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Adrenalin im Blut, Wein im Keller

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- Wimbledon - Ausgeruht und entspannt, als käme sie gerade von einem kleinen Spaziergang, nahm Amélie Mauresmo auf dem Podium im großen Interviewraum Platz, strich ihre langen, braunen Haare zurück und wartete auf die erste Frage. Lächelnd, guter Dinge. In einer der Antworten, die sie im Laufe der nächsten Viertelstunde zu den Vergleichen mit Justine Henin-Hardenne gab, ihrer heutigen Final-Gegnerin, meinte sie: "Wir sind sehr unterschiedlich." Und lächelte wieder.

Das war eine Feststellung, die jeder unterschreiben wird. Nicht allzu lange vorher hatte die belgische Konkurrentin auf demselben Stuhl gesessen, weit weniger entspannt. Wie immer schien sie auf dem Sprung zu sein, und wie immer wartete sie mit einem Anflug von Misstrauen. Auch sie lächelte von Zeit zu Zeit, aber dies war ein anderes Lächeln; eines ohne Temperatur.

Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist die Liebe zu diesem Spiel. Aber selbst in der Darstellung dieses Gefühls sind die Unterschiede nicht zu übersehen. Henin-Hardenne, 24, ist fordernd, allzeit suchend nach dem besonderen Kick. Sie sagt, sie könne nicht genug kriegen von den Momenten, in denen die Spannung auf dem Höhepunkt ist.

Und selbst die Nervosität, die sie in der Nacht vor einem großen Spiel nicht mehr schlafen lässt, ist ein willkommener Schmerz. "Das ist normal", sagt sie, "und ich brauche das." Und wenn das Spiel vorbei ist, holt sie sich den Kick, indem sie sich aus einem Flugzeug fallen lässt. Vor zwei Jahren hat sie das Fallschirmspringen entdeckt, in einer Phase, in der sie nicht spielen konnte und deshalb auf der Suche nach anderen Reizen war. Adrenalin ist der Stoff ihrer Träume.

Das Finale von Melbourne endete unbefriedigend

"Ich bin nun mal total intensiv", sagt sie. "Das ist manchmal mein Problem, aber andererseits ist es auch der Grund, warum ich so viel Erfolg hatte." Fünf Grand-Slam-Titel sind zusammen gekommen, der letzte erst vor vier Wochen in Paris. Gewinnt sie in Wimbledon, dann ist ihre Sammlung der großen Vier komplett.

Mauresmo, 27, hat den Stoff im Keller gebunkert. Sie sammelt guten Wein, und anstelle eines Kicks sucht sie die Gesellschaft einer entspannten Runde von Freunden. Sitzen, plaudern, lachen, leben. Ein einfaches Glück, wenn der Ball nicht rollt. Ob es daran liegt, dass sie so lange gebraucht hat, um mit jenen Momenten im Spiel klar zu kommen, die die andere so sehr mag?

Bis Ende vergangenen Jahres hatte es so ausgesehen, als würde sie nie einen großen Titel gewinnen. Wenn es darauf ankam, Stärke zu zeigen, wirkte sie oft so, als sei sie vor Angst erstarrt. Aber seit dem Sieg beim Finale der besten Acht des Jahres in Los Angeles fühlt sie sich von der Last des Zweifels befreit. Ein paar Wochen später, Ende Januar in Melbourne, gewann sie ihren ersten Grand-Slam-Titel.

Allerdings nach einem merkwürdigen Finale, in dem Justine Henin-Hardenne nach klar verlorenem ersten Satz zu Beginn des zweiten mit Magenkrämpfen aufgegeben hatte. Die Belgierin versicherte damals, sie habe einfach nicht weiterspielen können, die Schmerzen seien zu stark gewesen. Die Aufgabe brachte Mauresmo um das ganz große Gefühl, und ein leiser Vorwurf ist schon in ihrer Antwort versteckt, wenn sie nun vor dem Finale sagt: "Ich denke, diesmal wird es nur um Tennis gehen. Das möchte ich jedenfalls."

Nun werden sie es also wieder miteinander versuchen. Die stille, sensible Französin, die in einer modernen Form des klassischen Rasentennis Volleys spielen und angreifen wird. Und die mit Energie und Ehrgeiz geladene Belgierin, die ihr Terrain besser und eleganter zu verteidigen weiß als jede andere. Und die sagt: "Am Ende, im Finale, geht es nicht darum, wie du Tennis spielen kannst. Da geht es darum, wie du mit der Situation umgehen kannst."

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