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Eine Karriere, über der sich absehbar was zusammenbraute: Lance Armstrong, größter gefallener Superstar des Sports.

Skandal in der Nachbetrachtung

Der Fall Armstrong: Wie konnte das so lange gut gehen?

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Die Welt des Sports erlebt in diesen Tagen wieder aufsehenerregende Doping-Enthüllungen. Da reisen die Gedanken in die Vergangenheit. Vor zwanzig Jahren begann die Sportgeschichte, die als eine der größten aller Zeiten wahrgenommen wurde: die des Lance Armstrong – vom Krebspatienten zum Sieger der Tour de France. Dass der Amerikaner als Betrüger entlarvt wurde, ist bekannt. Fast noch interessanter als der juristische Fall Armstrong ist, mit welcher Methodik es dem Radstar und dem System, das ihn umgab, gelang, die Wahrheit über Jahre zu vertuschen. Jürgen Kalwa, deutscher Korrespondent in den USA, hat für ein (Hör-)Buch vor allem die mafiösen Strukturen des Sports und die Rolle der Medien beleuchtet.

Juristisch ist die Sache abgeschlossen, Lance Armstrong hat bezahlen müssen. Von 100 Millionen US-Dollar sprach er im Jahr 2012 gegenüber einem Freund, seitdem sind 20 Millionen US-Dollar an Entschädigungen dazugekommen, die er leisten musste, und 15 Millionen kosteten ihn die Dienste seiner Anwälte. Aber: Es hätte schlimmer kommen können, US Postal, die amerikanische Post, früher der große Sponsor von Armstrong, hatte ja allein 100 Millionen haben wollen.

Neulich war zu lesen, dass Armstrong frühzeitig und vorausschauend in den Fahrdienst Uber investiert hat, dessen Aktien stark stiegen – es wird also schon was hängen geblieben sein. Auf 218 Millionen – ohne Uber – schätzte das Magazin „Forbes“ die Gesamteinkünfte seiner Karriere.

Die Strafe, mit der er leben muss, ist die in „sozialer Währung. Lance Armstrong lebt – entzaubert, entheiligt, entehrt – wie ein moderner Aussätziger in einem Rest von Reichtum mit seinen zwei Häusern in Austin in Texas und Aspen in Colorado“. So schreibt es Jürgen Kalwa in „Nichts als die Wahrheit. Der Fall Lance Armstrong und die Aufarbeitung eines der größten Betrugsskandale in der Geschichte des Sports“.

Kalwa, 66, erzählt, dass er mit Rennradfahren angefangen hat, die Arbeit an seinem Buchprojekt hat ihn dazu animiert. In der Tat hat Armstrong viele Menschen in den Sattel gebracht (Gleiches lässt sich über Jan Ullrich auf dem deutschen Markt sagen) und – auch diese Argumentation war immer vernehmbar – Millionen Krebskranken Hoffnung verliehen und vielen vielleicht das Leben gerettet. Doch Jürgen Kalwa radelt, ohne dass er sich Vorbilder nehmen müsste – die hat er als kritischer Journalist eh immer hinterfragt. Spätestens 1999, als bei der Tour de France der Sieger erstmals einen Schnitt über 40 km/h fuhr: Lance Armstrong.

Kalwa war nie radsportaffin, nie bei der Tour. Am Fall Armstrong interessierte ihn die Systematik, mit der ein offensichtliches Vergehen vertuscht wird.

Was Armstrong geschützt hat, war sein Image, das er vor zwanzig Jahren schuf. Kalwa zitiert den Autor Michael Specter, der 2013 über Armstrong im Magazin „The New Yorker“ schrieb: Lance Armstrong war kein Mensch, sondern eine Idee. Er war die kleine Maschine, hart rangenommen von einer Krankheit und dann von den Gegnern unbarmherzig attackiert, die weitermachte, den Hass an sich abprallen ließ und über allem stand.“

Trotz Greg LeMond, der die Tour in den 80er-Jahren als erster Amerikaner gewann, berührte die Frankreich-Rundfahrt seine Landsleute lange nicht. Sie kam erst durch Armstrong auf die Karte des US-Sports. Der Beginn der Mythologisierung. Eine Geschichte, wie die Amerikaner sie lieben.

