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Bahnrad-Legende Renz: „Glaube, dass der Radsport in Deutschland noch nicht gestorben ist“

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Von: Günter Klein

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Sigi Renz, hier beim Sechs-Tage-Rennen in München 2009.
Sigi Renz, hier beim Sechs-Tage-Rennen in München 2009. © Buthmann / Imago

Sigi Renz war erfolgreicher Radfahrer auf Straße und Bahn. Vor den European Championships haben wir mit ihm gesprochen.

München - Sigi Renz, seit Kurzem 84, lebt im Bayerischen Wald, zu den Europan Championships wird er nicht nach München kommen können – Arzttermine. Schade, denn gerade der Bahnradsport, für den Sigi Renz stand, lebt nun wieder auf. Der gebürtige Münchner war erfolgreicher Radfahrer auf Straße und Bahn, betrieb im Olympia-Radstadion sein Fachgeschäft und organisierte bis zu deren Einstellung 2009 die legendären Sechstagerennen in der Olympiahalle. Vor den European Championships haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Renz, in der Messe wird auf einer nur 200 Meter langen Bahn gefahren. Für internationale Meisterschaften sind eigentlich 250 Meter Mindestlänge vorgesehen.

Das hat mich auch überrascht, früher mussten es bei Weltmeisterschaften sogar 330 sein, für die Olympiabahn vor fünfzig Jahren in München konnte man auf 285 reduzieren, ein ganz komisches Maß. 250 Meter sind für Sprinter ideal. Aber ich muss sagen: Bei den Sechstagerennen hatten wir eine 200-Meter-Bahn, und sie war für diesen Zweck ideal.

Freuen Sie sich, dass sich in Sachen Bahnradsport wieder was rührt in der Stadt?

Es wäre super, wenn die Bahn für den Nachwuchs zur Verfügung stünde, aber sie wird ja gleich wieder abgebaut. Wenn man Weltmeister und Olympiasieger hier hat, sollte man Schnupperkurse anbieten. Es ist kaum zu fassen, dass es immer weniger Bahnen gibt in Deutschland. Man kann nicht in München eine Bahnradfahrerjugend aufbauen, wenn sich der Sport nur noch im Osten abspielt. Ich bin als Amateurfahrer schon auf den Bahnen in Riesa, Leipzig und Dresden rumgerutscht, jetzt haben Frankfurt an der Oder und Cottbus moderne Bahnen – und mehr Trainer.

Die Tickets sind jetzt in München begehrt.

Gut, die Messe bietet 1500 Plätze, das ist nicht die Welt, bei den Sixdays war die Tagesplanung immer 5000 aufwärts. Aber es zeigt, dass der harte Kern an Interessenten noch da ist. Viele bedauern ja, dass das Sechstagerennen nicht mehr stattfindet. Wir haben alles getan, um es zu erhalten, es war die Oktoberfestverlängerung, zu der viele auch der Gaudi halber gingen – doch es gab auch das sportliche Interesse.

Der Bahnradsport hat mittlerweile eine Vielfalt an Disziplinen, auch im olympischen Programm. Nicht alle versteht man auf Anhieb. Welche würden Sie empfehlen?

Wie in der Leichtathletik ist der Sprint am attraktivsten. Sprint und Verfolgungsrennen. Leider ist das 1000-Meter-Zeitfahren nicht mehr dabei, das war eine tolle Disziplin. Doch auch das Bahnradfahren verändert sich: Dass zwei Fahrer eine Dreiviertelstunde einen Stehversuch machen, nur damit der andere die Führung aufgezwungen bekommt und der richtige Sprinter aus dem Windschatten heraus angreifen kann – das kann man heute nicht mehr anbieten, da ist das Fernsehen weg. Es ist halt alles kürzer jetzt – aber das erleben wir auch bei Autorennen.

Bei den European Championships ist auch der Straßenradsport vertreten. Was zählt da eine Europameisterschaft überhaupt?

Eine Straßen-EM hat es zu meiner Zeit gar nicht gegeben. Wir hatten Weltmeisterschaften – und da gab es, Bahn inklusive, Weltmeister bei den Sprintern, Stehern, Verfolgern und auf der Straße. Nicht mal Zeitfahren wurde bei einer WM ausgetragen. Heute werden viel mehr Titel vergeben, auch bei den U 23-Profis. Das Prädikat Weltmeister galt früher mehr. Jetzt, so habe ich den Eindruck, wird eine gewonnene Alpenetappe bei der Tour de France höher bewertet.

Die Straßenradfahrer kommen mitten in die Stadt, die Frauen, die in Landsberg starten, fahren zwei Runden in der City, die Männer, für die es in Murnau losgeht, sogar fünf. Und die Zeitfahr-Wettbewerbe enden auch am Odeonsplatz. Das produziert doch sehr gute Bilder für den Radsport.

Klar, das heizt die Leute an, das ist besser, als wenn sie durch die Prärie fahren, wo keine Zuschauer sind. Ich glaube, dass der Radsport in Deutschland noch nicht gestorben ist. Wenn irgendwo ein Rennen ist, in Frankfurt oder auf der Deutschland-Tour, da kommen immer viele Zuschauer. Aber ein Rennen ist zu wenig, da kann man sich mit den Fahrern noch nicht identifizieren. Belgien hat jeden dritten, vierten Tag ein Radrennen.

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