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Bitterer Abgang: Dauser nach seinem folgenschweren Missgeschick am Mittwoch.

Dausers WM-Aus

Schmerzen im Bein - und in der Seele

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Den Frust über seinen Kreuzband-Riss merkt man Lukas Dauser in jedem Satz an. Und trotzdem spricht der Unterhachinger Turner vom „günstigsten Zeitpunkt“ für die schwere Verletzung. In der kommenden Woche steht die OP an - und dann heißt es: Schuften für das Comeback.

München – Dass es eine gute Idee war, am Tag nach dem Missgeschick nicht den Weg in die Max-Schmeling-Halle anzutreten, merkte Lukas Dauser am Freitag in der Früh. Denn obwohl er sich nach der Untersuchung und der bitteren Diagnose Kreuzbandriss mit Meniskusschaden zuhause ausgeruht hatte, fiel ihm jede Bewegung schwer. „Alleine komme ich im Moment nicht klar“, sagt der 23-Jährige und erzählt von seiner Morgenroutine. Eine Viertelstunde habe es ihn gekostet, sein Bett zu machen, aus dem Haus wolle er am liebsten gar nicht gehen. Zusätzlich zum Schmerz im rechten Knie kommt jener in der Seele. Im Moment kann er nicht mal sagen, welcher ihn mehr belastet: „Es kommt einfach alles zusammen.“

Wie frustriert Lukas Dauser ist, merkt man ihm in jedem Satz an. Kaum mehr etwas erinnert im Gespräch an jenen jungen Mann, der sich so sehr auf das Deutsche Turnfest in seiner Wahl-Heimat Berlin gefreut, noch zu Beginn der Woche den Mehrkampftitel gewonnen und rosige Aussichten für das restliche WM-Jahr vor sich hatte. Alles schien bestens – bis zu diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem das rechte Knie beim Abgang seiner Ringe-Übung nach innen knickte. Im Turnen weiß man in solchen Momenten schnell, was Sache ist, Kreuzbandrisse sind in der deutschen Riege – leider – inzwischen zur Routine-Verletzung geworden. „Das einzig Positive daran ist, dass wir gute Kontakte zu guten Spezialisten haben“, sagt Dauser. Den Heilungsprozess von rund einem halben Jahr können aber selbst die besten Ärzte nicht beschleunigen. Die WM im Herbst wird ohne Deutschlands besten Mehrkämpfer stattfinden.

Schon als Marcel Nguyen am Donnerstag am Barren den Titel holte, war sein eigentlicher Konkurrent und Titelverteidiger Dauser nicht vor Ort. Cheftrainer Andreas Hirsch und die Teamärzte hatten dem Vize-Europameister am Nachmittag einen Besuch abgestattet und ihm wärmstens empfohlen, auf dem Sofa zu bleiben. „Ich darf kein Risiko eingehen, das Knie darf nicht noch mehr anschwellen“, erklärt Dauser, der auch vor zu vielen Genesungswünschen in der voll besetzten Halle geschützt werden sollte. 6000 Zuschauer, die bei seinem Missgeschick am Mittwoch vor Ort waren, hatten mit ihm gefühlt, die Bestürzung über die Verletzung von Publikumsliebling Dauser war groß. „Das Turnfest“, sagt er, „ist für mich gelaufen“. Die Prioritäten haben sich verschoben.

Einen Plan haben die Mediziner bereits ausgearbeitet. Am Sonntag fliegt Dauser nach München, am Montag dann soll entschieden werden, ob er in seiner Heimat oder in Berlin operiert wird. Die OP wird zeitnah erfolgen, vor allem der Meniskus muss schnell geflickt werden. Ab dann steht Reha an, wahrscheinlich in der Hauptstadt. „Dort bin ich in besten Händen“, sagt Dauser, dessen Physiotherapeut ihn allein am Donnerstag drei Mal behandelte.

Für die Genesung will sich der Unterhachinger „alle Zeit der Welt“ geben. Die Erfahrung aus dem DTB-Team lehrt, „dass es nichts bringt, zu früh zu viel zu wollen“. Ein positives Beispiel ist Nguyen, der nach seinem 2014 erlittenen Kreuzbandriss und trotz seines fortgeschrittenen Turn-Alters von 29 Jahren zurück bei alten Kräften ist. Mit Blick auf den Wettkampfkalender des kommenden Jahres muss Dauser ohnehin nichts überstürzen. Die EM steht erst im August an, die WM sogar noch später. „Verletzungen kommen immer zum falschen Zeitpunkt“, sagt Dauser. Immerhin aber habe er sich mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio „das unwichtigste Jahr“ ausgesucht.

Ärgerlich ist es trotzdem, das ist klar. Und doppelt ärgerlich ist, dass Dauser auch noch den mit seiner Freundin geplanten Urlaub absagen musste. Als er da am Donnerstag auf der Couch lag, hatte er immerhin Zeit, die Hotels für die Rundreise auf Sardinien zu stornieren. Eine Reiserücktrittsversicherung hatte das junge Paar nicht abgeschlossen. Wie gesagt: Es kommt alles zusammen.

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