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Markantester Bartträger des Fußballs: Marcp Sailer. Er war Bundesligaspieler für Darmstadt 98.

Die haarige Seite des Sports

  • Günter Klein
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Sportler schauen in jeder Generation anders aus. Derzeit ist neben großflächigen Tätowierungen wilder Bartwuchs angesagt. Ein bisschen Moderescheinung und manchmal auch ein bisschen Psychologie. Wobei: Nicht in jeder Sportart darf man sich einen Bart leisten. Er kann auch mal stören. Oder gefährlich sein.

Von Günter Klein

Für einen Spieler, der ein Jahr die Bundesliga erlebte, dabei ein Tor schoss, nur einmal über 90 Minuten dabei war und meist nur im Schlussviertelstündchen eingewechselt wurde, ist Marco Sailer ungewöhnlich bekannt.

Wobei die Fußballkonsumenten nicht seine Bewegungen oder seine Laufwege vor Augen haben, sondern ausschließlich sein Gesicht. Marco Sailer, 2015/16 im Bundesligakader von Darmstadt 98 gelistet (und mittlerweile beim FSV Wacker Nordhausen in der Regionalliga Nordost unter Vertrag), war und ist der Typ mit dem Bart.

Und was für ein Bart! Schnurr- plus Backen- plus Kinn- gleich Vollbart. In alle Richtungen wuchernd, lang,. Ein Rekordbart. Die „Welt“ rechnete aus: Ein Sechstel von Sailers Körperlänge (1,71 m) ist inzwischen Bartlänge. Letzte Rasur war am 1. November 2014. Bis dahin hatte Sailer einen sorgfältig gestutzten Schnäuzer und einen Haarklecks mittig unter der Unterlippe getragen. Es entwickelte sich eine Aberglaubensgeschichte, dem Motto folgend: Wer rasiert, verliert. Darmstadt, aus der 3. Liga gekommen, stieg mit Sailer, der zunehmend zottelig wurde, in die Bundesliga auf. Und hielt sich dort.

Sailer fiel auf mit seinem Bart, auch in Zeiten wie diesen, da die Männer es wieder sprießen lassen im Gesicht und sogar Philipp Lahm sich bisweilen stoppelig zeigt. Gegen Ende der 90er-Jahre und Anfang des Jahrtausends war das alles noch ganz anders: Der Fußball präsentierte sich mit glatter Haut. Wer alte Sonderhefte durchschaut, findet in mancher Saison überhaupt kein Härchen im Profigesicht.

Der erste Fußballprofi, der zur Werbefigur wurde in den frühen Tagen der Bundesliga, war Uwe Seeler. Er stand, ein Handtuch um die Schultern geschlungen, im Badezimmer, betupfte die frisch rasierten Wangen mit Rasierwasser, pfiff dazu „Im Frühtau zu Berge“ und war erleichtert, dass der Alibert noch ein paar Pitralon-Flaschen in Reserve hatte.

Erst in den 70er-Jahren begann die Bartrebellion. Es war ein Aufreger, als Franz Beckenbauer, die Schwiegersohn-Inkarnation, sich kurz mal mit Schnurrbart in die Öffentlichkeit wagte. Deutschlandweites Aufatmen, als er zur WM 1974, dem Karriere-Höhepunkt im eigenen Land, wieder bartfrei war. Die Rolle des Revoluzzers fiel Paul Breitner zu, dessen Bart mit dem wuscheligen Haupte das perfekte Ensemble bildete. Gerd Müller hatte die Koteletten lang, nachdem hinter ihm ein vieldiskutiertes Schnurrbart-Experiment lag.

Breitner hat sich in der Weltfußballgeschichte auch dadurch verewigt, dass er in zwei WM-Finals (die noch dazu acht Jahre auseinander lagen) als Torschütze in Erscheinung trat. Die WM 1982 in Spanien war nach einer Zeit der Nationalmannschafts-Abstinenz Breitners Comeback-Veranstaltung – und eine Bartgeschichte. Er ließ sich sein Gestrüpp vor dem Turnier abnehmen – für 150 000 D-Mark, Pitralon, die Uwe-Seeler-Marke, bezahlte die Prämie, die Breitner für wohltätige Zwecke zur Verfügung stellte. Breitner erinnerte sich noch Jahrzehnte später in einem Interview mit „Werben und Verkaufen“, „dass Pitralon im Aftershave-Markenranking vom neunten auf den dritten Platz vorrückte“.

Auch heute noch gibt’s im Fußball Werbepartner aus der Rasur-Branche. Gillette ist einer der „global player“, ein Premiumsponsor bei den großen Turnieren. Testimonial in Deutschland: Thomas Müller, der bei seiner Verpflichtung fand, er habe „einen glaubwürdigen Bartwuchs“, aber in täglichem Pflichtbewusstsein die Klinge ansetzt.

Wobei ja auch ein wallender Bart interessant ist für die einschlägigen Hygiene-Firmen. Marco Sailer, der Darmstädter Waldschrat, verriet, dass er einiges an Arbeit in den Bart investieren muss: „Gepflegt wird er täglich mit Shampoo, trocken geföhnt und mit Bartöl massiert. Es ist eine Herausforderung, diese Art von Haare zu pflegen. Nicht immer sieht es so aus, wie ich es mir vorstelle.“

Der Fußball hat sein Bartpotenzial entdeckt. Ist ja auch eine Sportart, bei der der Bart nicht stört. In anderen Disziplinen hat er es schwerer.

