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Draußen Feier, drinnen Diskussion

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- Dax - Im Studiowagen der France Télévision in Dax hatte sich nach dem Rennen eine national geschlossene Runde eingestellt: 1 deutscher Moderator, 7 deutsche Diskussionsteilnehmer, 20 deutsche Journalisten auf den Zuschauerrängen. Und bei dem mit deutscher Gründlichkeit angegangenen Thema handelte es sich um die internationale Schicksalsfrage: "Ist der Radsport noch zu retten?"

Gastgeber war die ARD, und natürlich folgte der Sender dabei auch einer gewissen Pflichtschuldigkeit. Schließlich zierte die "1" des Ersten jahrelang das Telekom-Trikot. Das Sponsorentum war als Distanzlosigkeit ausgelegt worden, kritische Stimmen warfen der ARD vor, das Thema Doping bewusst auszuklammern. Nun aber schlug Diskussionsleiter Michael Antwerpes gleich einen sehr scharfen Ton an.

Zur Einstimmung trug er die Grundthese vor: "Radsport und Doping gehören zusammen wie Reifen und Felge." Ein Befund, dem während der 45 Minuten (heute ab 10.30 Uhr in der ARD) - erwartungsgemäß - nicht widersprochen wurde. Hans-Michael Holczer, Chef des Team Gerolsteiner: "Der Radsport befindet sich in der vielleicht größten Krise, in der er je war." Höchste Zeit zur Umkehr. Holczer: "Wenn wir diese Chance verpassen, dann war es die letzte."

Nur, was tun? Jens Voigt, Sprecher der internationalen Fahrer-Gewerkschaft, wies auf die Verantwortung jedes einzelnen Sportlers hin. Es gebe "ein kleines Wort", um sich etwaigen Versuchungen zu entziehen, sagte er, und das heiße: nein. Das Problem, das weiß auch Voigt, ist nur, dass es zu wenig entsprechende Neinsager gibt in der Velo-Szene: "Das Bett, in das wir uns legen, haben wir uns selbst gemacht", so Voigt.

Sein dänischer CSC-Rennstall war ja durch die Suspendierung des Kapitäns Ivan Basso besonders ins Gerede gekommen. Ob er denn gar nichts mitbekommen habe von den Praktiken des Italieners, ist Voigt somit gefragt worden. Der Berliner verneinte, dafür habe er Basso zu selten gesehen in dieser Saison. Ein Urteil könne er sich nur über seinen Zimmerkollegen Bobby Julich erlauben: "Für den lege ich nicht nur meine Hand ins Feuer - für den würde ich sogar durchs Feuer gehen."

Solche Bekenntnisse sind derzeit sicher die Ausnahme. Silvia Schenk, frühere Präsidentin des Bund Deutscher-Radfahrer (BDR) und Ex-Repräsentantin im Weltverband UCI, wies hierbei auf persönliche Erfahrungen auf allerhöchster Ebene hin: "Die Bereitschaft, einer Sache bis zum Ende nachzugehen, ist nicht so richtig kultiviert." Das war auch einer eingespielten Stellungnahme des UCI-Präsidenten Pat McQuaid zu entnehmen.

Der höchste Radsport-Funktionär erklärte, vom jüngsten Skandal seien ja nur relativ wenige Fahrer betroffen; von einer Radsport-Krise möchte er somit nicht sprechen. Eine Aussage, die im TV-Studio von Dax allgemeines Unverständnis hervorrief.

Christian Frommert, Leiter der Sportkommunikation von T-Mobile, bewertete die Situation mit weitaus mehr Besorgnis. Er wies auf die "kriminellen Doping-Netzwerke" hin, die mit anderen Netzwerken bekämpft werden müssten. Der Sponsor T-Mobile sei auch bereit, in solche Schutzmaßnahmen zu investieren.

Einen Wink mit dem Zaunpfahl gab Fritz Raff, Intendant des Saarländischen Rundfunks. Die ARD, so betonte er, erwarte, dass bei der Doping-Bekämpfung "bis zum nächsten Jahr sichtbare Erfolge da sind". Denn eines müsse den Radteams klar sein: "Wenn wir die Kameras nicht mehr aufstellen, dann sind auch die Sponsoren weg." Mehr ins Grundsätzliche ging die Schlussbemerkung von Gerolsteiner-Chef Holczer: "Kritisches Bewusstsein ist unerlässlich, um in diesem Sport zu überleben."

Schon bald danach öffneten sich die Pforten des Studio-Wagens wieder, und wer sich daraufhin den Radsport im Lichte der 93. Tour de France besah, konnte nur wenig von der zuvor so intensiv besprochenen Skandal-Stimmung wahrnehmen. Stattdessen herrschte der übliche Party-Trubel. Stürmisch gefeiert wurde in Dax ein Star-Gast aus der Toscana: Mario Cipollini, der frühere Sprinter-König, nahm die Huldigungen lässig lächelnd entgegen. Ein Rock-Konzert rundete das Volksfest in der Gascogne ab.

Von Sportbetrug, Blutbeuteln oder Dr. Fuentes redet in Frankreich mittlerweile kaum noch jemand. Die französischen Medien behandeln die spanische Affäre und ihre Folgen allerhöchstens als Randthema. Die kritischen Geister im Tour-Land waren am Dienstagabend auf die rund 50 Quadratmeter im mobilen Studio der ARD komprimiert. Kein Zweifel: Nach dem Ausschluss von Jan Ullrich ist Doping ein sehr deutsches Thema geworden. Doch wer den Radsport retten will, muss sich darüber im klaren sein, dass die Deutschen allein das sicher nicht schaffen werden.

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