FC Bayern: Familienausflug zum Finale

Lyon - Als die Helden den Festsaal betraten, erhob sich alles von den noblen Sesseln. Den Stars des FC Bayern wurde mit Standing Ovations gehuldigt, und der Applaus hielt noch lange an, nachdem der letzte Recke erschöpft Platz genommen hatte. Es herrschte eine außergewöhnlich feierliche Stimmung.

Selbst den erfolgsverwöhnten FC Bayern kann so etwas also noch packen: Ehrfurcht. Am 22. Mai wird man in Madrid das Finale der Champions League bestreiten, und angesichts der jüngsten Entwicklung des Teams ist durchaus denkbar, dass es dann erneut Standing Ovations geben könnte.

Es sei „ein außergewöhnlich guter Tag" gewesen, eröffnete Karl-Heinz Rummenigge seine Bankettrede, bei der er schnell sämtliche Zurückhaltung ablegte. „Diese Mannschaft verdient es, die Champions League zu gewinnen", rief er in den Raum. Es folgte umgehend donnernder Applaus, der längst nicht der letzte während der Ansprache gewesen sein sollte. Insgesamt taten die anwesenden VIPs sechs Mal auf diese Art ihre Zustimmung kund, und das lag nicht daran, dass der Saal nur mit Sympathisanten des Vereins gefüllt war. Denn der FC Bayern hatte beim 3:0 über Lyon derart geglänzt, dass selbst größte Kritiker Beifall hätten zollen müssen.

Im Laufe dieser Saison ist an der Säbener Straße eine Einheit zusammengewachsen, die nur sehr schwer zu trennen ist. Rummenigge bemühte in seiner Rede mehrfach den Vergleich mit der „großen Familie", und es wirkte in diesem Fall kaum aufgesetzt. Natürlich kracht es auch beim FC Bayern hinter den Kulissen, aber wie bei einer funktionierenden Familie bleiben die Vorkommnisse in den eigenen vier Wänden - und hinterlassen keine Flurschäden, sondern bringen das Gesamtgebilde weiter.

„Es ist nicht immer einfach mit mir", gab Louis van Gaal höchstpersönlich nach dem Spiel zu, „aber ich hoffe, es sind jetzt alle zufrieden." Zwischen ihm und den Spielern stimmt es sowieso, das könne man auf dem Platz sehen, so der Coach: „Und ich habe jetzt auch in der Kabine wieder gesehen, wie stolz die Mannschaft ist. Sie leistet wirklich Unglaubliches."

Van Gaal hat seinerseits Unglaubliches geleistet. Der erste Einzug in das Finale der Champions League seit 2001 fiel auf den Jahrestag der Entlassung des Trainer-Novizen Jürgen Klinsmann. Und wer hätte gedacht, dass der neue Mann aus einem verunsicherten Haufen ein homogenes Gefüge basteln würde, das das Spiel in einer derart modernen und souveränen Art interpretieren würde? Vor einem Jahr stand man vor einem Scherbenhaufen - nun ist das Triple drin. Eigentlich müsste er dann aufhören, hat van Gaal letzte Woche gesagt. Gestern ruderte er erstmals zurück: „Ich könnte mich dann nicht mehr verbessern. Aber ich habe auch schon mit unserem Neuzugang Toni Kroos geredet. Da kann ich nicht einfach weggehen."

Zunächst ist es ja auch noch nicht so weit, obwohl die Chancen steigen. Christian Nerlinger bewertete das 3:0 in Lyon als „ein Schlüsselspiel" für die anstehenden Aufgaben. „So ein Sieg", sagte der Sportchef, „gibt noch einmal einen Energieschub." Am Samstag soll den der VfL Bochum erfassen, danach Hertha und Bremen im Pokalfinale, ehe es zum Familienausflug nach Madrid kommt.

Bereits in der Kabine fiel das Wort Bochum, van Gaal richtete den Fokus gleich nach dem Erfolg von Lyon auf die Bundesliga: „Wir haben noch nichts gewonnen - wenn wir alles verlieren, spricht niemand vom FC Bayern." Die Botschaft ist bei den Spielern angekommen. „Der Sieg ist für die Fans, wir dürfen nur ein bisschen lachen", sagte Martin Demichelis. Die Spieler verließen das Bankett bereits nach nicht einmal einer Stunde. Die restlichen Leckereien vertilgten ein paar recht gefährlich aussehende französische Polizisten. Aber solange sich der FC Bayern im Endspurt nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, sei es diesen Herren vergönnt.

Andreas Werner

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