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Lance Armstrong

Interview mit Mediziner Helmut Pabst

„Armstrong hatte hohe kriminelle Energie“

München - Mediziner Helmut Pabst spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über den skandalösen Radstar Armstrong, dessen Gesundheitsrisiko und ein Anti-Doping-Gesetz.

Helmut Pabst, 69, ist Senior-Chef der Dopingkontrollagentur PWC. Die in Gilching ansässige Firma ist jährlich weltweit für rund 16 000 Dopingkontrollen verantwortlich. Als Sportmediziner und Dopingfahnder ist Pabst ein ausgewiesener Experte für pharmazeutischen Sportbetrug. Unsere Zeitung unterhielt sich mit ihm über den Dopingskandal um den siebenmaligen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong.

Herr Pabst, welche Gefühle hat man als Dopingfahnder, wenn ein unter dringendem Verdacht stehender Superstar wie Lance Armstrong endlich als Betrüger entlarvt wird?

Ich bin erleichtert. Das ist eine Geschichte, die mir seit langem sehr im Magen gelegen hatte. Irgendwie dachte man doch immer: „Mit rechten Dingen kann das gar nicht zugehen.“ Aber man hat sich nicht getraut, seinen Verdacht laut auszusprechen. Es war ja stets damit zu rechnen, dass Armstrong seine Anwälte auf einen hetzt, wenn man sagte: „Und er dopt doch.“

Armstrong schien lange Zeit unantastbar zu sein. Was war der Schlüssel, dass ihm sieben Jahre nach seinem letzten Tour-Sieg das Handwerk gelegt werden konnte?

Als ich hörte, dass der US-Bundesermittler Jeff Nowitzki, der schon den Leichtathletik-Star Marion Jones hinter Gitter gebracht hat, das Ganze in die Hand nimmt, wusste ich: „Jetzt ist Armstrong fällig.“ Ich war mir ziemlich sicher, dass jetzt sein ganzes Netzwerk zusammenbricht. Wenn Sportler wie die 17 Kronzeugen spüren, dass sie mit Falschaussagen im Gefängnis enden könnten, sind sie doch eher bereit, Geschichten aus dem Sportleralltag zu erzählen.

In Deutschland wäre das nicht möglich . . .

Stimmt. Und ich bedauere auch, dass wir kein Anti-Doping-Gesetz haben. Unser Arzneimittelgesetz reicht da nicht aus.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk führt ja in dieser Hinsicht einen einsamen Kampf . . .

Leider. Und ich bin auch immer sehr dankbar, wenn Frau Merk wieder einmal einen Anlauf zu einem Anti-Doping-Gesetz unternimmt. Der Fall Armstrong zeigt doch, was es bringt, wenn staatliche Ermittlungsbehörden eingeschaltet werden können, die Verdächtigen und Zeugen ihre Aussagen unter Eid ablegen müssen. Mit den Mitteln der Sportgerichtsbarkeit kommt man nicht weiter.

Armstrong ist nach eigener Aussage in seiner Karriere 500 Mal kontrolliert worden. Wie ist es möglich, dass er nie positiv getestet worden ist?

Es waren keine 500 Kontrollen sondern nur ungefähr 200. Aber vielleicht hat er 300 Kontrollen dazugezählt, zu denen er nicht angetreten ist. Er hat ja selbst einmal in einem Interview gesagt: „Das Wichtigste ist, dass man sich nicht kontrollieren lässt.“

Wie geht das vor sich?

Ich habe sehr viele Radfahrer kontrolliert und dabei festgestellt: Wenn man zum Beispiel in einem Trainingslager in der Toscana den Ersten kontrolliert, dann wissen sofort alle anderen Teamgefährten Bescheid. Da reicht es, auf ein Knöpfchen auf dem Handy zu drücken – und schon geht die SMS mit der Warnung an alle anderen Fahrer aus dem gleichen Rennstall raus. Wer zu diesem Zeitpunkt positiv war, hat sich schnell aus dem Staub gemacht und war eben nicht auffindbar.

