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Heldensagen sind von gestern

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Von: Günter Klein

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Das Cover von „Riss“ zeigt es schon an: In Christian Schenks Leben dominiert nicht mehr die Erinnerung an große Taten im Sport. © dpa

Keine Buchsaison ohne die Autobiografie eines relevanten Sportschaffenden. Zuletzt hat der frühere Zehnkämpfer Christian Schenk mit der Erzählung schockiert, wie sein Leben aus den Fugen geraten ist. Doch genau das ist der Stoff, nach dem der Literaturmarkt verlangt. Die Berühmtheiten müssen eine neue Seite zeigen, am besten eine schwache, verletzliche. Auch ein Skandal ist nicht schlecht, denn es geht schließlich um Verkaufszahlen.

Als das Buch auf den Markt kam und erste Inhalte bekannt wurden, erschrak man: Dass das einem passieren kann, den wir immer als stark erlebt hatten. Als überlegen, arrogant.

Christian Schenk war einer der Leichtathletik-Stars zur Wendezeit, 1988 für die DDR Olympiasieger im Zehnkampf. Sein Westrivale Jürgen Hingsen schied damals nach drei 100-Meter-Fehlstarts per Disqualifikation aus, und der Dominator jener Zeit, der Brite Daley Thompson, wurde nur Vierter. Christian Schenk startete nach 1990 für die Bundesrepublik, bei der WM 1993 in Stuttgart, einem unvergesslich stimmungsvollen Event, wurde er als Vierter umjubelt. Nach der Karriere arbeitete er fürs Fernsehen und war als Sportvermarkter präsent.

Seine Biografie heißt „Riss“ und erzählt viele Geschichten von einem Christian Schenk, den wir so noch nicht kannten. Wie er sich in blindem Gehorsam dem DDR-Sportsystem unterwarf, wie er sich den Dopingpraktiken, zu denen man ihn ab 1983 und nach Silber bei der Junioren-EM anhielt, nicht widersetzte. Er erzählt von privatem und beruflichem Scheitern und vor allem von der Krankheit, die sein Leben noch immer bestimmt. Bipolare Störung. Er hatte Psychosen, Halluzinationen, er glaubte, er wäre Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt; er rief die Polizei, weil er befürchtete, zum Mörder seiner dahinsiechenden, alten Mutter zu werden; er ließ sich in die Psychiatrie einweisen.

Christian Schenk ist heute 52 und immer noch und eben mal wieder dabei, sein Leben zu ordnen. Er macht es jetzt öffentlich. Ein Seelen-Striptease, der Überwindung kostet.

Das Publikum reagiert geschockt, wenn einer, den man als strahlende Gestalt abgespeichert hat, Schwächen zeigt. Es ist irritiert, weil es glaubt, dass ein WM-Titel oder Olympiasieg ein Leben krönen und der Sieger fortan ein König ist bis ans Ende seiner Tage. Doch für Sportler gilt: Nach der Karriere ist noch verdammt viel Leben übrig. Und mancher leidet schon, während in seiner Laufbahn noch alles zum Besten zu stehen scheint.

Sportler-Biografien gibt es in Deutschland seit den 50er-Jahren. Sie waren reine Heldensagen. Der Stoff, den eine junge Republik in ihrem Prozess der Selbstfindung brauchte. Die schönste Geschichte: Fußball-Weltmeister 1954. Fritz Walter, der Kapitän, schrieb darüber und über sich: „3:2 – Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ (1954), „Spiele, die ich nie vergesse“ (1955). Etwas später erfolgten die Rückblicke der Final-Torschützen: „Mein Hobby: Tore schießen“ legte Helmut Rahn 1959 dar, 1961 ließ Max Morlock „13 – meine Glückszahl“ folgen. Der Klappentext warb: „In diesem Buch schildert der Autor den interessanten Werdegang des ebenso sympathischen wie bescheidenen, überall beliebten Max Morlock, übersichtlich zusammengefasst, in Wort und Bild. Eine Fundgrube für jeden Fußballfreund!“ Die Krisen der Karriere werden „mit zähem Eifer“ bewältigt.

