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Bereit für den "großen Knall"

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- Bordeaux - Hans-Michael Holczer, 52, vergleicht die erste Hälfe der Tour de France gerne mit einer Lostrommel. "Da dreht man einmal dran, und dann sind plötzlich Leute oben, mit denen nicht zu rechnen war", sagt der Schwabe. So gesehen, hat sein Team Gerolsteiner schon ein paar hübsche Treffer gezogen bei der Tour-Lotterie.

Markus Fothen (24) liegt als Gesamtfünfter aussichtsreich im Rennen, Sebastian Lang (26) trumpfte als Dritter im Zeitfahren und Vierter im Prolog auf, Fabian Wegmann (26) trug einen Tag das Bergtrikot. Schöne Zwischenbilanz, mit Velo-Glück alleine nicht zu erklären. Eher mit beharrlicher Aufbauarbeit. Das sieht auch der Gerolsteiner-Chef so: "Unser Team hat eine gewisse Einmaligkeit."

Als der frühere Realschullehrer 1999 die Geschicke des Rennstalls übernahm, da präsentierte sich die deutsche Radsportwelt noch ganz in Magenta. "Telekom mit Ullrich und Zabel war eine Übermacht", sagt Markus Fothen, der aktuelle Musterschüler, "Holczer hat trotzdem auf junge Deutsche gesetzt." Der Teammanager handelte dabei ganz im Einklang mit dem Geldgeber, einem Mineralwasser-Hersteller aus der Eifel: "Der Sponsor hat mir ins Buch geschrieben, dass wir eine deutsche Marke sind."

Holczer hat aus den Vorgaben eine Tugend gemacht. Im Gegensatz zum nationalen Konkurrenten Telekom bzw. T-Mobile konzentrierte er sich auf Talentförderung. An den Erfolgsaussichten hatte der Schwabe nie Zweifel: "Es gibt keinen Grund, warum ein deutscher Fahrer schlechter sein sollte als ein Italiener oder Spanier."

Schritt für Schritt arbeitete sich das einst aus dem RSV Öschelbrunn hervorgegangene Team Gerolsteiner an die Weltspitze heran. 2003 war das hellblaue Trikot erstmals bei der Tour zu sehen. Zwar schafften es beim Debüt nur drei Fahrer nach Paris. Doch im Jahr darauf feierte Gerolsteiner in Frankreich mit Georg Totschnig als Gesamtsiebtem einen ersten Achtungserfolg. Der Österreicher bescherte 2005 in den Pyrenäen auch den ersten Tour-Etappensieg, der Amerikaner Levi Leipheimer schärfte das Profil seines Team mit Rang 6 im Gesamtklassement. In der Weltrangliste kletterte Gerolsteiner auf Platz fünf.

Trotz aller deutschen Prägung ist das Team eine internationale Mischung geblieben. "Man darf nicht anfangen, im eigenen Sud zu kochen. Man braucht auch eine Prise Ausländer", sagt Holczer.

Seit diesem Jahr erntet Holczer nun auch in üppigem Maße die Früchte seiner Nachwuchsarbeit. Für die spektakulärsten der bislang 20 Saisonsiege sorgte Stefan Schumacher (24). Beim Giro d'Italia gewann er zwei Etappen, trug zwei Tage lang das Rosa Trikot. Holczer hält den Nürtinger, der die Tour schonungshalber nicht mitfährt, für "unser vielleicht größtes Talent". In Italien sei er so souverän aufgetreten, "dass einem Angst werden könnte". Robert Förster (28) gewann zudem die Giro-Schlussetappe in Mailand. Als junger Wilder brachte sich Heinrich Haussler (22) schon 2005 mit einem Etappensieg auf der Vuelta ins Gespräch.

Das Team Gerolsteiner hat mächtig aufgeholt, und das überwiegend mit einheimischen Kräften. Im Hinblick auf den "vermutlichen Abgang von Jan Ullrich" erwartet der Teamchef eine neue Ära im deutschen Radsport: "Wenn es den großen Knall gibt, dann kann ich nur sagen: Wohl dem, der darauf vorbereitet ist." Weiteren Aufschluss könnten die nächsten Wochen geben. Auch wenn der hochbegabte Debütant Fothen am Ruhetag in Bordeaux meinte: "Mir wäre es nicht recht, wenn ich schon diese Tour gewinnen würde."

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