Federer spielt mit Agassi

- Melbourne - Es war nur ein Satz in einer längeren Beschreibung, aber darin lag die Quintessenz aller Erkenntnisse. Beim Versuch, die Fähigkeiten der Großen der Vergangenheit mit denen Roger Federers von heute zu vergleichen, kapitulierte Andre Agassi und beließ es bei der fast sentimental klingenden Beschreibung: "Er spielt einfach wunderschön."

Das ist nicht neu, aber gewisse Dinge kann man nicht oft genug wiederholen. In der Dämmerung eines brütend heißen Tages gewann Federer das mit Spannung erwartete Viertelfinale der Australian Open gegen Agassi 6:3, 6:4, 6:3, und wieder ließ er danach staunende Menschen zurück.

Keiner hat in den letzten fünf Jahren so viele Spiele und Titel in der Rod Laver Arena gewonnen wie Andre Agassi, und keiner außer den Australiern hat im Publikum so viele Fans wie er. Als Federer den Ball zum ersten Aufschlag in die Luft warf, wurde die Stille der Spannung nur vom Zwitschern eines Vogels gestört. Die Frage aller Fragen in diesem Moment: Hat es Agassi noch in der Hand, die Nummer eins des Tennis zu besiegen? Die Antwort stand nach genau 99 Minuten fest, und sie war unmissverständlich: Wenn Federer so spielt wie an diesem Tag liegt es nicht mehr in seiner Hand.

Agassi meinte nachher: "In allen Sätzen habe ich meinen Aufschlag früh verloren, und damit bittest du geradezu um Bestrafung. Wenn du einem wie ihm so eine Führung gibst, dehnt er sie viel zu schnell aus." Genauso war es. Federer hatte die Ereignisse fest im Griff, getragen von seinem überaus effektiven Aufschlag mit 22 Assen, verziert mit der gewohnten Spielkultur. Die Spannung im Publikum wich bald der Erkenntnis, dass es für Agassi nichts zu gewinnen gab, und so dachte manch einer darüber nach, ob man den Mann aus Las Vegas im nächsten Jahr an dieser Stelle wiedersehen wird. Er selbst meinte dazu später, das habe er schon vor, aber ein Jahr sei eine lange Zeit; das sagt er immer seit einiger Zeit.

Auf dem Platz verabschiedete er sich diesmal nicht mit dem gewohnten Verbeugungen in alle vier Richtungen, sondern mit einer flüchtigen Kusshand, mit einem flüchtigen Winken. Fünfmal in Folge hat er nun gegen Federer verloren, und es scheint so, als habe er dessen Überlegenheit akzeptiert. Sieht er für die anderen eine Chance? Und welchen Rat würde er den nächsten Gegnern des Titelverteidigers geben? "Ich würden ihnen raten, nicht ausgerechnet mich um Rat zu fragen." Aber wer soll es wissen, wie man Federers Spiel knackt, nach nun 26 Siegen in Serie seit August 2004? Der nächste Versuch gebührt Marat Safin.
Der Russe zeigte starke Form beim Sieg in drei Sätzen gegen den Slowaken Dominik Hrbaty. Federer gegen Safin - so hieß 2004 das Finale in Melbourne, und damals gewann der Schweizer klar.

Gemessen an der bisherigen Bilanz - Federer führt 6:1 - steht es um die Aussichten des Russen auch diesmal nicht so toll, aber nach den Erinnerungen an die jüngste Begegnung der beiden, kann es sein, dass die Statistik in die Irre führt. Denn beim 6:3, 7:6 im Halbfinale des Masters Cups in Houston Mitte November ´04 war es für Federer verdammt eng geworden. In einem Klassiker von Tiebreak, der 26 Minuten dauerte und bis zum Ende bei 20:18 voll explosiver Spannung steckte. Was Marat Safin dazu sagt? "Irgendwie kommt doch im Moment keiner an Roger heran. Es ist fast so, als ob er mit uns allen spiele." Genauso ist es.

Auch interessant

Kommentare