Vor dem Ball sind alle gleich

- München - Der Samstag in Deutschland. Der FC Bayern München hat darüber sogar mal einen Kurzfilm drehen lassen. Wie alles öffentliche Leben sich ausrichtet auf den Punkt 15.30 Uhr, aufs Stadion. Wie das Interesse Fußball die Gesellschaftsschichten eint. Eine Passion für alle: vom Spießer zum Sponti, vom Proll zum Prof.

<P>Die Bundesliga boomt. In der Vorrunde der laufenden Saison, der 41., stieg der Zuschauerschnitt gegenüber dem Vorjahr um 8,87 Prozent auf 34 097 Besucher pro Spiel. Insgesamt kamen 5 216 766 zu 17 Spieltagen. Völkerwanderungen, die sich rational nicht begründen lassen. Eigentlich müsste die Kurve nach unten zeigen: Rezession, Job-Angst und Arbeitslosigkeit zwingen die Menschen zur Konsumzurückhaltung, und die Klubs gebärden sich bisweilen, als wäre Arbeit an den Sympathiewerten unerheblich. Die 18 Vereine der Bundesliga haben zusammen über 700 Millionen Euro an Verbindlichkeiten angehäuft, die Stars lassen Volksnähe vermissen. Der Fußball ist seiner Basis ferner denn je - und dennoch ein Renner.</P><P>Gerhard Mayer-Vorfelder, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), beobachtet diese Entwicklung mit Staunen. Er erinnert sich an ganz andere Zeiten, "Ende der 80er-Jahre, als die Karten verschenkt werden mussten". Hooliganismus war damals das vordringlichste Problem in den Stadien - und dass die Fanszene entschärft wurde, mag den Umschwung eingeleitet haben. "Aber manches", sagt der DFB-Boss, "ist nicht zu erklären, es ist halt so".</P><P>Es könnte, sagt Mayer-Vorfelder, "mit dem verbesserten Komfort in den Stadien zu tun haben. Und ich habe den Eindruck, dass wir uns amerikanischen Gewohnheiten annähern, man im Spiel den Event sieht." Veränderungen hat er zudem in der Fankultur festgestellt: "Bei den ,echten Fans habe ich den Eindruck: Die feiern sich selber."</P><P>"Fußball steht einfach immer noch im Lebensmittelpunkt vieler Menschen", befindet Ottmar Hitzfeld, Trainer des FC Bayern, "und gerade dann, wenn es ihnen nicht so gut geht, ist der Sport Ablenkung." Fußball - das große Theater also, die perfekte Zerstreuung. Transportiert von der Medienwelt. "Die Fußballdarstellung im Fernsehen hat sich verbessert", findet Hitzfeld einen weiteren Grund. Und mit der Europameisterschaft 2004 in Sichtweite und der Vorfreude auf das Ereignis WM 2006 in Deutschland erwartet der Bayern-Coach, "dass der Boom noch verstärkt wird".</P><P>Hitzfelds Wirkungsfeld München ist freilich der Heile-Welt-Standort. Doch selbst im Krisenherd Dortmund stimmt zumindest der Publikumszuspruch. Der Schnitt von 77 500 Zuschauern (bei einem Stadion-Fassungsvermögen von 83 000) ist der Spitzenwert der Bundesliga. Dass der einstige Arbeiterverein, inzwischen börsennotiert, ausgeprägter Großmannssucht verfiel und in England eine Anleihe über 100 Millionen Euro aufnehmen musste, löste nur leichte Fan-Proteste aus. Die Klubführung brachte die Anhängerschaft bei einer Fan-Delegiertenversammlung auf Kurs. Schlimmer als die finanzielle Schieflage, bekannte gegenüber dem "Spiegel" ein Fanclub-Beauftragter, "wäre eine Niederlage im Derby gegen Schalke". Mit dem Ruhrpott-Klassiker wird heute die Rückrunde eröffnet.</P><P>Aus seiner Zeit als Präsident des auch immer wieder von Finanzkrisen heimgesuchten VfB Stuttgart weiß der DFB-Oberste Mayer-Vorfelder sehr wohl um die Verhaltens-Riten des Anhangs: "Läuft es sportlich gut, sagt keiner was. Läuft es nicht, kommt sofort das mit den ,Millionarios und den ,Scheiß-Millionären, und es wird nach Maloche verlangt. Wenn die Spieler laufen, ist es für die Fans egal, wie du in der Tabelle stehst."</P><P>Die Fans in der Vereinskluft sind die Visitenkarte eines Klubs, aber nur eine Schicht des Publikums. Längst haben auch die VIPs aus Showbusiness und Wirtschaft ihren Platz im Stadion. Und sie machen aus ihrer Teilnahme am Fußball-Geschehen keinen Hehl. Für Siemens-Chef Heinrich von Pierer ist Fußball ein Thema, mit dem er sich bewusst als der locker-volkstümliche Industriemagnat positioniert: "Ich war zwölf Jahre lang freier Mitarbeiter der ,Erlanger Nachrichten und habe als Fußball-Reporter mein Studium finanziert. Es gab eine Phase in meinem Leben, wenn man mir das Bild einer Wade gezeigt hat, konnte ich den Spieler benennen."</P><P>Die Detailkenntnis von Pierers hat abgenommen mit den Jahren, die Liebe zum Fußball ist konstant geblieben. In der Statistik der zahlenden Zuschauer wird der Siemens-Mann aber nicht registriert. Einer wie er wird eingeladen. Er sagt: "Die Freikarten bei Bayern nehme ich immer gerne." Und die Bayern laden sich nicht weniger gerne Berühmtheiten ein. Der Boom soll auch Gesichter haben.<BR></P>

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