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Beim Thema Stehplatz wird‘s emotional: Münchner Eishockey-Fans protestieren gegen einen 60-Prozent-Aufschlag bei Augsburg.

Mysterium Eintrittspreis: Was darf Sport kosten?

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Das erstaunt die Leute immer wieder: Zu einem Eishockeyspiel zu gehen ist teurer als ein Besuch beim Spitzenspiel in der Fußball-Bundesliga. Wie kann das sein, wo die Fußball-Gehälter, die finanziert werden müssen, doch viel höher sind? Warum kann man am Hockenheimring die DTM zum Schleuderpreis sehen und muss für die Formel 1 ein Vielfaches löhnen? Und was wird man in Zukunft bezahlen müssen, um Sport live vor Ort erleben zu können?

Die aus München angereisten Damen und Herren waren hochgradig empört. Und entschlossen, ihrer Verärgerung Ausdruck zu verleihen. Als das Eishockey-Playoff-Spiel zwischen den Augsburger Panthern und dem EHC München losging, hielten sie DIN-A4-Blätter in die Höhe. Um den Wucher Augsburgs anzuprangern: „33 Euro für ’nen Steher.“ Steher heißt Stehplatz, die billigste Kategorie in jedem Stadion (und sogar in manchen Theatern). Auf 33 Euro hatten die Panther den Preis hinauf geschraubt. In der normalen Saison hatte der Eintritt 19 Euro betragen, im Viertelfinale gegen Düsseldorf (auch da kam es zu Protesten) 27 Euro, in der nächsten Runde 33. Binnen weniger Wochen eine Preissteigerung um 60 Prozent.

Lothar Sigl, der Hauptgesellschafter des Augsburger Eishockey-Clubs, fühlte sich dennoch nicht als Ausbeuter. Seine Argumentation: „Wir haben eben keinen Millionensponsor und können daher keine subventionierten Tickets anbieten.“ Außerdem: „In Augsburg ist die Preiserhöhung kein großes Thema.“ Zwar boykottierten Fans aus Düsseldorf und München zu großen Teilen die Spiele bei den Augsburgern, doch die hatten keinerlei Probleme, ihr Eisstadion (6139 Plätze) aus dem eigenen Kunden-Potenzial verlässlich auszuverkaufen. Einkünfte maximiert und betriebswirtschaftlich also alles richtig gemacht.

Aber es sind halt auch viele Leute erschrocken: So teuer ist es, zu einem Eishockeyspiel zu gehen? Für weniger als 33 Euro könnte man so manches andere kriegen. Etwa:

Die legendäre Ski-Weltcup-Abfahrt auf der Streif. Der Eintritt in den allgemeinen Zuschauerraum betrug heuer in Kitzbühel 20 Euro.

Stehplatz bei einem Bundesligaspiel des FC Bayern: 15 Euro (und der günstigste Sitzplatz mit 35 nur unwesentlich über Augsburger Eishockey-Steher-Niveau).

Neujahrsskispringen in Garmisch-Partenkirchen: zuletzt 23 Euro.

Leichtathletik-EM 2018 in Berlin: 15 Euro für einen kompletten Vormittag (die Abend-Session 35).

Und man kann großen Sport hautnah sogar umsonst erleben: Beim Triathlon in Roth etwa, wo die Zuschauer mit dem Shuttle sogar noch von einem Strecken-Highlight zum nächsten kutschiert werden, oder bei einem der großen City-Marathons. Es ist möglich, bei einem Weltrekord am Straßenrand zu stehen.

Professor Christoph Breuer nähert sich dem Thema, was Sport für den Zuschauer kostet, wissenschaftlich, er leitet das Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Sporthochschule Köln. Er sagt: „Eine Sportorganisation spielt auf mehreren Märkten: dem für Medien, für Merchandising, Ticketing, Sponsoring.“ Dass die Eintrittspreise beim Eishockey höher sein müssen als die im Fußball. erkläre sich trotz geringerer Gesamtkosten im Eishockey dadurch, dass die Erlöse der Puckjäger aus dem Verkauf von Medienrechten und dem Sponsoring viel geringer sind. Den Augsburger Playoff-Ansatz hält er daher für „nachvollziehbar“´– aber nur „in ganz seltenen Fällen“.

