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„Grad, dass es nicht noch Leckerchen gibt“

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Von: Bernd Kreuels

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VON BERND KREUELS

München – Für Birgit Kober war 2018 ein überragendes Jahr: Bei der Para-EM Ende August in Berlin feierte sie im Kugelstoßen nicht nur ihren vierten EM-Sieg in Folge. Ihr gelang es außerdem, ihren eigenen Weltrekord um 23 Zentimeter auf 11,79 Meter zu steigern. Die zwölfte internationale Goldmedaille hinterließ Wirkung wie die Erste: „Es ist schon immer schön, da oben auf dem Treppchen zu stehen, seine Fahne zu sehen und die Hymne zu singen.“

Trotzdem gibt es ein großes „Aber“. Birgit Kober sieht in Bayern noch in vielen Bereichen Nachholbedarf, was die Bedingungen für den Behindertensport angeht. Vor allem würde die erfolgreichste aktive deutsche Para-Leichtathletin, die beim TSV 1860 eine Behindertengruppe trainiert, gerne häufiger mit Nicht-Behinderten auftreten, um sich auch einmal einem größeren Publikum zu zeigen. Gerade in Bayern fehlen ihr die „Überschneidungspunkte, dass wir sehen: Wir stören uns nicht, sondern wir könnten uns mehr ergänzen“.

Außer Konkurrenz dürfen die Behinderten in Oberbayern zwar mit den nicht-behinderten Sportlern zusammen antreten, gemeinsame Übungseinheiten gibt es aber noch nicht. Um besser zusammenzuwachsen, hält Kober sie für wünschenswert. Sie selbst ging voran und besuchte ein Badminton-Trainingslager. Dort war sie willkommen und schaffte es, obwohl sie im Alltag meist auf den Rollstuhl angewiesen ist, stehend mitzuspielen.

Dass die Erfolge von Nichtbehinderten einen geringeren Stellenwert haben, ist fast schon normal. Empfänge mit Transparenten nach Medaillengewinnen sind die Ausnahme. Zur Sportlerehrung der Stadt München ist die Europameisterin von 2018 nicht eingeladen, sie erfüllt die Teilnahmekriterien nicht. Zugelassen sind Wettkämpfe mit mindestens zehn Teilnehmern – bei Behinderten ist das aufgrund der Aufsplitterung in verschiedene Schadensklassen nicht immer der Fall.

Dafür hat die Weltrekordlerin kein Verständnis: „Das empfinde ich als Degradierung meiner Person, vor allem meiner sportlichen Leistung.“ Vom Schulterklopfen bei Empfängen hat sie die Nase gestrichen voll: „Ich komme mir schon vor wie so ein Hund: ,Das hast du aber fein gemacht‘. Dass ich nicht auch noch ein Leckerchen bekomme, wundert mich.“ Ein Lichtblick ist für Kober, dass sie, seit Januar der Sportfördergruppe der Bundeswehr angehört: „Das ist eine große Ehre für mich“, freut sie sich.

Bei der Europameisterschaft in Berlin vermisste sie ferner eine gemeinsame Werbung. Beispielsweise hätte man pro EM-Karte ein Ticket für die Para-EM umsonst beilegen können, um dadurch mehr Zuschauer anzulocken: „Aber das war nicht erwünscht“, so ihr Eindruck. Und dass keiner der EM-Athleten bei ihnen vorbeischaute, fand sie ebenfalls enttäuschend. „Ich erwarte nicht so viel, aber so was macht doch Eindruck“, sagt sie.

Anfangs war die Leichtathletik für die 47-Jährige nur eine Art Reha-Maßnahme gewesen, 2008 wurde daraus Leistungssport. Nach einer Regeländerung hatte sie damit begonnen, nicht mehr sitzend, sondern stehend die Kugel zu stoßen. „Heute sieht das vielleicht leicht aus. Aber ich zähle auch nicht mehr, wie oft ich gestürzt und wieder aufgestanden bin. Wenn man die Schritte dazwischen nicht gesehen hat, versteht man nicht, wie viel harte Arbeit das ist und wie ich mich dafür abstrampeln musste“, erinnert sich die Kämpferin an die zwei Jahre, in denen sie allein mit Knieschonern und Schutzhelm übte.

Der Sport spornt sie an, auch privat immer wieder neue Grenzen zu überwinden. „Ich weiß, dass ich den Rollstuhl nie mehr loswerde. Aber etwas weitere Strecken gehen zu können, das wäre super“, sagt sie. Darauf arbeitet sie mit ihrem Training hin. „Ich glaube, das ist schon noch machbar“, sagt sie. Momentan schafft sie mit Stock zu Fuß einen Kilometer.

Und in ihrem Sport fühlt sie sich sowieso noch nicht zum alten Eisen gehörig. „Es ist aber nicht so, dass die Weltrekorde aus meiner Hand rauspurzeln“, dämpft Kober zu hohe Erwartungen. So lange sie aber noch in der Weltspitze drin ist, will sie weitermachen. Kober hat bemerkt, dass sie beim Stoßen im Ring zuletzt schneller geworden ist, also möchte sie – wofür ihr lediglich 21 Zentimeter fehlen – die Zwölf-Meter-Marke noch knacken. Vielleicht bei einem Einladungswettkampf, zu dem sie im Juni nach Tokio fliegt.

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