abschlussarbeit habe ich zum Thema ,Torwart-Training’ geschrieben.“ Beim TuS startete er als hauptamtlicher Nachwuchscoach, ehe er die erste Mannschaft in der damaligen zweithöchsten Spielklasse, der legendären „Hacker-Pschorr-Liga“ übernahm. Doch im Herrenbereich gefiel es ihm nicht so richtig: „Das ist immer irgendwie stressig, auch weil man nie genau weiß, wie lange ein Engagement dauern wird.“ Folgerichtig wechselte der Übungsleiter für fünf Jahre zum EHC 80 Nürnberg, wo er die Nachwuchsabteilung auf Vordermann brachte. Es folgten erfolgreiche Jahre beim SC Bietigheim-Bissingen, wo Wanner unter anderem für das DNL-Team zuständig war.

Weil Frau und Kinder währenddessen in Geretsried blieben, pendelte der Coach häufig. Irgendwann wurde es ihm zu viel, so dass er ganz sesshaft wurde. Es folgten ein Engagement beim Frauen-Nationalteam, wo er dessen Cheftrainer Peter Kathan sen. unterstützte („Die Zusammenarbeit war sehr gut“) und die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi schaffte. „Mitgenommen haben sie mich dann leider nicht nach Russland“, sagt Wanner mit einem Augenzwinkern.

Warum er in den vergangenen Jahren beim ESC Geretsried beim Bambini- und Kinder-Torwart-Training mithalf, aber kein eigenes Team coachte, hat seinen Grund: „Ich habe keine gültige Lizenz mehr.“ 30 Jahre lang habe ihn niemand wegen seines Diploms behelligt, doch plötzlich sei er vom DEB zu Fortbildungslehrgängen aufgefordert worden. „Verstehe das, wer will“, sagt der 66-Jährige kopfschüttelnd.

Wanner erzielt das früheste Tor der Bundesliga

Doch trotz des offenbar getrübten Verhältnisses zum Eishockey-Dachverband, bereut Mike Wanner keine Sekunde seiner erfolgreichen Karriere. Denn immerhin hält er aus seiner aktiven Zeit drei Rekorde. „Mein erstes Spiel bei den Herren war gegen den damals stärksten Block der Welt.“ Konkret war es beim damals berühmten Füssener Thurn-und-Taxis-Turnier, als die Allgäuer gegen die Stars von ZSKA Moskau wie Wladislaw Tretjak, Waleri Charlamow und Boris Michailow antraten. Außerdem durften vermutlich nicht viele deutsche Eishockeyspieler zwei Meisterschaften hintereinander feiern – noch dazu mit zwei verschiedenen Vereinen, nämlich 1973 mit Füssen und 1974 mit Berlin. Und noch einen Rekord hielt Wanner über viele Jahre: Er erzielte in der Saison 1975/76 – gleichzeitig wie am gleichen Spieltag der Tölzer Sepp Adlmaier – nach nur vier Minuten das früheste Tor des Bundesliga-Geschichte.

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