Gibt es nicht auch Möglichkeiten, die Proben kurzfristig zu maskieren?

Die Manipulation des Urins ist heutzutage nicht mehr möglich. Dazu wird der Vorgang vom Kontrolleur zu genau überwacht. Früher war es so, dass man Waschpulverkörnchen unter die Fingernägel getan und den Finger in den Urinbecher gehängt hat. Das geht heute nicht mehr. Theoretisch wäre es zwar möglich, nicht gleich die Tür zu öffnen und sich in dieser Zeit ein Körnchen in die Harnröhre einzuführen. Aber das löst sich schnell auf und tut weh. Keine gute Lösung also für den Sportler.

Immerhin hat Armstrong 200 Proben abgeliefert, in denen nichts gefunden wurde. Erstaunlich genug, oder?

Das geht nur, wenn dahinter ein wissenschaftlicher Stab steht. Er brauchte dazu vier, fünf Leute: Jemanden, der das Zeug besorgt, dazu Mediziner, Chemiker, Biochemiker oder Analytiker. Als Doper muss man zum Beispiel ganz genau wissen, welche Abklingquoten von Anabolika, Wachstumshormonen ecetera im eigenen Körper ablaufen. Mit Hilfe eines Spezialisten kann man in Erfahrung bringen, dass man Anabolika innerhalb von 21 bis 24 Stunden abbaut. Somit weiß man dann, wann der Körper wieder clean ist.

Es gibt auch den Verdacht, dass Armstrong in Kreisen des Radsport-Weltverbandes UCI eine Art Frühwarnsystem aufgebaut hat. Ist das denkbar?

Das kann man nie ausschließen.

Ihre Firma PWC hat Armstrong öfter kontrolliert. Welche Erfahrungen wurden da gemacht?

Meine Mitarbeiter waren nicht immer ganz glücklich. Sagen wir es so: Armstrong war sehr dominant in seinem Auftreten. Er ist halt eine Berühmtheit. Und Berühmtheiten haben oft ein sehr großes Selbstbewusstsein. Der Kontrolleur sollte sich immer nach Armstrong richten und hinter ihm herdackeln.

Bei Armstrong gab es viele Anhaltspunkte dafür, dass er dopt. Ist es in einem so eindeutigen Fall nicht möglich, den Sportler durch gezielte Kontrollen zu überführen?

Als Kontrolleur allein hat man keine Chance. Der Verband muss aktiv werden und sagen: Jetzt will ich ihn! Wenn ich dann im 24-Stunden-Rhythmus kontrolliere und der Sportler dopt in dieser Zeit, dann ist er dran.

Warum passiert das aber offenbar so selten?

Weil man damit jemanden auch nervlich fertig machen kann. Ich erinnere mich da an einen Fall, da sind wir innerhalb von drei Wochen 16 Mal zur Kontrolle gekommen. Da ist dann die betreffende Person in Tränen ausgebrochen. Die Proben waren in diesem Fall übrigens alle negativ.

Bei Armstrong hatte man immer das Gefühl, dass da auch der Weltverband UCI die Augen zumacht . . .

Das kann schon sein. Und dann darf man nicht vergessen, dass er mit seinem Engagement gegen Krebs und seiner Stiftung von vielem ablenkte. Selbst wir haben uns gesagt: „Der tut ja eigentlich Gutes; das ist ja eigentlich ein guter Mensch.“ Aber diese Aktivitäten sind für ihn eine gute Fassade gewesen, hinter der er seine Dopingmachenschaften verborgen hat.

Wie ist es zu erklären, dass jemand, der dem Krebstod entkommen ist wie Armstrong, dennoch dopt? Angeblich hatte er nur eine Überlebenschance von zwei Prozent. Da müsste ihm die Gesundheit doch über alles gehen . . .

Ich kenne die medizinischen Befunde nicht, ich hätte die gerne mal gelesen. Armstrong hat als Dopingsünder gelogen. Es kann durchaus sein, dass er auch mit seiner Krankheitsgeschichte gelogen hat. Aber wenn er wirklich so schwer krank gewesen war, wenn er also wirklich Hodenkrebs und Metastasen im Gehirn und in der Lunge gehabt hat, dann könnte sich sein Doping wie ein Explosivgeschoss auswirken.

