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Champion: Michael Jordan dominierte mit den Chicago Bulls in den 90ern die NBA.

Interview Frank Buschmann

„Jordan sagte: Die verrückten Deutschen“

  • vonNico-Marius Schmitz
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„The Last Dance“ erzählt die Geschichte der Chicago Bulls um Michael Jordan in den 90er-Jahren. Frank Buschmann hat die Finalspiele der legendären Mannschaft damals live aus Amerika kommentiert.

München – Die Dokumentation „The Last Dance“ von ESPN (in Deutschland auf Netflix verfügbar) begeistert derzeit Basketball-Fans auf der ganzen Welt. Die Dynastie der Chicago Bulls in den 90ern mit Michael Jordan, Scottie Pippen und Dennis Rodman wird unter die Lupe genommen. Frank Buschmann (55) hat unter anderem die Finalspiele der Bulls von 1996 bis 1998 live aus den USA kommentiert. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt der bekannte Sportkommentator, wie er den „Wanderzirkus“ damals erlebt hat und warum er diese Erlebnisse niemals gegen ein Fußball-WM-Finale eintauschen würde.

Frank Buschmann, wie haben Ihnen die ersten Folgen der Doku „The Last Dance“ gefallen?

Für mich ist das Schauen der Doku sehr wahrscheinlich etwas anderes als für 99,9 Prozent der Leute. Ich habe die ersten beiden Folgen morgens im Bett auf dem iPad gesehen und mir sind die Tränen gekommen. Bei den meisten Bildern weiß ich noch genau, wo ich mich damals in der jeweiligen Halle aufgehalten habe. Bei den Interviewsequenzen weiß ich noch genau, neben welchem Kollegen ich damals stand. Da habe ich durchgängig Hühnerpelle, es ist für mich auch eine Reise in die eigene Vergangenheit.

Warum ist die Doku bei Basketball-Fans derzeit
so beliebt?

Die Doku gibt extrem tiefe Einblicke. Eindrücke aus der Kabine, Gespräche mit den Familien, persönliche Geschichten zu den Spielern. Das ist so großartig und unterscheidet sie von anderen Sportdokus, bei denen man im Nachhinein oft genauso viel weiß wie vorher.

Sie waren damals ja hautnah dabei...

Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich höre, wie vermeintliche Basketball-Experten über die Bulls der 90er sprechen. Wer war denn damals schon live dabei? Wer durfte in die Magie reinschnuppern? Mich erfüllt das mit großer Demut. Ich denke mir jedes Mal: Mein Gott, war das geil, dass ich dabei sein durfte.

Wie kam es dazu, dass der deutsche Sender DSF nach Amerika fliegt, um NBA-Finals zu übertragen?

Die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona haben das Interesse an der NBA in Deutschland gesteigert. Das „Dream Team“ der Amerikaner mit der schillernden Figur Michael Jordan war einfach faszinierend. Ich habe den Programmchefs vom DSF lange in den Ohren gelegen, dass man die amerikanischen Basketballer doch auch mal im deutschen TV zeigen könnte. Die haben mir am Anfang einen Vogel gezeigt. 1996 spielte dann der deutsche Detlef Schrempf mit den Seattle SuperSonics im Finale gegen die Bulls. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits auf der griechischen Insel Santorini. Kai Blasberg rief mich an und sagte: „Wenn du jetzt deinen Urlaub unterbrichst und nach Seattle fliegst, übertragen wir die Finals bei DSF.“ Ich bin sofort nach München geflogen, habe eine Tasche gepackt und anschließend ging es zu den NBA-Finals. Blasberg hat damals den Hund von der Leine gelassen, das war die Geburtsstunde der deutschen „Live vor Ort“ – Berichterstattung von NBA-Spielen.

Wie kamen die Übertragungen in Deutschland an?

Wir hatten teilweise bis zu 400 000 Zuschauer nachts von 3 bis 6 Uhr. Wenn du heute einen 40-Jährigen nach der Doku fragst, sagen sie dir: „Die muss ich unbedingt sehen, für die Spiele bin ich damals mitten in der Nacht aufgestanden.“ Es kommen heute noch Leute mit VHS-Kassetten zu mir, auf denen sie die Spiele aufgenommen haben.

