Alfons Hörmann
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Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes.

DOSB-Präsident Hörmann im Merkur-Interview

Gescheiterte Olympia-Bewerbung: "Ein herber Rückschlag"

  • Armin Gibis
    vonArmin Gibis
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München – Trotz des massiven Rückschlags für den deutschen Sport gibt sich DOSB-Präsident Alfons Hörmann kämpferisch. Seine Botschaft hört sich sportlich an: „Jetzt erst recht.“

Das Scheitern der Hamburger Olympia-Bewerbung schien Alfons Hörmann, 55, auch Tage später noch ins Gesicht geschrieben zu sein. Tiefe Furchen durchzogen die hohlwangige, nachdenkliche Miene, als sich der Präsident des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) in München den Fragen unserer Zeitung stellte. Der Allgäuer, seit zwei Jahren im höchsten deutschen Sportfunktionärsamt, machte im Gespräch keinen Hehl daraus, dass die Enttäuschung über den Ausgang des Referendums immer noch anhält. Trotz des massiven Rückschlags für den deutschen Sport gab sich Hörmann kämpferisch. Seine Botschaft hört sich sehr sportlich an: „Jetzt erst recht.“

Herr Hörmann, in einer ersten Stellungnahme zum Ausgang des Hamburger Bürgerentscheids hatten Sie erklärt, das sei ein Schlag in die Magengrube gewesen. Tut’s noch weh?

Alfons Hörmann: Ja, das tut auch noch Tage danach noch weh. Das war schon ein herber Rückschlag für uns alle im Sport, das kann man nicht wegdiskutieren.

Sie haben auch von einer „großen Niederlage“ in Ihrem Leben gesprochen. Inwieweit nehmen Sie das Hamburger Votum denn persönlich?

Alfons Hörmann: So etwas lässt einen nicht kalt. Man hat doch viele Tage der Vorbereitung, des Engagements und unzählige Reisekilometer auf sich genommen. Wenn dann alles umsonst war, macht das natürlich keine Freude.

Hätten Sie – im Nachhinein gesehen – denn etwas in der Kampagne für Olympia in Hamburg anders gemacht?

Alfons Hörmann: Im Rückblick wäre es ein Vorteil gewesen, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Aber das kann man nicht als Fehler bezeichnen, das war terminlich schlicht nicht anders möglich, die Zeitspanne bis zum Referendum war nicht verlängerbar. Wir hatten das nicht in der Hand. Das eigentlich Schockierende ist, dass wir fast bis aufs Zehntel das gleiche Votum erzielt haben wie beim Scheitern der Münchner Olympiapläne. Bei München – das muss man im Rückblick so sagen – ist vieles falsch gelaufen. In Hamburg dagegen funktionierte das Zusammenspiel weitestgehend perfekt – und doch haben wir ebenfalls verloren.

Man hat ja ohnehin eher das Gefühl, dass der Fehlschlag nicht auf die Bemühungen des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) zurückzuführen ist. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass sich in dem Abstimmungsergebnis die allgemeine Krise des Spitzensports widerspiegelt …

Alfons Hörmann: Schwer zu sagen. Das Erstaunliche ist doch, dass wir in allen repräsentativen Forsa-Umfragen vor dem Bürgerentscheid in der Zustimmung in Hamburg immer zwischen 60 und 65 Prozent lagen. Bundesweit waren es sogar 70 bis 80 Prozent für Olympia. Die Forschungsgruppe Wahlen hatte am Abend des Bürgerentscheids immerhin noch ein Ergebnis von 56 Prozent pro Olympia prognostiziert. Da dachten wir alle noch, es geht in eine vernünftige Richtung. Man muss sich nun aber schon die Frage stellen: Wo sind die Prozentpunkte auf der Strecke geblieben? Und da fallen einem auch Themen wie FIFA, DFB oder russischer Dopingskandal ein. Ein wichtiger Punkt war aber sicher auch die offene Finanzierung vor Ort. Es spielte wohl auch die allgemeine Stimmungslage eine Rolle.