Wie ist das zu verstehen?

Dopingsubstanzen wie Wachstumshormone, Testosteron, Epo haben gefährliche Nebenwirkungen. Aus dem exzessiven Doping können Langzeitfolgen für Armstrong resultieren: Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Tumorerkrankungen. Das heißt also auch: Sein früherer Tumor könnte weiterwachsen.

Armstrong hat in seiner Rolle als Dauer-Lügner auf viele überzeugend gewirkt. Wie ist das psychologisch möglich?

Armstrong hat nie ein schlechtes Gewissen gehabt. Er hat sich eingeredet, dass er richtig handle. Er hat sich gesagt: Ich mache etwas, das alle anderen auch machen. Und somit ist es nicht verboten.

Rudy Pevenage, der langjährige Betreuer und Förderer von Jan Ullrich, sagt nun, die Konkurrenz von Armstrong sei gezwungen gewesen, mit Doping dagegenzuhalten. Sie seien also alle Armstrongs Opfer gewesen. Sehen Sie das auch so?

Nein. Armstrong war doch nicht der Erste, der gedopt hat, er hat Doping mit Sicherheit nicht erfunden. Schon in den 60-er Jahren war Doping im Radsport ganz normal. Die hatten ihre Tabletten hinten in der Tasche und haben sie während des Rennens geschluckt, wenn sie das Gefühl hatten, was zu brauchen.

Pevenage behauptet auch, Armstrong sei unschlagbar gewesen, weil er die besseren Dopingsubstanzen hatte . . .

Ich glaube da nicht an Wundermittel oder Geheimwaffen.

Wie schätzen Sie den Fall Armstrong grundsätzlich ein?

Das ist sicher einer der größten Dopingskandale aller Zeiten. Übertroffen wird er nur vom Staatsdoping in Zeiten des kalten Krieges. Da wurden die Sportler, vornehmlich im Osten Europas, verpflichtet zu dopen. Als Folge gab es Missgeburten, bei manchen Sportlerinnen hat sich das Geschlecht verändert, da ist dann bei einem netten Mädel plötzlich ein männlicher Typ herausgekommen. Das finde ich einfach grauenvoll.

Inwiefern hebt sich Armstrong, abgesehen von seiner Prominenz, von anderen Dopingfällen ab?

Die Dimension hat mich überrascht. Auch wie er sein akribisch ausgefeiltes Dopingsystem in jedem seiner Teams installiert hat – dazu gehört eine hohe kriminelle Energie. Aber man darf nicht vergessen: Es gehört dazu auch die Bereitschaft der anderen, ihm zu folgen.

Welche Lehren lassen sich aus dem Fall Armstrong ziehen?

Das ganze Dopingkontrollsystem müsste von Verbänden losgelöst werden, also völlig unabhängig sein. Die Eigenheiten der Verbandsspitzen könnten sich damit nicht mehr auf die Kontrollen auswirken.

Sie meinen damit auch Nachsicht, mit der Armstrong von seinem Weltverband behandelt wurde?

Vom Ruhm eines Sportlers profitiert immer auch sein Verband. Armstrong hat es sicher geholfen, dass er ein absoluter Weltstar war. Wenn er die Nr. 30 der Weltrangliste gewesen wäre, hätte ihn niemand gestützt.

Können Sie sich vorstellen, dass der seit Jahrzehnten von Dopingproblemen heimgesuchte Radsport aus Schaden klug wird.

Ich bin der Pabst und nicht der liebe Gott. (lacht) Im Ernst: Das ist wirklich schwierig zu sagen. Ich habe eben ein Buch gelesen, in dem stand: Die Menschheit hat aus der Geschichte noch nie gelernt. Wer daraus gelernt hat, ist die Evolution, aber das dauert 100 000 Jahre.

Das Gespräch führte Armin Gibis

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