Wer eine Krebsdiagnose bekommt, wird nicht nüchtern feststellen, dass er jetzt zur Therapie geht. Nein, er gehe in eine Schlacht. Den Krebs zu besiegen, ist eine Frage des Willens und der Energie – folglich: Wer stirbt, hat nicht genug gekämpft. Armstrong sagte, der Krebs habe sich den Falschen ausgesucht: ihn. Er werde ihm „die Beine ausreißen“. Ja, Armstrong besiegte den Krebs – allerdings waren die Heilungschancen gut gewesen. Kalwa: „Er hatte nicht härter gekämpft als Millionen andere Krebskranke.“

Gedopt hatte Armstrong seit 1995, ein Jahr vor dem Krebs. Viele wussten Bescheid oder hatten den Verdacht, es erschienen Armstrong-kritische Bücher und Filme. Dennoch geschah nichts. Warum?

Floyd Landis, langjähriger Freund und Teamgefährte, später der Mann, der die entscheidenden Aussagen tätigte, die das System zum Einsturz brachten, sagte zu Buchautor Jürgen Kalwa: „Eine so attraktive Geschichte entwickelt immer ihre eigene Dynamik. Die Person im Zentrum der Geschichte muss gar nicht besonders schlau sein, um sie am Laufen zu halten. Die Medien selbst wollen, dass diese Geschichte weitergeht.“ Journalisten begegnete Armstrong mit teils demonstrativer Offenheit wie Juliet Macur von der „New York Times“, die er öfter zu sich nach Hause einlud, manche kritische Reporter ließ er durch seinen Anwalt Bill Stapleton unter Druck setzen: Klagedrohung – oder Zugang zu Lance bei gewogener Berichterstattung. Mit Klagen war Armstrong vorsichtig. Wenn er wusste, dass sie nichts bringen würden, sagte er generös, er wolle der Geschichte keine Aufmerksamkeit schenken; die verdiene sie nicht.

Viele Leute lebten von Armstrong: Journalisten, Teamgefährten und deren Familien, Ärzte (eine Million jährlich ging an „Dottore EPO“ Michele Ferrari), Dopingboten (der „Motoman“ brachte auf Rundfahrten mit dem Motorrad das EPO und Testosteron zum nächsten Etappenort). Ein Großsponsor wie Nike hielt zu Armstrong, weil die Geschichte ja auch in diesem Aspekt passte: der Kämpfer gegen Anfeindungen. Der Radsport-Weltverband UCI hatte nach dem Festina-Skandal von 1998 kein Interesse an weiteren negativen Figuren. Präsident Verbruggen ließ sich darauf ein, einen positiven Armstrong-Test von 1999 (auf Kortison) zu vertuschen. Thomas Weisel, der Mann hinter Armstrongs Rennställen, war Verbruggens Vermögensverwalter.

Armstrongs PR war geschickt. Bei seinem Comeback 2008 ließ er sich vom Pharmakologen Don Catlin begleiten, einem profilierten Dopingfahnder. Dass die Zusammenarbeit nach fünf Monaten und ohne eine Dopingprobe endete, wurde nicht groß kommuniziert.

In Armstrongs Geständnis von 2013 bei Talk-Queen Oprah Winfrey kann man Taktik erkennen: die Reumütigkeit als Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt. Über einen Podcast meldet er sich nun regelmäßig in der Öffentlichkeit. David Walsh, der Investigativ-Journalist, der das Buch „L.A. Confidentiel“ schrieb, die Aufklärungsarbeit ins Rollen brachte, meinte, Armstrong verfolge noch ein viel größeres Ziel als eines im Sport.

Er wolle einmal Präsident der USA werden.

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