Deutsche Elf gegen England: Gestärkt aus dem Stahlbad

Johannesburg - Es war die Nacht des großen Feuerwerks. Nicht im „Soccer City"-Stadion von Johannesburg, das die deutschen Spieler eingeschüchtert hatte und in dem sie schmucklos und eher „auf typisch deutsche Art" (Mittelfeldspieler Thomas Müller) weitergekommen waren. Doch 70 km weiter, über Erasmia, dem Stadtteil von Pretoria, in dem das DFB-Hotel steht, da leuchtete der Himmel nächtens in den schönsten Farben.

Das „Velmore Grande" hatte einen Pyrotechniker engagiert, die deutsche Nationalmannschaft wurde mit einem Feuerwerk zurück begrüßt an ihrem Stammsitz. Die Hotel-Angestellten standen Spalier und klatschten.

Man freut sich: Die etwas vom Schuss gelegene Nobel-Bleibe wird die nächsten Tage nicht zum Geisterhaus, die Gäste, die hier alles gebucht haben, sind sicher noch bis Montag da. Bis zum Tag nach dem Achtelfinale gegen England (Sonntag, 16 Uhr, in Bloemfontein). Mindestens.

Für den Klassiker gegen England erklärt man sich vorsorglich zum leichten Außenseiter, „weil die einzelnen Spieler bei England vielleicht etwas besser sind" (Arne Friedrich) und „weil sie viel Erfahrung aus der Champions League haben" (Co-Trainer Hans-Dieter Flick).

Außerdem hat die DFB-Elf ein paar Verletzungsprobleme. Bei Bastian Schweinsteiger ist „eine Verhärtung der hinteren Oberschenkelmuskulatur" (Flick) aufgetreten; Jerome Boateng musste herausgenommen werden, „weil er plötzlich Rückenprobleme hatte" (so Joachim Löw nach dem Spiel), die sich tags darauf in eine Wadenverhärtung gewandelt hatten. „Für beide Spieler gilt: Es wird knapp bis Sonntag - wir sind aber guter Dinge", so Hansi Flick. „Sollte Schweinsteiger ausfallen, wäre das für unser Spiel nicht von Vorteil", sagt Joachim Löw. Möglicher Ersatz wäre Toni Kroos, der bereits erklärte: „Ich bin bereit." Nicht dramatisch ist die Blessur von Mesut Özil, der gegen Ende des Spiels umgeknickt war. Gestern vermeldete er schon wieder Schmerzfreiheit.

Özil stand für die Geschichte dieses Spiels. Er war Depp und Held in einem. Pluspunkt war „der entschlossene Schuss" (Löw) zum 1:0-Siegtor, ein wahres „Traumtor" (Manuel Neuer) - doch in der ersten Halbzeit waren Özils Pässe nicht angekommen, und bei der größten Chance schoss er Ghanas Tormann an. „Das war bitter für mich und die Mannschaft", bekannte Özil „später habe ich einfach draufgehalten". Tor.

Arne Friedrich war ehrlich genug, zu bekennen, „dass die Angst vor dem ,worst case' da war". Der schlimmste Fall: Ausscheiden, heimfliegen, zuhause ein paar Wochen unsichtbar werden - diese Negativaussicht war ein Hemmnis. Die Mannschaft hat phasenweise einen Halt wie Michael Ballack vermisst „mit seiner Präsenz, der Kopfballstärke und dem Respekt, den der Gegner vor ihm hat" (Friedrich). Doch Tatsache ist auch, dass die junge Mannschaft mit dem Druck irgendwie klargekommen ist. „Es war ja schon das erste K.o.-Spiel", sagt Kapitän Philipp Lahm, „die Erfahrung daraus kann man ins England-Spiel mitnehmen". Joachim Löw drückt es drastischer aus: „Es war wichtig für die junge Mannschaft, durch so ein Stahlbad gegangen zu sein." Vielleicht war er das Erlebnis, das aus einer Mannschaft eine Turnier-Mannschaft macht.

„Befreit aufspielen kann man bei einem Turnier nie", glaubt Löw, „jedes Spiel ist mit Druck behaftet, auch gegen England wird eine Drucksituation vorhanden sein". Dennoch bleibt das Ziel, die Leichtigkeit zurückzugewinnen, die das Spiel gegen Australien (4:0) hatte. „Unser bestes", so Arne Friedrich.

Gestern ist bereits eine Vorhut der britischen Reporterschar im DFB-Quartier aufgetaucht, die Fragen gingen in Richtung Elfmeterschießen, das Deutschland gegen England ja immer gewinnt. „Wir wollen es nicht soweit kommen lassen und eher siegen", sagte Manuel Neuer. Von Co-Trainer Flick wollte man wissen, ob er die Meinung des großen Franz Beckenbauer teile, England sei ins „Kick and Rush" zurückverfallen. Da antwortete Flick („Wir sprechen hier Deutsch") sogar auf Englisch: „No." Eine Antwort wie ein Feuerwerkskracher.

Günter Klein

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