Die Funktionärseliten des Sports haben gerade 2015 ein verheerendes Bild abgegeben. Nicht nur Sepp Blatters FIFA, sondern auch der Chef der Königsdisziplin Olympias: Der Präsident des Leichtathletik Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, ist als korrupter Schurke entlarvt worden. Sind Sie nicht der Meinung, dass die hohen Sportfunktionäre ihre Glaubwürdigkeit inzwischen komplett verspielt haben?

Alfons Hörmann: Zunächst ist zu unterscheiden, bei welcher Tätigkeit Diack entlarvt worden ist, nämlich bei seiner Arbeit für die IAAF. Er ist ja vom IOC umgehend suspendiert worden. Die Frage ist nun, wie sein Nachfolger Sebastian Coe und auch andere aus dem Führungszirkel von diesem Skandal betroffen sind. Ich möchte da auch an Helmut Digel (früherer IAAF-Vizepräsident und von 2007 bis 2015 Mitglied des IAAF-Councils/Anm. d. Red.) erinnern. Der sagt uns in Deutschland immer gerne, was wir besser machen könnten. Das ist eher verwunderlich. Schließlich saß er fast zwanzig Jahre lang in der Führung des Leichtathletik-Weltverbandes an der Seite von Diack und hat als Vizepräsident nicht bemerkt, dass sein Präsident mit Gaunermethoden vorgeht. Daran sieht man, wie schwierig solche Dinge von außen zu bewerten sind.

Das waren eher schon Mafiamethoden …

Alfons Hörmann: Zwischen Gauner und Mafiosi ist kein großer Unterschied. Klar ist jedenfalls: Das darf niemals so passieren. Damit hat man natürlich eine große Vertrauenskrise. Das kann man nicht wegdiskutieren. Leider trennen die Leute nicht mehr zwischen FIFA, IOC und Leichtathletik-Weltverband. Das wird alles in einen Topf geworfen. Dass dann zuletzt dieses Szenario auch noch mit dem Skandal um die deutsche WM-Bewerbung garniert wurde, war für uns alles andere als hilfreich. Sonnenklar. Deshalb ist es ja so wichtig, in die Details reinzuschauen.

Es sind ja nicht nur die Korruptionsfälle, die das Image des olympischen Sports schwer beschädigt haben. Vor dem Hintergrund des Manipulationssystems in der russischen Leichtathletik verfestigte sich der Eindruck, dass der olympische Sport keine Mittel findet, um die Dopingseuche in den Griff zu bekommen. Müsste IOC-Präsident Thomas Bach im Anti-Doping-Kampf nicht offensiver vorgehen?

Alfons Hörmann: Das finde ich nicht. Die russische Leichtathletik-Mannschaft ist ja nun konsequent vom Leichtathletik-Weltverband gesperrt worden. Wenn sie ihr System nicht grundlegend ändert, darf sie nicht bei den Olympischen Spielen in Rio starten. Damit wurde im Grunde die sportpolitische Höchststrafe ausgesprochen. Mehr kann ein IOC-Präsident nicht einfordern. Denn er hat es mit autarken Verbänden zu tun, die dafür in aller Konsequenz die Verantwortung tragen.

Bach könnte aber versuchen, sich noch auffälliger, noch vehementer im Anti-Doping-Kampf zu positionieren. Man hat nicht unbedingt den Eindruck, dass wirklich alles getan wird, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen.

Alfons Hörmann: Thomas Bach äußert sich doch zu diesem Thema immer klar und deutlich im Sinne eines konsequenten Anti-Doping-Kampfes. Erst kürzlich hat er vorgeschlagen, die Dopingtests und die Sanktionen von Doping unabhängig von den Verbänden zu machen. Das ist ein wichtiger Schritt.

Als Bach noch DOSB-Präsident war, hat er sich stets gegen ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland gesträubt. Es gibt nicht wenige, die daran zweifeln, dass er der geeignete Mann im Anti-Doping-Kampf ist ...

Alfons Hörmann: Das halte ich für schlichtweg falsch. Die Unterstellung, wer im eigenen Land kein Anti-Doping-Gesetz durchsetzt, der kann auch nicht den Weltsport anführen, ist mir viel zu einfach. Die Realität ist doch die: Deutschland hat seit vielen Jahren den Ruf, im Anti-Doping-Kampf weltweit unter den Top 3 zu sein. Man wird in der Welt des Sports kaum jemanden treffen, der dem widerspricht. Erst kürzlich ist dies von einem Mitglied der WADA-Kommission, die Russland untersucht hat, betont worden. Und warten wir mal ab, bis der erste Fall kommt, der für das inzwischen erlassene deutsche Anti-Doping-Gesetz relevant ist. Da wird es noch große Verwunderungen über die Konsequenzen geben.

