Die Fans weinen mit Federer

- Melbourne - Die Haare klatschnass, das Hemd völlig verschwitzt, mit beiden Händen Halt suchend am Netz - so hat man Roger Federer noch nach keinem seiner großen Titel gesehen. Und was ihn der Sieg gegen Marcos Baghdatis (5:7, 7:5, 6:0, 6:2) gekostet hatte, überhaupt das ganze Turnier, das sah man eine Viertelstunde später auf dem Podium. Als er mit dem Pokal in den Händen die übliche kleine Rede halten wollte, war er so überwältigt, dass er zuerst keine Worte fand. Mit Mühe presste er ein paar heraus, ("ich hoffe, ihr wisst, wieviel mir das bedeutet"), doch dann erstickten Tränen seine Stimme. Es kamen immer mehr, und am Ende fielen sie fast in den großen Pokal. Rod Laver, der ihm die Trophäe überreicht hatte, Marcos Baghdatis, 15 000 Leute in der Arena und 3000 draußen auf der großen Wiese sahen zu, und weil es so schön war, heulten viele gleich mit.

Es war sein siebter Titel in einem Grand-Slam-Turnier, aber um keinen hat er während der Dauer von zwei Wochen je so kämpfen müssen. Schon der Sieg in Runde drei gegen Max Mirnyi hatte ihn Kraft gekostet, erst recht die Spiele danach gegen Tommy Haas und Nikolai Dawidenko, und auch das Halbfinale gegen Nicolas Kiefer hatte seine kniffligen Momente. Und erst recht dieses Finale.

Zwei Sätze lang spielte Marcos Baghdatis wie ein Riese. Nicht er wirkte nervös, sondern Federer, der Favorit. Und Federers Unruhe steigerte sich zu Beginn des zweiten Satzes auf eine zuvor selten gesehene Art; in seinen Augen war ein Hauch von Panik zu erkennen. Hätte Baghdatis einen seiner beiden Chancen zum Break beim Stand von 2:0 genutzt, es wäre verdammt eng für Federer geworden. Doch der wehrte zweimal ab, glich zum 2:2 aus und erzwang den Gewinn dieses Satzes. Damit war es dann auch um den Zyprioten so gut wie geschehen. Baghdatis ging die Puste aus. Er litt unter Wadenkrämpfen, verlor elf Spiele in Folge, ehe er sich wieder fing. Bis zum Schluss gab er alles, und es war auch diesmal eine Freude, ihn spielen zu sehen.

Das Finale der Australian Open 2006 endete nach zwei Stunden und 46 Minuten, und dann wurde - siehe oben - erstmal geweint. Federer tat es auf dem Podium, Baghdatis fiel in den Katakomben nacheinander einem seiner Brüder, einem Cousin, dem Coach und Freuden gerührt um den Hals. Dass der so leidenschaftlich spielende Mann von der Insel für die Welt des Tennis eine Bereicherung ist, ist keine Frage mehr. Auch Federer lobte: "Er hat mich beeindruckt mit der Art, wie er gespielt hat und was er hier geschafft hat. Was für eine tolle Geschichte."

Aber seine eigene ist ja auch nicht so schlecht. Der Sieg in Melbourne war der dritte nacheinander bei einem Grand-Slam-Turnier. Drei Titel in Folge hat als letzter Pete Sampras zwischen Wimbledon 1993 und den Australian Open 1994 gewonnen. Manchmal sei es fast Furcht einflößend, wie ähnlich seine Karriere der von Sampras sei, sagt Federer. "Aber er ist der Glückliche, der schon alles geschafft hat, ich muss es noch tun."

Und mit dem siebten Titel im siebten Finale hat er nun auch die Idole seiner Jugend überholt, Boris Becker und Stefan Edberg, die jeweils sechs gewonnen hatten. "Das bedeutet mir eine Menge", sagt er, "aber sie bleiben meine Helden."

So ist das, seine Liebe zu diesem Sport ist tief und echt, und wenn er neben einem Mann wie Rod Laver stehen darf, der ihn wie einen Sohn umarmt, dann ist es schnell um seine Fassung geschehen. Laver, inzwischen 67 Jahre alt, hat Federer noch nicht allzu oft live spielen sehen, aber diesmal war der kleine, große Mann in jener Arena dabei, die seinen Namen trägt.

Vor dem Finale hatte Laver gesagt, es sei eine Ehre für den Tennissport, dass es Roger Federer gebe. Zum Glück hat der das nicht gehört.

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