Europacup 3000 - Regionalliga 90 000

- München - Ausverkauft. Das kann heißen: 80 000 Zuschauer sind gekommen oder 73 000, manchmal auch 69 000, 63 000, 59 000. Das Münchner Olympiastadion hat sich in seinen 34 Lebensjahren ja nicht großartig verändert - dennoch gab es Schwankungen im Fassungsvermögen. 80 000 Leute waren 1971 da, beim ersten Länderspiel, beim 4:0 gegen Russland. 80 000 - das war die erste Fixzahl, die im Laufe der Jahre stetig nach unten ging. "Die Sicherheitsbestimmungen", sagt Bayern-Manager Uli Hoeneß, "sind strenger geworden, vor allem die Heysel-Tragödie war ein Einschnitt". Beim Europacup-Finale im Brüsseler Heysel-Stadion (Juventus Turin - FC Liverpool) waren 200 Menschen zu Tode gekommen, das war 1985.

Für die internationalen Verbände ein Weckruf. Sie gingen über, bei Spielen, die unter ihrer Verantwortung standen, die Stehplätze abzuschaffen, weil von ihnen am ehesten Aggression und Panik ausgingen. Bei Länder- und Europacup-Partien sind heute praktisch ausschließlich Sitzplätze zugelassen, und sogar die legendäre Münchner Südkurve muss dann immer umgerüstet werden. Dabei geht Kapazität verloren. "Es funktioniert nicht, aus einem Stehplatz einen Sitzplatz zu machen", erläutert Uli Hoeneß die Ungleichung. Die aktuellen Besucherdaten für das Olympiastadion sind darum: 69 000 - wenn man die unteren Plätze mit eingeschränkter Sicht mitverkauft, was zuletzt bei den Münchner Derbys der Fall war. 63 000 - das Bundesliga-Höchstmaß. 59 000 Karten kann der FC Bayern verkaufen, wenn er Champions League spielt. In der Südkurve stehen die Fans demonstrativ vor den Sitzen.

Man würde meinen, 80 000 Zuschauer seien der Besucherrekord gewesen, und dass ihn die Nationalmannschaft oder der FC Bayern an einem seiner glorreichen europäischen Abende halten würde. Doch die Bestmarke hält der zweite Nutzer des Olympiastadions, der TSV 1860 - und es geschah in einem Regionalligaspiel, dass ein Hausrekord für die Ewigkeit aufgestellt wurde.

Es war am 15. August 1973. Himmelfahrt, Feiertag, Sommer, die Saison frisch. Der TSV 1860 erwartete den FC Augsburg, der aus der Bayernliga aufgestiegen war in die Regionalliga Süd. Die Saison 73/74 sollte die letzte der Regionalligen werden, die fünf Gruppen danach aufgehen in einer zweigeteilten 2. Liga, basierend auf einer Bewertung der letzten fünf Jahre. Augsburg, der Neuling, hatte im Grunde keine Chance, diese Kriterien zu erfüllen, aber er brachte den Italien-Heimkehrer Helmut Haller mit und die Euphorie aus einem feurigen 6:2-Startsieg gegen Heilbronn. Die Löwen-Führung rechnete sich eine schöne Kulisse aus und ließ vorsichtshalber 50 000 Tickets drucken, die Plätze auf der Gegengeraden nicht nummeriert.

Die Neugier auf Haller, die Fans aus Augsburg, die Attraktion Olympiastadion, die Feiertags- und Ferienkonstellation an diesem Mittwoch, das Sommergefühl - es kamen viele Faktoren zusammen. Das Stadion war ausverkauft - und als das Spiel begann, standen draußen noch geschätzt 15 000 bis 20 000 Leute ohne Karten. In der dritten Minute hörten sie den 1860 geltenden Torschrei, und nun hielt die Meute nichts mehr auf. Zäune wurden überklettert, das Stadion gestürmt. Eine offizielle Zahl gab es nie, doch an die 90 000 sollen sich letztlich im Olympiastadion aufgehalten haben. Das Chaos, das dabei entstand, wurde bundesweites Seite-1-Thema. Der Polizeibericht vermerkte einen Sachschaden von 10 000 Mark und 137 Verletzte - es gab Knochenbrüche, Prellungen, Quetschungen, Hautabschürfungen, Gehirnerschütterungen, sogar einen Herzinfarkt. Das Spiel übrigens endete 1:1.

Den Bayern war die Top-Marke im Olympiastadion ein für allemal genommen. Dafür, um die Kuriosität noch zu steigern, verbuchte der Rekordmeister die trostlosesten Momente unterm Zeltdach für sich. Im DFB-Pokal, der früher noch mit Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde: 3000 gegen Barmbek-Uhlenhorst (20. Dezember 1972) und den SV Neckargerach (9. Oktober 1981), 3000 im Uefa-Cup gegen Aarhus GF aus Dänemark am 7. November 1979, 5000 als Tiefpunkt des Pokalsieger-Europacups (am 19. 9. 1984 gegen FK Moss aus Norwegen), 8000 gegen Jeunesse Esch (Luxemburg) am 1. Oktober 1975 im Wettbewerb der Landesmeister. Uli Hoeneß sagt immer, das Olympiastadion sei wunderschön bis in den Herbst hinein, "doch von Dezember bis April haben wir grauen Alltag". Stimmt nicht: Die Mehrzahl der Spiele mit unter 10 000 Besuchern entfielen auf die Zeit Ende September/Anfang Oktober. Vom Olympiastadion-Tourismus profitierte der FC Bayern auch nach dem Einzug nicht immer. Zur Europacup-Begegnung gegen Skoda Pilsen am 29. September 1971 fanden sich lediglich 6000 Interessenten ein.

Der TSV 1860 hat sich um drohende Minuskulissen geschicht gedrückt. Zu UI-Cup-Terminen wie gegen FK Sartid Smederewo, RKC Waalwijk und Bate Borisow wichen die Löwen nach Augsburg oder ins Grünwalder Stadion aus.

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