Was hat die Chicago Bulls in den 90er-Jahren so besonders gemacht?

Die Bulls waren in den USA ein Faszinosum, das selbst die Amerikaner so nicht erlebt hatten. Man muss sich das mal vorstellen: Der beste Basketballer aller Zeiten Michael Jordan spielt mit Scottie Pippen, dem besten Adjutanten aller Zeiten und dem irrsinnigen Dennis Rodman in einem Team. Und diese Stars werden dann trainiert von dem buddhistisch angehauchtem Coach Phil Jackson. Das waren Zutaten für ein Gericht, das nur vorzüglich schmecken konnte. Der Wanderzirkus der Bulls hat seine Power damals in jede Stadt transportiert. 1997 und 1998 reist Chicago mit dem Antichristen Dennis Rodman nach Salt Lake City in den Mormonenstaat Utah, um dort die Finals zu spielen. Das waren auch außerhalb des Basketballs Geschichten, die einfach polarisiert haben.

Und sportlich?

Was viele bei Jordan vergessen, dass er nicht nur ein überragender Scorer, sondern auch ein brillanter Verteidiger war. Pippen ist ein Spieler, der immer unterschätzt wurde. Was er pro Spiel an Rebounds, Assists und Steals gesammelt hat, war unglaublich. Pippen war ein absoluter Allrounder. Dazu dann noch der kompakte Rodmann, dem es völlig egal war, wie viele Punkte er im Spiel macht. Wie kleine Kinder unbedingt in die Tüte mit Gummibären greifen wollen, hat er versucht sich jeden Rebound zu schnappen.

In der Doku dreht sich natürlich auch vieles um den wohl besten Basketballer aller Zeiten: Michael Jordan. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Bei Michael Jordan war auch der Kopf das Entscheidende. Er hat seine Mentalität auf das ganze Team übertragen. Jordan war besessen von Erfolg und er hat es geschafft, seine Besessenheit in Erfolg, nämlich sechs NBA-Titel, zu kanalisieren. Als Teamkollege war er nicht immer einfach. Nach einem wichtigen Erfolg soll er in den Bus gestiegen sein und gesagt haben: „Wenn hier einer glaubt, dass wir schon was erreicht haben, bekommt er ein Problem mit mir.“ Es war diese Siegermentalität, die unfassbare Aura, die Jordan ständig umgeben hat. Ich kann mich an einen Termin bei einem Allstar-Event erinnern. Es war schon ziemlich viel Trubel in der Halle, aber plötzlich merkte ich, dass sich irgendwas verändert. Es wurde plötzlich still und es war so, als würde die Zeit in halber Geschwindigkeit ablaufen: Jordan hatte die Halle betreten.

Wie wurde das deutsche Fernsehteam damals in Amerika wahrgenommen?

Wir Deutschen galten als die bunten Vögel in Amerika. Zu Jordan hatten wir natürlich kein persönliches Verhältnis, aber er hat uns schon erkannt: „You are the crazy Germans.“ Ihr seid die verrückten Deutschen. Viele US-Journalisten haben sich vermutlich gedacht: Was stellen die Deutschen da für Fragen? Und wie sehen die überhaupt aus? Wir standen da nicht in feinen Anzügen. Es ging uns darum, die Leidenschaft für die NBA zu den Zuschauern zu transportieren. Für mich waren das unfassbare Erlebnisse.

Die schönsten Erlebnisse in Ihrer Laufbahn als Sportkommentator?

Die NBA-Finals, die ich live kommentieren durfte, sind für immer auf meiner Festplatte gespeichert. Wenn mir einer anbieten würde, dass ich ein WM-Finale im Fußball mit deutscher Beteiligung bei einem großen Sender kommentieren dürfte, aber dafür die Festplatte löschen müsste, würde ich mich immer für die NBA-Erinnerungen entscheiden. Ich denke, das sagt alles aus.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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