Das Feuer des alten Mannes

- Es war ein großer Tag für die reiferen Herren des Skisports. Für Kristian Ghedina, 34, zum Beispiel. Der Italiener, vor sechs Jahren auch schon mal Sieger beim Kitzbüheler Hahnenkampf, reißt schon lange nicht mehr viel, ist aber als Gaudibursch unentbehrlich. Diesmal gewann er die Coolness-Wertung auf der Streif, indem er beim Zielsprung bei fast 130 km/h die Beine zur Grätsche auseinanderriss und mit dieser Freestyle-Einlage den Lacherfolg des Tages verbuchte. "Vielleicht war ich zum letzten Mal hier", sagte Ghedina, da wollte er den Leuten halt noch mal was bieten.

<P>Oder Paul Accola. Im letzten Jahr bei der WM in St. Moritz verletzungsbedingt nur noch als Schneeräumer aufgestellt, gewann er am Samstag, mit 37 Jahren und sichtbarem Übergewicht, die Sonderwertung "Winning Star", mit der die Fis jenen Läufer ehrt, der mit höherer Startnummer die meisten Plätze gutmacht. Der Schweizer bretterte mit Nummer 39 auf Platz 13.<BR><BR>Alle übrigen Einzelwertungen aber gingen ausnahmslos an Stephan Eberharter, der mit seinen fast 35 Jahren die Skiwelt noch mal richtig verblüffte. Vielleicht ist auch er zum letzten Mal hier gewesen. Es war ein Skifest, ein richtiges Gänsehaut-Rennen: Daron Rahlves aus den USA führte, Postkartenkulisse rund um den Hahnenkamm, 45 000 johlende Fans an der Strecke, und nur noch Eberharter konnte Österreichs Ehre und die wichtigste Party des Jahres retten. </P><P>Er tat es mit einer Schussfahrt, wie sie auch ihm noch nicht oft im Leben gelungen war. Eberharter feilschte nicht um Hundertstel-Sekunden, sein Vorsprung im Ziel von sagenhaften 1,21 Sekunden war eine eindrucksvolle Demonstration. Er hat nicht einfach gewonnen - er hat die Konkurrenz deklassiert. Mit dem viertgrößten Vorsprung auf der Streif aller Zeiten, dem größten seit Peter Wirnsberger 1986. "Teufelsritt in eine andere Dimension" titelte gestern der "Wiener Kurier".<BR><BR>So emotional berührt wie nach diesem Erfolg hat man Eberharter selten erlebt. "Ein kleines Meisterstück" sei ihm da gelungen, er schwärmte von einem "der schönsten und wichtigsten Siege in meiner Karriere", neben Olympiasieg und drei WM-Titeln. In Wintern ohne Großereignis gilt der Abfahrts-Triumph am Hahnenkamm als Maß aller Dinge, davon hat er nun auch schon zwei in der Sammlung. Aber es klang nach Rückzug, als er sagte: "Ich war unter Feuer heute, weil ich hier unbedingt noch mal gewinnen wollte. Deshalb habe ich bewusst das volle Risiko genommen." </P><P>Es sei auf der Streif ein schmaler Grat zwischen Sieg und Helikopter, sinnierte der Zillertaler, "wir bewegen uns ständig am Limit, aber nur wer die Courage hat, da drüberzugehen, ist ganz vorne."<BR><BR>Im Pressezentrum lag druckfrisch die Biographie von Franz Klammer auf. Titel: "Ein Leben wie ein Roman". "In meiner Kindheit war Klammer der große Held", erzählte Eberharter - jetzt hat er das Idol mit 27 Weltcupsiegen sogar um einen überholt. Eberharter hat wieder einmal alle Zweifler eines Besseren belehrt, die sein Tief zu Beginn des Winters als Omen für den Abstieg deuteten. Es wurde nach Gründen gesucht: Zu später Trainingsbeginn? Der Hermann-Maier-Komplex? Dabei hatte ihn wirklich nur eine hartnäckige Grippe zurückgeworfen.<BR><BR>Eberharter hat am wenigstens trainiert, bekommt aber jetzt den meisten Applaus. In Kitzbühel verneigten sich alle staunend vor dem großen alten Mann der Abfahrt, der nun auch wieder den Disziplinen-Weltcup, sein erklärtes Saisonziel, anführt. Der geschlagene Daron Rhalves: "Ich habe keine Ahnung, wie der Steff das gemacht hat, der muss ein paar Tore ausgelassen haben." Cheftrainer Toni Giger: "Steff ist gefahren, als ob es kein morgen geben würde." Hans Knauß: "Er ist das Rennen seines Lebens gefahren. Er redet immer von der Pension, aber der Bursche fährt wie ein Junger."<BR><BR>Fährt der Bursche mit 35 auch im nächsten Jahr? Die Pensions-Frage will Eberharter erst im Frühjahr entscheiden, enge Vertraute glauben angeblich nicht mehr an die Fortsetzung der Karriere. Kristian Ghedina ist sich auch nicht ganz sicher. "Kann sein, dass ich doch noch mal komme", sagte er. "Vielleicht probiere ich dann einen Salto mortale."</P>

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