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Das erste Ziel ist erreicht: Momodou Sey bekam ein USA-Visum und trainiert seit zwei Wochen bei Alexandra Wester in Kalifornien.

Der Stoff, aus dem Olympia-Märchen sind

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Alexandra Wester ist eine deutsche Spitzen-Leichtathletin, eine Fast-Sieben-Meter-Weitspringerin. Ihr Ziel für 2020: Sie möchte zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Aber nicht allein: Auch ihr Freund, der Basketball-Nationalspieler ist, soll in Japan dabei sein. Und Momodou Sey, ein Sprinttalent, das sie in Gambia entdeckt hat und selbstlos fördert. Eine Geschichte von Begeisterung, Menschlichkeit und mit sportlicher Spannung.

Die Geschichte von Alexandra Wester und Momodou Sey beginnt im Jahr 2019 mit einem Gespräch über Schuhe. Das war das Thema bei ihrer ersten Begegnung. Alexandra Wester, deutsche Weitspringerin mit Bestleistung 6,95 m, besuchte Gambia, das Land, in dem sie geboren worden war. Man stellte ihr Momodou Sey vor, 20 Jahre alt, den besten Sprinter der Nation. „Seine Turnschuhe waren komplett alt, ausgelaufen, zerlöchert. Das waren zwei Lappen.“

Alexandra Wester, 25, wurde neugierig: „Was sind denn deine Bestzeiten?“ Sey antwortete: „100 Meter in 10,56 Sekunden. 200 in 20,96.“ Aber hallo! Das verheißt Potenzial. „Über 200 Meter ist er nur zwei Zehntel von der Olympia-Norm entfernt“, fiel Wester auf. Sie unterhielten sich über sein Leben, das nichts hatte, was zu einem professionellen Sportlerleben gehört. Sey ernährte sich von Reis oder – für ihn Luxus – Brot und Bohnen, er hatte noch nie eine Physiotherapie. Westers Gedanke: Wenn der richtig trainiert, sich richtig ernährt, richtig betreut würde – was müsste dann möglich sein? „Er ist fast so groß wie Usain Bolt, drahtig, definiert, genau der richtige Sprintertyp.“

Die Geschichte mit dem Gespräch über Schuhe hat noch eine Vorgeschichte. Alexandra Wester war im September 2018 beim Berliner Stadionsportfest Istaf böse umgeknickt; sie fiel lange aus, musste vorübergehend sogar das Sprungbein wechseln. Auch ihr Freund Joshiko Saibou, Basketballer bei Alba Berlin, war verletzt. Das Paar nahm sich vor, die Zeit sinnvoll zu nutzen, Alexandra und Joshiko sammelten mit Alba und dem Berliner Olympiastützpunkt Sportschuhe für Kinder und Jugendliche in Gambia. 600 Paar. Sie brachten sie selbst hin.

Es gab noch Zollformalitäten zu erledigen, Momodou Sey, der junge Sprinter, half mit, „drei Stunden wartete er geduldig nach seinem Training, obwohl er nichts gegessen und getrunken hatte“, bis die letzte zuständige Person eingetroffen war und alles geregelt werden konnte. Schließlich half er, die Schuhe zu verteilen. Zum Abschied schenkte Alexandra Wester ihm umgerechnet 100 Euro, damit er sich mal eine Massage organisieren könne. „100 Euro sind viel Geld in Gambia“, erklärt sie. Und was machte Momodou Sey? „Er verteilte das Geld unter seinen 30 Vereinskollegen.“ Man kann sagen, dass Alexandra Wester überwältigt war. „Momodou hat eine Leaderfunktion und ein großes Herz.“ Sie beschloss, ihn zu unterstützen. Er soll bei Olympia starten.

Alexandra Wester startet für den ASV Köln, diesen Winter trainiert sie in San Luis Obispo, Kalifornien, dem Stützpunkt der US-Leichtathleten. Seit zwei Wochen trainiert auch Sey dort, zum ersten Mal befindet er sich außerhalb Afrikas. Das ist der Zwischenstand im „Projekt Momo“, zur Hälfte ist es finanziert, bis Ende März, Anfang April kann Sey unter Danny Williams trainieren, der schon den Hürden-Star Edwin Moses angeleitet hat. Wester sagt am Telefon: „Es macht unglaublich Spaß, seine Mentorin zu sein.“

Sie und Joshiko Saibou haben ein Crowdfunding für Momodous Olympia-Traum auf die Beine gestellt, über die Plattform „Gofundme“ (https://de.gofundme.com/f/We-stand-with-momodou-from-the-gambia) kann man unkompliziert und schnell spenden. Das Ziel ist es, ihn bis Ende Mai in Kalifornien zu trainieren, Mitte Juni sind dann die Afrikanischen Meisterschaften in Algerien, da müsste Sey sich für Olympia qualifizieren. Bei einem kleinen Wettkampf in Gambia die Norm zu laufen, würde nichts nützen. Wester: „Dort gibt es keine elektronische Zeitmessung, die Leistung würde international nicht anerkannt.“

Sie ist nun beteiligt an einem „absoluten Experiment“. Wie kann man einen Sportler verbessern, indem man seine Lebensumstände verändert?

