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„Die Rolle des Leistungssports überdenken“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Angriff auf Tokio 2021: Karla Borger möchte die Olympia-Atmosphäre unbedingt noch mal erleben. © red bull content pool

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt  Beachvolleyballerin Karla Borger, warum sie in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio 2021 dieses Mal entspannter ist und wie sich die Sportwelt nach der Corona-Krise verändern könnte.

 Karla Borger, wie haben Sie vor einigen Wochen die Diskussionen rund um die Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 erlebt?

Es ist krass, wie schnell plötzlich alles ging. Wir waren zu dem Zeitpunkt noch in Los Angeles im Trainingslager und haben uns auf ein Turnier vorbereitet, plötzlich musten wir dann nach Hause fliegen und ein paar Tage später wird Olympia verschoben. Man wurde schnell aus der Normalität gerissen. Ich habe das Gefühl in letzter Zeit oft mit Weihnachten verglichen. Man ist schon in einer gemütlichen Stimmung und freut sich auf die Geschenke. Am 3. Advent kommen dann deine Eltern plötzlich in dein Zimmer und sagen: Weihnachten fällt dieses Jahr aus.

Hatten Sie sich schon vor der offiziellen Verkündung darauf eingestellt, dass die Spiele verschoben werden?

Wirklich überraschend kam die Verschiebung nicht. Wir Sportler wurden zwar erst mal an der langen Leine gelassen und haben noch weiter trainiert, aber ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr stattfinden. Bei der Kultur Japans geht es natürlich auch viel darum, das Gesicht zu wahren und an Traditionen festzuhalten. Vielleicht hat es deshalb alles etwas länger gedauert. Aber das IOC hat dann – auch mit Druck von außen, das muss man dazusagen – die richtige Entscheidung getroffen.

Wie fühlt sich das an, wenn das Ziel, für das man trainiert, plötzlich in die Ferne rückt?

Wir rennen als Leistungssportler ständig unseren Zielen hinterher. Darauf bin ich nun schon mein ganzes Leben lang gepolt. Wenn dir das Ziel dann erst mal weggenommen wird, fragst du dich schon: Was mache ich jetzt eigentlich? Olympia ist erst in über einem Jahr, warum soll ich mich jetzt beim Training quälen? In der aktuellen Phase, in der die Gesellschaft so leidet, empfindet man den Sport nicht als so wichtig.

Wie weit waren Sie bereits in Ihrer Vorbereitung auf Olympia?

Meine Teampartnerin Julia Sude und ich haben unseren Höhepunkt auf das Turnier in Mexiko Ende März gesetzt, das dann abgesagt wurde. Wir haben monatelang im Kraftraum geschuftet und waren am Anschlag, bei 100 Prozent. Gefühlt war ich dann nach einer Woche ohne intensives Training schon wieder im Minusbereich. Als Sportler nimmt man solche Schwankungen aber auch viel extremer wahr. Ich baue Muskeln schnell auf, verliere sie aber auch schnell wieder. Deshalb habe ich in den letzten Wochen abgenommen. In der ersten Zeit, nachdem klar war, dass vorerst keine Turniere mehr stattfinden, habe ich mich nicht so viel bewegt. Ich habe dann mit Live-Workouts angefangen, damit ich verpflichtet bin, wenigstens wieder etwas Sport zu machen.

Mit Ihrer Teampartnerin Julia Sude spielen Sie erst seit 2019 zusammen. Ist es da besonders bitter, dass Sie sich momentan nicht weiter einspielen können?

Julia und ich kennen uns schon seit Kindesbeinen. Meine Mutter hat mit Julias Vater (Burkhard Sude, Anm. d. Red.) 1993 am Timmendorfer Strand um die Deutsche Meisterschaft gespielt, da saßen wir als Kinder neben dem Spielfeld und haben uns den Ball zugespielt. Es ist also eine ganze besondere Beziehung zu ihr. Schon beim ersten Training mit Julia habe ich gemerkt: Ach krass, das läuft ja auf Anhieb!

Fußballer reden in letzter Zeit oft davon, dass Sie den Rasen vermissen. Vermissen Sie den Sand?

(Lacht) Ich hatte in den letzten Wochen endlich mal keinen Sand in meiner Wohnung und meinem Gepäck, da bin ich sehr penibel. Das war also schon sehr angenehm. Fußballer sind da aber vielleicht auch etwas befangener, sie haben mehr Druck von der Öffentlichkeit und den Clubs und müssen bestimmte Sachen sagen. Ich vermisse den Sand zurzeit nicht, ich bin einfach abgelenkt von ernsteren Themen. In meinem Kopf macht es momentan einfach keinen Sinn, Wettbewerbe auszutragen, während die Probleme weltweit so groß sind.

Sind Sie entspannter im Hinblick auf die Vorbereitung für Tokio, weil Sie 2016 schon einmal an Olympischen Spielen teilgenommen haben?

2016 war es natürlich eine Extremsituation. Ich war vorher verletzt und musste operiert werden. Wir standen dann im Ranking nicht gut da und die Möglichkeiten, uns noch zu qualifizieren, wurden immer weniger. Im Kopf schwebte permanent der Gedanke: Wenn du jetzt nicht ablieferst, schaffst du es vielleicht nie zu den Spielen. Die Sorge, dass der große Traum platzen könnte, war teilweise bedrückend. Jetzt bin ich wesentlich entspannter. Die Teilnahme 2016 spornt mich noch mehr an: Die Einkleidung, das Team Deutschland als große Familie, die besondere Atmosphäre während Olympia . . . Das möchte ich unbedingt noch mal erleben.

Zunächst aber muss die aktuelle Krise überstanden werden. Was glauben Sie, wie sich die Sportwelt durch die Corona-Pandemie verändern wird?

Ich glaube nicht, dass die Sportwelt noch so sein wird, wie wir sie aktuell kennen. Negative Einschnitte können auch immer wieder kreative Lösungen herauskitzeln. Wir sollten jedenfalls nicht anstreben, dass es genauso wird, wie es vorher war. Es geht in Deutschland viel um Fußball, das ist auch in Ordnung, da es so viel konsumiert wird. Trotzdem könnten andere, kleinere Sportarten medial auch stärker betrachtet werden. Eventuell wäre es auch sinnvoll, wenn Sportarten, die nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten, sich zusammen überlegen, wie sie ihren Sport der Öffentlichkeit präsentieren können. Aber diese Überlegungen müssen jetzt schon stattfinden. Sobald es wieder richtig losgeht, hechelt man sofort wieder hinterher.

Was sollte sich in der Sportwelt verbessern?

Man sollte die Rolle des Leistungssports noch mal überdenken. Nach Olympia 2016 werden von Seiten der Politik mehr Medaillen gefordert. Das ist einerseits verständlich, weil es im Leistungssport nun mal um Erfolge geht. Der Sport kann aber so viel mehr vermitteln als nur das Streben nach guten Platzierungen und Medaillen. Sport hat die Kraft, Werte zu vermitteln. Der Leistungssport könnte noch mehr die Rolle eines Vorbilds für die Gesellschaft einnehmen: Wie lebe und ernähre ich mich gesund? Wie erhalte ich ein gutes Immunsystem?

Interview: Nico-Marius Schmitz

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