Manche Botschaften des IOC scheinen aber – wie das Hamburger Votum zeigt – vor allem bei denen nicht angekommen zu sein, die sich nicht so sehr für Sport interessieren. Sollte man sich da nicht mehr Gedanken machen, diese Bevölkerungsgruppe besser zu erreichen?

Alfons Hörmann: Hundertprozentig. Deswegen war auch mein Fazit: Deutschland und eine Olympiabewerbung scheinen derzeit nicht zusammenzupassen. Daran muss man weiter arbeiten. Und vordringlich ist, dass man das Thema Vertrauen in den Sport in den Griff bekommt. Die Frage müssen wir uns stellen, ob es nicht wichtig ist, noch mehr Zeit, Kraft und Geld in eine bessere öffentliche Wahrnehmung zu stecken.

Ein großer Teil der Bevölkerung verbindet Olympia mit abschreckenden Vorbehalten: mit Doping, Korruption, Gigantismus. Das sind, so könnte man schlussfolgern, alles Resultate der totalen Kommerzialisierung des Spitzensports. Hat Olympia also nun in Deutschland den Preis dafür zu zahlen, dass sich der Sport verkauft hat? Lässt sich der Einfluss des Geldes noch eindämmen?

Alfons Hörmann: Ich will jetzt nichts schönreden. Aber man muss schon auch sehen, dass alle Events – nicht nur im Sport – heutzutage generell immer teurer werden und bezahlt werden müssen, entweder aus Sponsoren- oder Steuergeldern, mehr Optionen gibt es aus meiner Sicht nicht. Ich habe Verständnis dafür, dass man das missbilligt. Aber da muss ich auch hart sagen: Dieses Rad wird man nicht mehr zurückdrehen können. Man darf zudem nicht übersehen: In Hamburg hätten sich die Kosten für den reinen Sportstättenbau auf rund zwei Milliarden belaufen. Der Rest der insgesamt rund 11 Milliarden wäre vor allem in Stadtentwicklung und Infrastruktur geflossen. Es wären mehrere Milliarden an Einnahmen generiert worden, allein das IOC hätte 1,7 Milliarden Dollar beigesteuert. Im Übrigen war das Organisationsbudget von 3,4 Milliarden Euro komplett gedeckt.

Trotzdem hält sich der Vorwurf des Gigantismus. Erst am Sonntag hat Wolfgang Schäuble bei seinem TV-Auftritt bei Günter Jauch im Zusammenhang mit dem Olympia-Aus von Hamburg erklärt, er sei der Meinung, das Übermaß gefährde alles. Deswegen habe er den IOC-Präsidenten Bach darum gebeten, alles dafür zu tun, den Sport in seiner Liebenswürdigkeit zu erhalten …

Alfons Hörmann: Das war kein persönlicher Angriff auf Thomas Bach, sondern es ging eher in die Richtung, dass er auf den Sport aufpassen muss. Das kann man auch mal umdrehen: Wir würden uns auch wünschen, dass auch die Politik wieder liebenswürdiger und so wie früher werde. So ein Ratschlag wie der von Schäuble hört sich zwar gut an, aber ich frage mich schon: Was bedeutet das überhaupt? Genau für die Olympischen und Paralympischen Spiele hat Bach hat doch seine Reformagenda 2020 durchgesetzt: Mit begrenzter Athletenzahl, begrenzter Wettbewerbszahl ecetera. Das hat doch alles zum Ziel, dass die Entwicklung nach oben gestoppt wird. Diese erfolgreichen Anstrengungen von Bach kann man doch wirklich nicht infrage stellen.

Zurück zum Hamburger Referendum. Sie haben auf Rückenwind für den deutschen Sport gehofft, jetzt haben Sie Gegenwind. Was tun?