Anlass für Sportlerbücher waren Erfolge – was sonst? Nur wer Großes geleistet hatte, war interessant. Der erste deutsche Box-Champion Max Schmeling landete mit „8 – 9 – aus“ einen Megaseller (1957) und ließ zwei weitere Autobiografien folgen.

Auch bei Franz Beckenbauer ergab sich eine Fortsetzungsgeschichte. „Dirigent im Mittelfeld“ und „Gentleman am Ball“ waren Mitte der 60er-Jahre die ersten Bücher, die die noch junge Karriere nachzeichneten. Relevante Aussagen enthielten sie nicht. Mit dem dritten Buch 1975 änderte sich das. „Einer wie ich“ war ein Knaller. Erschienen beim Verlagsriesen Bertelsmann, der Umschlag in der Optik der Johannes-Mario-Simmel-Romane. Die Vermarktung: perfekt. „Beckenbauer packt aus“, wurde Wochen im voraus vermeldet.

„Einer wie ich“, fängt Beckenbauer an, „scheint nach Ansicht der Leute einen Fußball statt eines Kopfes zu besitzen“. Als gelte es, dem Sportler eine Persönlichkeitstiefe zu geben, wird der Ton (des Ghostwriters) pseudoliterarisch: „Wenn ich eine Blume bin, sollte mein Bruder dann eine Brennessel sein?“ Es wird auch politisiert: Strauß oder Brandt – man positioniert sich.

Bertelsmann und Beckenbauer legten nach. 17 Jahre später, 1992, war aus dem Weltmeisterspieler auch noch der Weltmeistertrainer geworden. „Ich – wie es wirklich war“, so das Sequel zu „Einer wie ich“. Noch einmal Beckenbauer-Kunstslang. Und ein bisschen Skandalstoff: Dass er die Bayern Richtung Cosmos New York verließ, weil das bayerische Finanzministerium ihm dazu riet – und dass bei einer Taxifahrt der schwule Ballettstar Rudolf Nurejew ihn anzubaggern versuchte.

Ein richtiges Bekenntnisbuch schrieb Toni Schumacher. „Anpfiff“, 1987. Deutschland bebte. Da erzählte einer, der Nationaltorhüter und einer der großen Stars war, davon, dass das Leben gar nicht so glamourös ist. Dass man sich Elf-Freunde-Romantik abschminken und nicht glauben solle, der Fußball sei frei von Doping. Er verriet: Er hat selber rumprobiert – um schneller fit zu werden nach Verletzungen.

„Anpfiff“ knickte Schumachers Karriere. Er flog bei seinem 1. FC Köln raus, der DFB sah in ihm einen Nestbeschmutzer, das war’s denn auch mit der Nationalmannschaft. Es dauerte Jahre bis zur Wiederannäherung. 2017 erzählte Schumacher – etwas milder – seine Geschichte weiter. Er findet, „dass ich viele Denkanstöße für den Fußball geliefert habe“. Was er damals gefordert habe, sehe er heute umgesetzt und zur Selbstverständlichkeit geworden. Letzten Endes war sein Buch ein erfolgreiches Stück engagierter Literatur.

Das Buch wurde für Sportstars zum Medium, sich zu öffnen. Eine intellektuelle Plattform, auf der sie die Darstellungshoheit behielten. Der Bremer Fußballer Uli Borowka erzählt in „Volle Pulle“ (2012) vom Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker. Rudi Assauer, langjähriger Bundesliga-Manager mit Macho-Attitüde, machte seine fortschreitende Demenz im bewegenden Buch „Wie ausgewechselt“ publik. Sven Hannawald verarbeitete 2013 in „Mein Höhenflug. Mein Absturz. Meine Landung im Leben“ den Leistungsdruck und die Depressionen, die seine Karriere als Skispringer begleitet hatten.

Der kritische Blick der Sportler auf den Sportbetrieb wurde en vogue. Voriges Jahr erzählte der ehemalige Nationalspieler Knut Reinhardt in „Wenn Fußball Schule macht“ über sein zweites Leben als Grundschullehrer und die Distanz zum ersten in der Bundesliga.