Schwimmen etwa: Ganzkörperrasurpflicht. Weil schon das Arm- oder Beinhärchen unvorteilhafte Verwirbelungen des Wassers und hinderlichen Wellengang zur Folge haben könnte. Im Nachhinein ein Wunder, dass Mark Spitz 1972 in München seine sieben olympischen Goldmedaillen mit klassischem Schnäuzer gewinnen konnte. Sein amerikanischer Landsmann John Naber dominierte vier Jahre später mit einem mächtigen Haargebälk über der Oberlippe – zu einer Zeit, als konkurrierende Schwimmer sich den Darm mit Luft füllen ließen, um über eine leicht erhöhte Körperlage im Wasser ein paar Hundertstel herauszuholen.

Jetzt sind Schwimmer aalglatt. Wie auch die Radfahrer. Da ist Haarlosigkeit allüberall erwünscht – aber nicht nur wegen der Windschnittigkeit. Rolf Aldag hat es im Film „Höllentour“ (2004) schön erklärt, als er den Lady-Shaver übers Bein gleiten ließ. Bei einem Sturz gibt’s mindestens eine Schürfwunde, dabei können sich die Haarwurzeln entzünden. Und das tut weh. Klar, dass wer mit glattem Bein und Arm pedaliert, dann auch keinen Riesenbart im Gesicht trägt – höchstens mal ein Ein-Zwei-Tage-Ding, weil man auf einer Rundfahrt auch noch essen muss und nicht vorm Spiegel stehen kann.

Ringen und Boxen haben Bart-Regeln

Auch in ein Dressurreiter- oder Ruderergesicht will kein Bart passen. Undenkbar auch beim Wasserspringer. Und ein Marathonläufer würde auch keinen Marco-Sailer-Gesichtsschmuck mit sich herumtragen wollen. Ebenso würde ein bärtiger Formel-1- Fahrer überraschen, schließlich muss man die Pracht unter feuersicherer Maske und Helm verstauen. Clay Regazzoni war einer, der sich einen markanten Schnurrbart gönnte, doch das war zu anderen Zeiten. In den 70ern – als auch noch Harald Ertl mitfuhr. Bei ihm war die Optik beeindruckender als die Erfolgsbilanz. Der Deutsch-Österreicher fuhr hinterher.

Und wie verhält es sich bei den Kampfsportarten? Man muss nachdenken und vor dem geistigen Auge Bilder abrufen? Haben wir nicht schon iranische Ringer mit mächtigen schwarzen Vollbärten gesehen? Und Boxer wie Francis Botha und Shannon Briggs mit blondierten Haarlandschaften rund ums Kinn?

Es gibt klare Regeln. Die Ringer bekommen es in Punkt 5 ihrer Wettkampfbestimmungen vorgeschrieben: „Am Kampftag müssen die Ringer glatt rasiert sein oder einen mehreren Monate alten, weichen Bart tragen.“ Die Boxer beziehen sich in ihren Regularien auf Paragraph 19, Absatz 4: „Es darf weder Oberlippen-, noch Kinn-, Backen- oder Vollbart (auch kein 3 Tage-Bart) getragen werden. Wer nicht glatt rasiert zur Waage erscheint, muss sich vorher rasieren, bevor er gewogen wird.“ Zumindest ist es bei den Amateuren so geregelt. Bei den Profis wird manches laxer gehandhabt – doch hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Bartwuchs Gefahrenquell für eine Verletzung ist. Haut kann leicht aufreißen, wenn sie beim Clinchen auf scharfe Bartstoppeln trifft.

Ein sehr offenes Verhältnis zum Bartwuchs pflegt das Eishockey. Grundsätzlich gibt es zwei Phasen, in denen ein Crack es sprießen lässt.

Sofern er sie mit seiner Mannschaft erreicht, sind die Playoffs die Zeit, in der Gel, Schaum, Creme und Klinge gemieden werden. Wer rasiert, verliert. Der Brauch kommt – wie alles im Eishockey – aus Nordamerika, ist aber nicht so alt, wie man glauben möchte. Eingeführt hat ihn um 1970 herum der NHL-Profi Derek Sanderson. Es war ein Zeichen des Ungehorsams, gegen das Establishment gerichtet. Die NHL tolerierte Bärte damals nicht, sie standen für die Nähe zur Hippie-Bewegung und für Woodstock, galten als unmännlich. Das hat sich wieder geändert.

Die andere Bartphase ist der November. Seit ein paar Jahren lassen sich auch in Deutschland die Eishockeyspieler einen Monat lang einen Oberlippenbart wachsen – sie wollen damit auf Prostatakrebs und Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam machen. „Movember“ nennt sich die Aktion, am Ende kommen die Bärte ab und werden Spendengelder gesammelt.

Bärtigstes Team der Deutschen Eishockey-Liga ist Neuling Fischtown Pinguins aus Bremerhaven. Da wuchern die Bärte schon in der „regular season“. Einfach so. Und es wirkt: Der Aufsteiger ist auf Playoff-Kurs.

Ein Rauschebart hat eben auch einen psychologischen Effekt, wie Andreas Wolff, Nationaltorhüter im Handball (Sport mit Schnurrbartgeschichte: Heiner Brand, Kurt Klühspies) erläutert. Ohne seine Vollmatte, sagt der 25-Jährige im „Spiegel“, würde er „aussehen wie ein 18 Jahre alter Milchbubi – nicht so gut für einen Handballtorhüter. Mit Bart sieht man erwachsener aus, reifer, ein bisschen wilder“.

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