Alfons Hörmann:  Wir müssen mit noch mehr Kraftaufwand, Zielstrebigkeit und Engagement agieren. Nur so erreichen wir neue Ziele.

Das Olympia-Aus ist ja auch eine Ohrfeige für den Spitzensport. So eine Ablehnung könnte sich auf den ganzen Nachwuchs demotivierend auswirken ...

Alfons Hörmann: Ich würde nicht sagen, dass es sich hier um eine Ablehnung des Spitzensports handelt. Für mich spricht aus dem Votum mehr die Ablehnung einzelner Auswüchse und negativer Seiten. Spätestens wenn die nächsten sportlichen Großereignisse anstehen, wird man auch wieder begeistert hinter unseren deutschen Sportlern stehen. Ich gebe Ihnen aber insofern Recht: Den Rückenwind hätten wir für die Motivation junger Menschen gebraucht. Da werden uns einige Effekte wegfallen, da müssen wir uns somit noch stärker einsetzen. Nach dem Hamburger Aus bleibt uns nichts anderes übrig, als Plan B zu ziehen.

Und wie schaut der aus?

Alfons Hörmann: Den müssen und werden wir nun zeitnah erstellen. Wir haben im Hinblick auf die Hamburger Entscheidung konsequent auf den Erfolg hingearbeitet – und somit logischerweise kein Niederlagenszenario vorbereitet. Ein Athlet, der Gold gewinnen will, überlegt sich vorher auch nicht: Was mach’ ich denn, wenn ich nur Vierter werde.

Der Rückenwind ist ausgeblieben, der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere will aber mehr Medaillen sehen. Für die Spiele 2016 in Rio erwartet er sich ein Plus von 30 Prozent. Und das bei gleichbleibender finanzieller Unterstützung seitens des Bundes. Ist das machbar? 

Alfons Hörmann:  Wir streben mit dem DOSB ja nicht umsonst eine Leistungssportreform an. Und da sind wir in den kommenden Monaten in intensivem Austausch mit de Maiziere und seinem Team. Wir werden uns darüber unterhalten müssen, welche Rahmenbedingungen in welcher Sportart für welchen Erfolg notwendig sind. Und da heißt es vor allem auch zu klären, welche finanziellen Mittel dafür notwendig sind. Allein plakativ Ziele zu formulieren, reicht nicht. Wir sind ja einer Meinung mit dem Innenminister, dass es wichtig wäre, den deutlich erkennbaren Abwärtstrend der letzten zwei Jahrzehnte zu stoppen und ihn im Idealfall umzukehren. Aber dann müssen auch die Weichen so gestellt werden, dass solche Zielvorstellungen realisierbar sein werden. Es geht dabei zum einen um Geld. Es stellt sich aber auch die Frage: Wer steuert eigentlich den Leistungssport? Und dann muss man auch die Strukturen des deutschen Sports hinterfragen. Sie kommen zum Teil noch aus der Zeit der Olympischen Spiele 1972 in München.

De Maiziere meint, es werde zu wenig aus den vorhandenen Mitteln gemacht. Es müssten mehr Erfolge drin sein ... 

Alfons Hörmann: Ich halte das für fragwürdig. Wenn das Innenministerium konkrete Vorschläge hat, wie man es besser machen kann, sind wir vom DOSB gemeinsam mit den Fachverbänden die Letzten, die demgegenüber nicht offen wären. Das wäre der ideale Schlüssel.

An diesem Wochenende steht die Mitgliederversammlung des DOSB an. Neben der Aufarbeitung des Hamburger Scheiterns wird die Leistungssportreform das zweite Kernthema sein. Wie schätzen Sie denn die aktuelle Stimmung in Ihren Fachverbänden ein, herrscht nicht großer Frust nach der verpassten Olympia-Chance?

Alfons Hörmann: Ich würde die Stimmung so beschreiben: Jetzt erst recht. Das Hamburger Abstimmungsergebnis ist zwar so ausgefallen, wie wir es nie wollten. Aber wir haben auch immer gesagt: Die Leistungssportreform muss kommen – so oder so. Somit werden wir diesen Prozess jetzt professionell und zielstrebig weiterführen. Den Kopf in den Sand zu stecken, führt uns sicher nicht weiter.

Das Interview führte Armin Gibis

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