Für Verlage auch interessant: Deutsch-deutsche Geschichten. Als Katarina Witt, einstmals „schönstes Gesicht des Sozialismus“, 1994 fürs wiedervereinigte Deutschland ihr olympisches Comeback gab, wurde das von einem Buch flankiert: „Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür.“ Ein Ringen um Anerkennung im Westen. Sie erzählte, dass die Stasi sie so intensiv observierte, dass in den Protokollen sogar die Dauer ihrer Geschlechtsakte festgehalten wurde.

Franziska van Almsick, erster gesamtdeutscher Star, öffnete sich in „Aufgetaucht“. Ein eher schmaler Band, den, wie sie versicherte, sie ohne Hilfe geschrieben habe. Es geht darum, sich als Persönlichkeit gefunden zu haben, auch wenn man als Sportler nicht mehr seinen Ansprüchen gerecht wird. Das war bei ihr 2004 der Fall, bei ihren vierten und letzten Olympischen Spielen. Und was sie, der Schwimmstar, auch erzählte: Dass sie Angst hat, im Meer zu schwimmen.

Sportler werden verehrt, ihre Anhänger gestehen ihnen nahezu übernatürliche Kräfte zu. Stars sind Alleskönner, oder?

Nicht in jeder Hinsicht. Beim Schreiben verlassen sie sich auf professionelle Autoren. Erzählen ihnen eine Geschichte, und es wird ein rundes Buch daraus.

Es gibt Spezialisten für so etwas: Fred Sellin etwa. Er hat für Boris Becker „Ich bin ein Spieler“ verfasst, für die Klitschkos „Unter Brüdern“ geschrieben, für Maria Höfl-Riesch „Geradeaus. Höhen und Tiefen meines Lebens“ – und nun ist er in die Haut von Christian Schenk geschlüpft.

Ein weiteres interessantes Leben.

Was in „RISS“ von Christian Schenk steht:

Die DDR und
der Westen
Als DDR-Spitzenathlet wie Zehnkämpfer Christian Schenk hatte man klare Vorgaben: Die Westdeutschen waren der Klassenfeind. Man grüßte Sportler aus der Bundesrepublik nicht, gratulierte ihnen nicht. Der Grundsatz lautete „Im Krieg reichst du deinem Gegner auch nicht die Hand.“ Sympathien durfte man aber für Österreich hegen, auch für Schweden (Björn Borg, der Tennsspieler, war im Osten Deutschlands ein Held). Zu Sportlern aus sozialistischen Bruderländern war man ausgesprochen freundlich.
In die Bredouille geriet Schenk bei der Leichtathletik-WM 1987 in Rom. Nach seinem Wettkampf lag er am Hotelpool, da kam West-Hochspringer Carlo Thränhardt und fragte: „Was dagegen, Langer, wenn ich mich zu dir setze?“ Thränhardt hatte die Hochsprungleistung von Schenk imponiert. Das unverfängliche Gespräch wurde von drei DDR-Offiziellen beobachtet. Zurück in Rostock, drohte Schenks Verein, der SC Empor, mit Konsequenzen im Wiederholungsfall.
So trainierte man
im Osten
Gefürchtet war der 400-Meter-Lauf in der Halle mit der Spezialanlage „Elektrischer Hase“. Lichter entlang der Bahn gaben das Tempo vor, das man zu laufen hatte. Viele Athleten hatten Angst, dass ihnen die Lichter davonlaufen und brachen, wenn sie das Programm zehnmal mit nur einer Minute Pause absolvieren mussten, zusammen. „Heute würde man so eine Trainingsmethode vermutlich Körperverletzung nennen.“ Es gab auch noch eine Variante fürs Höhentrainingslager in Bulgarien: Da führte die Piste 400 Meter bergauf. Durch den Schnee.
Und wie war’s
mit Doping?
Schenk bekam den Klassiker „Oral-Turinabol“, aber nur in Phasen des Konditions- und Krafttrainings. Ging es um Technik, wirkte das Mittel kontraproduktiv. Gereicht wurde auch Dynvital – ein angebliches Vitaminpräparat, aber durchsetzt mit Steroiden im Erforschungsstadium. Die Athleten wurden also zu Versuchskaninchen.

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