1. Startseite
  2. Sport
  3. Mehr Sport

„Sie hat gerockt“: Deutscher Turnerinnen sahnen bei EM richtig ab

Erstellt:

Von: Günter Klein

Kommentare

European Championships  - Turnen
Die Zuschauer in der Olympiahalle bekamen einiges geboten. © Sven Beyrich

Bronze als Beschleuniger für Doppel-Gold: Die Deutschen rocken bei der Turn-EM die Olympiahalle. Am Ende wurde es gar richtig emotional.

München – Dreimal Gold, einmal Bronze. Okay, offiziell zwei Goldene und ein dritter Platz für die Turnerinnen bei ihrer EM. Aber es wurde auch eine Meisterin der Herzen gekürt: Nach der letzten der vier Siegerehrungen in den Gerätefinals sollten alle noch in der ausverkauften Olympiahalle bleiben – für die Verabschiedung von Kim Bui.

Die 33-jährige Tübingerin trat mit Deutschland-Fahne aufs Podium, es wurde ein Film über ihre Karriere eingespielt, anschließend ging sie auf die große Ehrenrunde. Sie weinte. Wie zuvor nach ihrer Stufenbarren-Übung, mit der ihre Karriere endete. Es reichte nicht mehr zu einer Medaille (Platz fünf), aber sie hatte am Tag zuvor ja eine gewonnen. Bronze mit der Mannschaft, etwas, das es bei einer Europameisterschaft noch nie gegeben hatte. Für Kim Bui ging es um die Emotionen, um ein letztes bewusstes Erleben dessen, was sie 29 Jahre begleitet hatte: Turnen. „Mir wird’s fehlen.“

Sie strahlte nicht minder hell, als die beiden Freundinnen, die am Sonntag sportlich noch stärker waren, für einen historischen Erfolg sorgten und aufzeigten, wie unterschiedlich Wege zu einem großen Titel verlaufen. Elisabeth Seitz, 29, wurde Europameisterin am Stufenbarren. „2009 bin ich in die Nationalmannschaft aufgenommen worden. Ich hatte viele vierte, fünfte, sechste, achte Plätze.“ International was zu gewinnen – „davon habe ich häufig geträumt, aber es ist nie passiert“.

Sehr viel schneller ging es bei Emma Malewski, die gerade 18 ist und erstmals bei einer EM war. „Sie hat gerockt“, urteilte Kim Bui, als sie Malewski am Schwebebalken performen sah. In der Mitte der Halle war ein Sofa aufgebaut, auf dem die drei Führenden den weiteren Wettkampf verfolgen mussten. „Ich hatte noch so viel Energie in mir, ich habe gezittert, doch die anderen ebenso – die waren ja auch jung“, so Malewski. Dann war es amtlich: Gold auch für sie.

European Championships  - Turnen
Die Zuschauer in der Olympiahalle bekamen einiges geboten. © Sven Beyrich

Sicher ermöglichte Team-Bronze die Sensation an den Einzel-Geräten. Bundestrainer Gerben Viersma gab einen schönen Einblick, wie in seiner Sportart gecoacht wird und auch mal spontane Entscheidungen getroffen und „Matchpläne“ umgeworfen werden. Der Niederländer hatte ein Auge auf die Punktestände von Ungarn und Frankreich und entschied, dass man am letzten Gerät, dem Sprung, was riskieren müsse. Er wies Sarah Voss an, die zuvor am Boden vom Podium gestürzt war und Punkte verloren hatte, ihrem Sprung eine zweite Schraube hinzuzufügen. Voss: „Wir sind all-in gegangen.“

Es war der Sprung ihres Lebens, mit eingebundener Wade, ein Risiko, sie hatte die Intensität des Trainings reduziert. Was passieren kann, sah man am Tag danach bei den Gerätefinals: Zwei Verletzungen am Sprungtisch, eine beim Abgang vom Stufenbarren. Die Bulgarin Valentina Georgieva wurde nach ihrer Landung beim Sprung auf einer Trage und am Tropf aus der Halle gebracht.

Elisabeth Seitz musste sich überwinden, „da den Rücken zuzukehren, normal gehe ich da hin“. Es stand noch ihr Wettkampf an. Elli Seitz ist eine besonders gefühlige Person, der die Tränen in die Augen schießen, wenn sie daran denkt, dass sie in Stuttgart nun ohne Kim Bui trainieren muss. Kim weint dann mit, sie drücken die Köpfe aneinander. „Dass ich noch einmal mit Elli in einem Finale stehe, war großartig“, sagte Kim Bui. Sie war als Erste dran, Seitz freute sich, den letzten Vortrag von Kim in Ruhe ansehen zu können. Sie selbst war die letzte der acht Final-Turnerinnen. „Definitiv eine Medaille“, wusste Kim Bui, als Seitz sicher landete: „Ich kenne Ellis Übung in- und auswendig, alle Knackpunkte.“

Turnen: Europameisterschaft
Die Zuschauer in der Olympiahalle bekamen einiges geboten. © Sven Beyrich

Lässt man die mit ihrer Bewertung nicht einverstandene Pauline Schäfer-Betz (Fünfte am Balken) außen vor, war es der glückseligste Tag des deutschen Frauenturnens in der Neuzeit. In der Olympiahalle herrschte eine Stimmung wie im Fußballstadion, geglückte Elemente wurden gefeiert wie Tore. „Alles ist zum richtigen Zeitpunkt zusammengekommen“, bilanzierte Bundestrainer Gerben Viersma. Vielleicht werden diese inklusive Qualifikation drei Tage einmalig bleiben.

Ohnehin wird es anders sein ohne Kim Bui, die Seele des Teams. „Ich bin nicht aus der Welt“, sagt die studierte Biologin, „ich werde Elli im Training besuchen kommen und habe noch einige Projekte im Turnen.“ Eines verriet sie: „Im März wird meine Biografie erscheinen.“ München 2022 als letztes Kapitel wird nicht zu toppen sein.

Auch interessant

Kommentare