Die Vorleistungen von Momodou Sey sind ja eigentlich ein Wunder. In Gambia war er aus dem Dorf seiner Mutter in die Hauptstadt Bakau zum Onkel gezogen, weil es von dort zum Stadion nicht weit ist; er lebte „von einem kleinen Business. Er hat Ziegen großgezogen und verkauft. Von der Athletics Federation bekam er ein wenig Geld, davon kaufte er sich Essen. Es geht in Gambia nicht allen so wie ihm – aber Momodou gehört zum unteren Durchschnitt.“

Nun in Kalifornien erhält er „das komplette Paket: Er hat Physiotherapie, um den Stand der Wirbel wird sich gekümmert, eine Psychologin spricht mit ihm., damit er keinen Kulturschock erleidet. Von mir kriegt er alles über Ernährung beigebracht.“ Der Trainer sehe immenses Potenzial. Alexandra Wester fasst zusammen: „Momo macht trotz seiner Größe noch kleine Schritte. Er muss es schaffen, seinen Schritt zu öffnen, seine linke Seite muss gestärkt werden. Er hat in seinem früheren Training auch nie richtige Tempoläufe gemacht; jetzt ist er zum ersten Mal außer Atem.“

Es ist vorstellbar, „dass er abgeht wie eine Rakete“ und über die 100 Meter bald „eine tiefe Zehn“ läuft, also eine Zeit an der Grenze zu Neunkommanochwas. „Aber man muss sich an ein System adaptieren“, und wie schnell das geht und ob überhaupt, „dafür gibt es keine Formel. Momodou ist unglaublich dankbar und nimmt Sachen superschnell auf. Gleichzeitig ist er ein Athlet, der Sorge hat, die Erwartungen nicht zu erfüllen.“ Man weiß also nicht, wie die Geschichte verlaufen wird.

Was Alexandra Wester aber spürt: Wie ihre Rolle sie beflügelt. Auch sie muss schauen, dass sie im Juni bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig so abschneidet, dass sie für die Olympischen Spiele nominiert wird. „Am Ende eines Tages bin ich fix und fertig“, erzählt sie, „aber auf eine positive Art. Es ist die beste Olympia-Vorbereitung, die ich je hatte, so die 25-Jährige, „denn es macht Spaß, zu teilen und mitzugestalten.“ Es motiviert sie, wenn sie erlebt, wie Sey aufgenommen wird in Amerika. „Er ist so herzlich. Die ihn kennenlernen, verlieben sich alle in ihn.“

Sie informiert über Momodous Fortschritte auf ihrem Instagram-Kanal, der 63 000 Follower hat. Alexandra Wester hat auch schon gemodelt und für das ZDF 2019 bei einer Fußball-Übertragung aus der Münchner Allianz Arena die Übertragungen von der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaft beworben. „Reichweite“, sagt sie, „ist nicht nur dazu da, hübsche Selfies zu posten, sondern auch um Werte zu vermitteln.“ Sie spürt den Support ihrer Community, sie bekommt mit, wie man in Gambia den Weg von Momodou verfolgt.

Und sie freut sich, dass ihm auch in der Ausbildung Möglichkeiten eröffnet werden. Momodou Sey arbeitet daran, den englischen Sprachtest TOEFL zu bestehen, er hat Aussicht auf ein Stipendium an einem College. „Sein Leben ändert sich.“ Das wird bleiben, egal wie es sportlich weitergeht.

Klar: Wenn Alexandra Wester sich was wünschen könnte, dann, „dass mein Freund Joshiko, Momodou und ich es zu den Olympischen Spielen schaffen.“ Ihr Partner Joshiku Saibou, inzwischen in Bonn unter Vertrag, spielt in der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, die am 23. Juni in ihr Olympia-Qualifikationsturnier geht. „Wir drei in Tokio – das wäre mein olympisches Märchen.“

Es könnte sich erfüllen.

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