"Der Steuermann ist der Chef"

Oberschleißheim - Peter Thiede gibt im Achter die Kommandos - und fliegt gelegentlich im hohen Bogen ins Wasser.

Seit 20 Jahren sitzt er im deutschen Achter: Peter Thiede, 39, Zeitsoldat. Aufgabe: Steuermann. Klischeevorstellung: Das ist der kleine Mann, der nach dem Rennen ins Wasser geworfen wird.

Guten Morgen, Herr Thiede, was haben Sie gefrühstückt?

Och, ganz normal. Rührei, Käffchen, Brötchen, ein bisschen Melone.

Klingt nicht nach so wenig.

Man denkt immer, bei den Ruderern ist es so: Die schweren Jungs hauen sich die Steaks und Beilagen rein, der Steuermann sitzt vor einem Blatt Salat. Das war früher mal so, bis 1996 lag das Steuermanngewicht bei 50 Kilo und wurde, Gott sei Dank, hochgesetzt auf 55. Wenn man sich fit hält, hat man kein Problem.

Die Erweiterung des Limits - eine Erleichterung für Sie?

Auf jeden Fall, mit zunehmendem Alter wurde es immer schwerer, das Limit zu schaffen. Mein Vorgänger war 44 und musste ums Gewicht kämpfen, das geht dann schon auf die Gesundheit.

Fotostrecke:

Der Steuermann hat nicht nur die Aufgabe, wenig zu wiegen. Was ist zu tun?

Zu 70 bis 80 Prozent spielt sich die Arbeit im Training ab. Da muss man darauf achten, dass die Ruderer harmonieren. Als Steuermann spürt man, ob ein Boot ökonomisch läuft oder nicht. Man hat kein gleichbleibendes Tempo, man bremst das Boot jeden Schlag ab, weil die acht Ruderer sich gegen die Fahrtrichtung bewegen und dann wieder durchziehen. Die unterschiedliche Bootsgeschwindigkeit, die spürt der Steuermann im Hinterteil, und da muss man versuchen, den Bootslauf zu optimieren.

Sie haben den Trainerschein.

Die A-Lizenz.

Der Steuermann als verlängerter Arm des Trainers?

Richtig. Der Trainer kann nicht die ganze Zeit am Boot sein, also ist der Steuermann Chef.

Wie waren Sie selbst als Ruderer?

Ich habe nie gerudert, nur so hobbymäßig, um mal das Gefühl zu haben. Ich komme aus einer anderen Sportart. Vom Gewichtheben, da war ich richtig gut, bei den DDR-Meisterschaften hatte ich früher vierte, fünfte Plätze.

Wie steht es um die Autorität? Sie kamen mit 19 ins Boot.

Die Autorität erwirbt man sich durch Wissen und Können Vor 20 Jahren war ich der Jüngste. Doch als Team will man maximalen Erfolg, und was der Steuermann sagt, ist Gesetz. Wenn man Fehler macht, kriegt man im nachhinein auf den Deckel. Man darf Fehler machen, nur nicht immer die gleichen. Jetzt habe ich viel Erfahrung, das wissen die Ruderer zu schätzen.

Im Rennen sind Sie für die Taktik zuständig. Doch im Vorlauf hier gab es leichte Unstimmigkeiten. Sie befahlen den Endspurt, als sie merkten, dass die Holländer näher kommen - doch einige im Boot haben gezögert.

Ich habe 500 m vor dem Ziel gesagt, die Holländer hauen die Amis weg. Mit den Amerikanern hatten wir gespielt, sie immer wieder ausgekontert Ich habe die Lage erkannt, doch so ein Boot ist 18 m lang, wer im Bug sitzt, sitzt also 18 m weg vom Gegner. Im Halbfinale und Finale besteht die Gefahr aber nicht mehr, dass welche nicht mitziehen, da gibts nur noch Vollgas.

Spricht im Boot nur der Steuermann - oder haben andere Achter-Mitglieder auch was zu sagen?

Wenn der Bugmann merkt, das marschiert richtig, kann er einen Ruf machen; es kann was zur Motivation aus dem Mittelschiff kommen; oder der Schlagmann ruft mir was zu, wenn er meint, nochmals einen Spurt anzuschieben. Aber insgesamt ist im Rennen nicht soviel Luft da, dass von den Ruderern besonders viel kommt.

Ist man als Steuermann immer gesetzt? In 20 Jahren fehlten Sie nur zweimal.

Den Platz muss man sich erkämpfen. Es gibt nur einen olympischen Steuermannplatz, den wollen andere auch. Man muss sich durch Leistung durchsetzen. Bisher habe ich es geschafft. Wenn die Ruderer zum Trainer gehen würden und sagen: Mit dem läuft es nicht, dann würde was anderes probiert.

Haben Sie sich schon mal schwer versteuert?

In meinem ersten Jahr in Luzern, da sind wir mit einem anderen Boot zusammengefahren, da war eine Teilschuld von mir. Da ging wegen einer Zeitverschiebung alles durcheinander. Gewonnen haben wir trotzdem.

Sie haben viele Besatzungen erlebt. Spüren Sie, ob es mit einer Crew klappen wird oder nicht?

Es gibt so Trainingsweltmeister, die in Deckung gehen, wenn scharf geschossen wird - man muss erst mal rausfinden, welche die wettkampfstabilen sind, die unter Stress voll durchziehen. Solche Leute braucht man, und die haben wir jetzt.

Sie waren schon viermal Weltmeister, bei Olympia reichte es bislang nur zu Silber mit dem Achter. Muss die Karriere in Peking rund werden?

Dafür macht man Leistungssport. Olympia wäre das i-Tüpfelchen.

Noch eine Klischeefrage: Wann fliegt der Steuermann ins Wasser?

Wenn man gewonnen hat.

Nur bei WM oder Olympia, oder wäre auch ein Weltcup-Sieg Anlass genug?

Die Ruderer nutzen das auch in Essen oder sonst wo. Das erste Rennen der Saison, Ende April, Anfang Mai, da schmeißen die Jungs den Steuermann gerne rein. Nicht so angenehm.

Temperatur?

15 Grad. Letztes Jahr bei der WM in Eton war es auch richtig kalt und nicht so witzig. Ansonsten nimmt man das Bad gerne.

Das Interview führte Günter Klein

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