Was darf ein Stehplatz kosten? Es ist im deutschen Sport das emotionalste Fan-Thema. Es gab im Fußball die Initiative „Kein Zwanni fürn Steher“, im Bestreben, der Kommerzialisierung des Volkssports Fußball Einhalt zu gebieten, haben sich sogar rivalisierende Fanszenen zusammengeschlossen.

Dabei verfolgt der Fußball in Deutschland, so Professor Breuer, eine Philosophie, die sich vom „betriebswirtschaftlichen Lehrbuch“ absetzt: „Es geht nicht um die Maximierung der Möglichkeiten, sondern darum, die Preise auf einem moderaten Niveau zu halten, um die Nähe zu den Fans nicht zu gefährden.“ Dafür wird auch eine Preisdiskriminierung in Kauf genommen: Teure Pakete in den VIP-Logen versus den Stehplatz-Dauerkartenpreis, den beim FC Bayern Uli Hoeneß in der legendären Jahreshauptversammlung von 2008 auf das Einzelspiel herunterrechnete: 7 Euro. Aktuell käme, wer alle Spiele besucht, auf 8,23 Euro.

In der englischen Premier League, so Breuer, sind die Eintrittspreise dreimal so hoch wie in der Bundesliga.

Keine Proteste sind zu vernehmen, wenn im Motorsport die Preise in den dreistelligen Bereich gehen. Wenn am Hockenheimring Anfang Mai die DTM gastieren wird, ist man für 37 Euro dabei, beide Renntage (Samstag/Sonntag) gibt es im Paket für 47 Euro – Schnäppchenpreise. Die Formel 1 kostet auf denselben Tribünenplätzen zwischen 259 und 469 Euro.

„Der Event-Charakter spielt eine große Rolle“, sagt Christoph Breuer. Wichtig ist auch, dass es einen Referenzpreis gibt: Hat es immer schon viel gekostet, bei einem bestimmten Sportereignis dabeisein zu können, wird dies auch in der Folge akzeptiert. Breuer: „Eine Preiserhöhung von 200 auf 210 Euro würde angenommen, nicht aber eine von 15 auf 25.“

Was im Sport zum Thema werden könnte: „Dynamic Pricing“, ein Modell, das in den vier großen amerikanischen Profiligen (Basketball, Football, Baseball, Eishockey) von etlichen Franchises praktiziert wird; eingeführt hatten es vor zehn Jahren die San Francisco Giants (Baseball). Das Prinzip kennt man hierzulande von der Buchung eines Flugs oder einer Urlaubsreise: Die Preise variieren ständig. Es wird teurer, je später man sich entscheidet und hängt davon ab, was an Plätzen noch verfügbar ist.

Das Modell hat Christoph Kemper, an der Sporthochschule Köln Doktorand bei Professor Christoph Breuer, für Bayern München und den Fußball einmal durchgespielt. Der Rekordmeister hat eine klare Preisstruktur, die Sitzplätze kosten je nach Lage 70, 60, 45 oder 35 Euro, der Stehplatz, grundsätzlich hinter den Toren, 15. Jedoch, so das Ergebnis der Kölner Studie, wären die Interessenten ein Ticket bis zu 224 Prozent mehr wert. Unterm Strich könnte der FC Bayern auf Mehrerlöse von zehn bis zwölf Prozent aus dem Ticketverkauf kommen. Das Modell böte sich vor DFB-Pokal und K.o.-Runden-Spielen der Champions League an, die eine viel kürzere Verkaufsvorlaufzeit haben als die lange zuvor bekannten Bundesligapartien.

In Europa sind einige Skigebiete dabei, bei ihren Tageskarten auf das Prinzip des Dynamic Pricing umzustellen (Vorreiter: Flims – Laax in der Schweiz), der Fußball-Bundesliga und den Bayern ist der Gedanke daran noch fern. Sport soll erschwinglich bleiben. Auch Dachverbände wie FIFA und UEFA wollen das Rad nicht überdrehen. Es muss wenigstens eine Preiskategorie geben, die der Normal-Fan sich leisten kann. Auch bei einem großen Finale.

Im American Football ist das nicht mehr der Fall. Beim Super Bowl kam man 2019, als die Teilnahme der populären New England Patriots feststand, nicht unter umgerechnet 3350 Euro rein in Atlanta.

„Klassische ökonomische Maximierung“, urteilt Professor Breuer, „der Preis wird so hoch gelegt, dass es für 60 000 Plätze 60 000 Anfragen gibt.“

Was da in Deutschland los wäre.

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